Pfleger auf der Ebersberger Intensivstation: Andreas Lenz (53).
+
Pfleger auf der Ebersberger Intensivstation: Andreas Lenz (53).

Diese Menschen halten den Laden zusammen

Intensiv-Pfleger sagt nach einem Jahr Pandemie: „Das wird nicht zur Routine“ - und wundert sich über Debatten

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
    schließen

Keine Branche bekommt in der Coronakrise so viel Respekt und Ansehen wie die Pflegekräfte. Doch sie kämpfen auch mit nie da gewesener Belastung.

Landkreis – Der Krankenpfleger Andreas Lenz ist das, was hierzulande unter „gestandenes Mannsbild“ firmiert. 1,80 Meter groß, 88 Kilo schwer, 53 Jahre alt, so viel zu den Eckdaten. Und: ziemlich erschöpft. „Die körperliche Anstrengung hat sich drastisch erhöht“, sagt der Mann, der sich seit über einem Jahr auf der Intensivstation der Ebersberger Kreisklinik um Beatmungspatienten kümmert – sie dreht und lagert, damit sich keine Druckstellen am Körper bilden, die Körperpflege übernimmt, die Blutwerte prüft, die Medikamentengabe und die Beatmungsgeräte, dazu die oft notwendige Dialyse überwacht.

Es vergeht kaum eine Stunde, in der ein Covid-19-Patient ohne solchen Besuch auskommt. Oft verbringt Lenz an die zwei Stunden in der Isolierzimmer, in der zwei Bewusstlose nebeneinander wochenlang ums Überleben kämpfen. Wenn er dann durchgeschwitzt heraustritt, Kittel, Haube, Schutzbrille und Maske abstreift, sind die Abdrücke der Ausrüstung in seinem Gesicht noch lange zu sehen und zu spüren. „Das wird nicht zur Routine“, sagt Lenz über die Patienten in der Dauerisolation. Das merke er körperlich – und mental.

Plötzlich überall Schutzausrüstung und ständig Beatmungspatienten: „Da ist die Pandemie“

Für ihn, der seit 25 Jahren in Krankenhäusern, davon 14 Jahre auf der Intensivstation pflegt, sind die „Langlieger“, wie Dauer-Intensivpatienten im Medizinerjargon heißen, in dieser Anzahl neu. Als mit dem Anrollen der ersten Corona-Welle auf der Ebersberger Station vor den Isolierzimmern plötzlich überall die Wagen mit der Schutzausrüstung standen und ständig drei, vier Covid-Patienten im Wechsel auf den Bauch gedreht werden mussten, sah Lenz: „Da ist die Pandemie.“

Sein Berufsstand bekommt so viel Aufmerksamkeit wie nie zuvor. Die Nachbarn boten ihm zu seiner Überraschung und Freude an, für ihn einkaufen zu gehen, wenn mal was wäre. Die Medien beobachten genau, wie sich die Patientenzahlen auf den Stationen entwickeln. Die Anerkennung für das, was er tut, sei nach wie vor groß – was die Bezahlung seines Berufsstands angeht, hält sich Lenz mit einem Kommentar zurück.

Anstrengende Pflege: Respekt für die jungen Kollegen

Dagegen beobachtet der Pfleger: „Die Sensibilisierung für die Situation lässt nach.“ Für ihn drinnen in der Klinik wirke manche Debatte draußen befremdlich. „Bei uns sind fast 100 Prozent der Leute geimpft“, sagt er zum Beispiel. „Die sehen, wie das ist.“ Respekt hat Lenz vor allem für seine jungen Kollegen, viele davon Anfang, Mitte 20, die sich tapfer und optimistisch dem Corona-Stress stellten. „Das muss man erst mal machen“, sagt der Pfleger.

Er meint damit übrigens genauso die Kollegen anderer Disziplinen – einen Eliten-Status für sich und seine Kollegen von der Intensivstation, davon will Lenz nichts hören. „Wir sind alle Spezialisten auf unserem Gebiet“, sagt er. „Es sagt ja auch keiner: Orthopäden sind besser als Gynäkologen oder umgekehrt.“

Pfleger im Seniorenheim: Maximilian Trost (23).

Freuen dürfte sich über diese Worte von so einem alten Hasen der 23-jährige Grafinger Maximilian Trost. Er ist Altenpfleger im Glonner Marienheim und beobachtet: „Manche glauben immer noch, dass wir nur zum Hintern abputzen da sind.“ Trost hat aber auch bemerkt, dass sich durch die Pandemie im Bewusstsein vieler Menschen dieses Bild gewandelt hat: „Wir werden mehr geschätzt“, sagt er über die Helfer und Pfleger in den Seniorenheimen.

Corona im Altenheim: Die Symptome waren anders als gedacht

Die Pandemie traf das Marienheim mit der zweiten Welle hart – kurz bevor die rettende Impfkampagne griff. „Jetzt wird es richtig streng“, merkte Trost, als immer mehr Bewohner und Kollegen positiv getestet wurden und in der Folge auch Senioren starben. Was die Pfleger überrascht und verunsichert habe: Der gefürchtete Covid-Husten sei oft ausgeblieben, stattdessen hätten sich Müdigkeit, Kraftlosigkeit und Appetitlosigkeit bei den Erkrankten und Sterbenden bemerkbar gemacht. Bis jetzt steht gut ein Viertel der Zimmer in dem Heim leer, schätzt der Altenpfleger – etwas, das die gesamte Branche bis zur Pandemie nicht kannte. Der Altenpfleger könne die Bedenken der Angehörigen verstehen, die derzeit zögerten, ihre Angehörigen in stationäre Pflege zu geben.

Als Trost vor gut fünf Jahren als Ofenbauer aufhörte und als ein Praktikum im Marienheim anfing, sei er skeptisch gewesen. Heute sagt der 23-Jährige: „Mein Beruf macht mich ziemlich glücklich.“ An seiner Wahl habe er auch während des Corona-Ausbruchs im Heim nicht gezweifelt, obwohl ihn das Virus selber auch erwischte. „Da müssen wir jetzt durch“, habe er sich nur gedacht. Schließlich seien die Pfleger, hinter ihrer Ganzkörper-Schutzausrüstung, eine Zeit lang die einzigen menschlichen Kontakte der Bewohner gewesen. „Das hat sich gottseidank entspannt“, sagt Trost, auch Besuch dürfe seit der Durchimpfung wieder kommen. „Es hat schon an Menschlichkeit gefehlt.“

Berufsbild Pflege: Hoffen, dass die Menschen dauerhaft umdenken

Zusammengeschweißt habe die Pandemie das Pflegeteam im Heim. „Wir haben gemerkt, dass wir uns aufeinander verlassen können“, sagt der 23-Jährige – auch wenn die anstrengende Arbeit in der Schutzausrüstung und der noch mal gestiegene Dokumentationsaufwand eine Belastung gewesen seien.

Mit seiner Bezahlung hadert Trost als Single nicht, auch wenn eine Familie von seinen rund 2300 Euro netto, Münchenzulage inklusive, wohl nicht leicht zu ernähren sei. „Für mich langt es“, sagt er. Wichtiger wäre ihm, mehr Zeit für die Bewohner zu haben – „eine halbe Stunde zum Ratschen“ – , und dass die geänderte Denkweise der Bevölkerung über seinen Berufsstand auch nach der Pandemie erhalten bleibt.

Ebersberg-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Ebersberg-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Ebersberg – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare