Gefordert: Dr. Annette Dame (52) ist die einflussreichste Ärztin im Landkreis Ebersberg. Sie leitet das Kreis-Gesundheitsamt.
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Gefordert: Dr. Annette Dame (52) ist die einflussreichste Ärztin im Landkreis Ebersberg. Sie leitet das Kreis-Gesundheitsamt.

Von 30 auf 80 Mitarbeiter aufgestockt

Corona in Bayern: Gesundheitsamt am Limit, Chefin gibt jetzt Einblick - „Berge nachzuarbeiten“

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Erschöpfte Mitarbeiter, zahlreiche Überstunden und liegengebliebene Arbeit. Der Job der Mitarbeiter im Gesundheitsamt Ebersberg ist derzeit kein Zuckerschlecken.

Ebersberg - Seit einem Jahr ringt das Gesundheitsamt Ebersberg mit dem Coronavirus. Das hat die Behörde verändert – nicht nur, weil sie von 30 auf über 80 Mitarbeiter angewachsen ist. Die Amtsleiterin Dr. Annette Dame spricht im Interview über den Dauer-Druck, der auf ihr und den Mitarbeitern lastet.

Frau Dr. Dame, wie läuft der Arbeitstag einer Gesundheitsamts-Chefin ab?
Dame: Morgens so ab 8 Uhr arbeite ich zuerst die über Nacht angelaufene E-Mail-Flut ab. Es schreiben Mitarbeiter, Bürger, andere Behörden. Da gilt es zu sortieren: Was ist dringend? Wer kann sich um was kümmern? Ab 8.15 Uhr folgen interne Besprechungen und der Krisenstab des Landratsamts, der zweimal die Woche um 8.30 Uhr tagt. Dann ganz viele Telefonate und Besprechungen – Prozesse optimieren, Vorgaben umsetzen. Darum dreht sich der ganze Tag. Eigentlich bin ich bisher auf einer Teilzeitstelle, arbeiten könnte ich aber auch 200 Prozent. An einem normalen, langen Tag gehe ich um sechs raus. Manchmal wird es auch elf, halb zwölf am Abend, bis die letzte E-Mail geschrieben ist.
Sie leiten das Amt seit vergangenem September. Haben Sie seither Urlaub genommen?
Dame: Nur tageweise. Sonst ist es schwer, hinterherzukommen. Das gilt genauso für meine Kollegen, wir sind familienfreundlich, haben viele Teilzeitkräfte. Täglich, auch an Feiertagen und Wochenenden müssen wir die Fallzahlen melden, dazu kommt ein täglicher Bereitschaftsdienst von 8 bis 22 Uhr. Diese Sieben-Tage-Belastung ist im öffentlichen Dienst nicht vorgesehen, deswegen hat sich eine Masse an Überstunden angesammelt. Seit einem Jahr bin ich so gut wie jeden Tag irgendwie involviert. Manchmal wache ich auch nachts auf und denke über Probleme nach. Corona hat damals eingeschlagen wie eine Bombe. Seitdem mussten wir uns tagtäglich neu organisieren.

Corona In Ebersberg: Routine entwickelt sich im Gesundheitsamt nie

Entwickelt sich da nicht irgendwann eine Routine?
Dame: Leider nicht. Die Phase, in der wir gesagt hätten: Jetzt läuft die Sache, dabei bleiben wir, gab es nie. Es gibt ständig Neuerungen und ich will auch bei allen Themen Bescheid wissen. Wenn es in die Tiefe geht, haben wir Spezialteams, beispielsweise für Schulen, für Heime, für die Klinik. Begehungen vor Ort sind Teil unserer originären Aufgaben. Allerdings mussten wir das stark zurückfahren. Wir sind intern ausgelastet, was die Nachverfolgung der Infektionsketten und die Quarantäne- und Isolations-Anordnungen angeht. Das ist momentan ein Gros der Arbeit.
Viele Landkreisbürger hatten in dem Zusammenhang das erste Mal mit dem Gesundheitsamt zu tun – weil sie in Quarantäne mussten.
Dame: Wenn jemand die eigene Wohnung nicht verlassen darf, ist das ein Eingriff ins Leben, ja. Die Emotionen, der Ärger der Bürger, sind für uns nachvollziehbar. Mir ist aber wichtig: Diese Maßnahmen denken uns nicht wir hier im Gesundheitsamt Ebersberg aus. Da fließen wissenschaftliche Empfehlungen in Vorgaben ein, die wir von übergeordneten Behörden bekommen und umsetzen. Es geht bei allem immer darum, das Virus einzudämmen.
Sie sind also vor allem Befehlsempfänger?
Dame: Wir bekommen ganz klare Vorgaben von oben. Spielräume gibt es da wenig. Eher Probleme in der Umsetzung, wenn sich eine Lücke auftut, die nicht bedacht wurde. Sie hatten jüngst über den Konflikt berichtet, wenn sich Eltern das Sorgerecht teilen und die Kinder plötzlich bei einem Elternteil in Quarantäne sind. So etwas steht in dem Gesetzestext nicht drin. Wir haben dann das menschliche Schicksal vor uns und müssen das mit den Vorgaben zusammenbringen.

Corona in Ebersberg: „Es hilft, wenn man sich an die Regeln hält“

Mussten Sie selber schon in Quarantäne?
Dame: Zum Glück nicht. Aber es kann jeden Tag passieren. Natürlich hatten wir in unseren Reihen auch solche Fälle. Eine große Weiterverbreitung konnten wir bei uns im Haus aber vermeiden. Es hilft einfach wirklich, wenn man sich an die Regeln hält.
In den Pflegeheimen hat sich die Lage dank der Impfung entspannt. Was sind nun Ihre Baustellen?
Dame: An den Schulen haben wir vereinzelte Fälle. Und wir haben weiter ein Auge auf vulnerable Gruppen. Beispielsweise, wenn ältere Menschen daheim von Pflegediensten betreut werden oder im betreuten Wohnen. Auf Wohnformen, die nicht der Heimaufsicht unterliegen, haben wir keinen so direkten Zugriff. Trotzdem müssen wir Infektionen zeitig mitbekommen. Dazu kommen Einzelfälle, auch in Firmen, oder Reiserückkehrer. Das ist das Tagesgeschäft – eine bunte Mischung.
Die Pflegeheime sind durchgeimpft, aber an den Maßnahmen hat sich kaum etwas geändert.
Dame: Die Schnelligkeit des Virus ist einfach die große Schwierigkeit. Wir hinken immer hinterher, bis wieder belastbare Studien herauskommen. Die Impfung ist so ein Beispiel, wo die Informationslage derzeit noch zu dünn ist, als das wir lockern könnten. Das stößt bei der Bevölkerung auf Unverständnis. Aber wir sehen, dass in Deutschland zunehmend die Mutanten nachgewiesen werden – das Virus hat sich verändert. Und wir wissen noch nicht genau, wie die Impfung davor schützt. Ausbrüche in Pflegeheimen wie zum Jahresanfang möchte keiner mehr erleben. Deswegen sind wir mit den Öffnungen so zögerlich.
In mehreren Heimen sind Dutzende gestorben. Wie kam das Virus hinein?
Dame: Das lässt sich ganz schwer nachvollziehen. Die kritische Zeit ist, wenn jemand im Heim infektiös ist, aber keine Symptome hat. Da schlägt auch der Schnelltest nicht immer an. Dazu kommt: An Weihnachten und Silvester waren viele Menschen daheim zu Besuch. Dann hat man sich ewig nicht gesehen, umarmt sich, wer will jemandem das auch verübeln? Der Mensch ist ein soziales Wesen. Aber dem Virus reicht oft schon ein Moment, in dem die Maske nicht sitzt.

Corona in Ebersberg: Todesfälle sind schwierig zuzuordnen

Wann fließt ein Sterbefall eigentlich als Corona-Toter in die Statistik ein?
Dame: Das ist eine Wissenschaft für sich. Das Robert-Koch-Institut hatte das lange nicht definiert. Ein Covid-Infizierter kann mit Corona, aber an einem Karzinom versterben. Es lässt sich oft nicht endgültig sagen, was die Todesursache war. Aber damit ein Sterbefall in die Statistik eingeht, muss Covid-19 in der Todesbescheinigung unter den klinischen Befunden stehen, die den Tod mit herbeigeführt haben. Oder wir forschen, falls wir wissen, dass die Person infiziert war, bei dem Einzelfall nach. Das braucht Zeit. Deshalb werden manche Fälle verzögert gemeldet. Das An und das Mit sind bei Corona schwer zu trennen.
Das verstehen viele nicht.
Dame: Ja, die Kritiker setzen da an. Und in Teilen berechtigt – aber das liegt an der Schwierigkeit dahinter. Unter dem Gesichtspunkt, dass die Todesursache nicht immer eindeutig bestimmbar ist, muss man vielleicht auch die Zahlen sehen.
Sind Sie mit den ganz eisernen Corona-Leugnern auch konfrontiert?
Dame: Ja, immer wieder. Teilweise klingt da eine persönliche Anklage durch. Wir versuchen dann sachlich zu antworten. Aber wir sind keine wissenschaftliche Behörde und haben auch nicht die Zeit, manche Dinge zu erklären. Wie genau ein PCR-Test funktioniert zum Beispiel. Um uns da nicht in lange Diskussionen zu verwickeln, verweisen wir dann auf Beschwerdestellen oder Informationsquellen, wo man Dinge nachlesen kann.
Bereiten Ihnen die Mutationen Sorgen?
Dame: Sie sind wieder ein neues Feld. Ohne sie könnten wir mit ruhigerem Gewissen auf die sinkenden Zahlen schauen. So wissen wir viele Dinge nicht sicher, beispielsweise, ob man sich trotz überstandener Krankheit erneut anstecken kann – oder wie lange eine Immunität anhält. Die Datenlage ist noch dünn. Wir überprüfen jeden neuen Positiv-Test auf die Varianten.

Corona in Ebersberg: „Das Virus wird bleiben“

Viele Menschen hoffen auf einen entspannten Sommer, darauf, dass wieder Urlaub möglich ist.
Dame: Das hoffen wir alle – dass die Zahlen weiter zurückgehen. Eine Prognose traue ich mich lieber nicht. Nur eins ist klar: Das Virus wird bleiben.
Und Ihr Amt beschäftigen.
Dame: Ja. Die Kontaktnachverfolgung ist ein enormer Aufwand, bei dem sich die Regeln immer wieder ändern. Genau wie die Einreisequarantäneverordnung, da gibt es so viele Spezialfälle, für wen was gilt. Außerdem hat hier im Gesundheitsamt einiges brachgelegen, Aufgaben, die wir wegen der Corona-Pandemie nicht voll erfüllen können. Anfangs waren wir 30 Mitarbeiter, jetzt sind wir über 80, die quasi rund um die Uhr arbeiten könnten.
Was hat das vergangene Jahr mit Ihren Mitarbeitern gemacht?
Dame: Es stellen sich Erschöpfungszustände ein, besonders bei Eltern, die kleine Kinder daheim haben. Die Schwierigkeiten, die ganz viele betreffen, hat auch unser Personal hautnah mitbekommen. Da gab es Wechsel und Kündigungen. Aber es gibt hier auch einen Zusammenhalt, der mich hochhält und bestärkt hat, diese Stelle hier anzutreten. Schwierig ist, dass es momentan keine Perspektive gibt – früher hat jeder gewusst: Bald ist Sommer, dann kann ich in Urlaub gehen. Momentan kann ich niemanden guten Gewissens drei Wochen wegschicken. Es gibt Berge, die wir nacharbeiten müssen.

Corona in Ebersberg: Andere Aufgaben werden nur rudimenär abgearbeitet

Was ist wegen Corona liegen geblieben?
Dame: Wir erfüllen noch andere staatliche Aufgaben – überwachen das Trinkwasser, andere meldepflichtigen Krankheiten wie Masern, Keuchhusten. Das läuft nur rudimentär weiter. Ein weiterer Punkt sind die ärztlichen Gutachten, zu denen wir fast gar nicht mehr kommen, wie die Beurteilung von Beamtenanwärtern oder Einschulungsuntersuchungen. Und in der Betreuungsstelle, die sich zum Beispiel um Demenzerkrankte kümmert, sorgen die Hygieneauflagen für mehr Arbeitsaufwand: Wir können nicht mehr mit allen Beteiligten in einem Fall auf einmal sprechen, sondern müssen mit jedem Familienmitglied Einzelgespräche führen.
Sie bieten auch Beratungsleistungen an.
Dame: Ja, für Schwangere, für ältere Menschen, die sich nicht so einfach online zuschalten können. Das geht alles nur minimiert im Einzelgespräch. Und gerade die Jugend geht uns ein bisschen verloren. Der Austausch an den Schulen ist uns wichtig und wurde immer gut angenommen: Suchtberatung, Ernährungsberatung, Sexualaufklärung, HIV-Beratung. Die Arbeit vor Ort in den Klassen fehlt, in dem für die Schüler vertrauten Rahmen. Das aufzuholen wird kaum zu schaffen sein. Zumal ja nicht absehbar ist, wann wir überhaupt wieder starten können.
Sie haben gesagt, das Virus wird nicht verschwinden. Wie machen wir dann weiter?
Dame: Indem jeder eigenverantwortlich handelt. In der Schlange an der Eisdiele Maske tragen und auf Abstand gehen. Größere Menschenansammlungen meiden und lieber dort in die Sonne legen, wo nicht so viel los ist. Das Möglichste tun, ohne in Hysterie zu verfallen.

Das Interview führte Josef Ametsbichler.

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