Ein Corona-Schnelltest, der negativ ausfällt. Ein Streifen auf Höhe des T deutet auf eine Infektion hin.
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Ein Corona-Schnelltest, der negativ ausfällt. Ein Streifen auf Höhe des T deutet auf eine Infektion hin.

Trotz eigener Testoffensive

CSU-Landrat schießt wieder gegen Söders Corona-Politik: Test-Strategie „verbaut Ausstieg aus Einschränkungen“

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Kritik an Bayerns Corona-Strategie hat Ebersbergs CSU-Landrat Robert Niedergesäß schon in der Vergangenheit geübt. Nun greift er Söders Teststrategie scharf an: Sie führe zu mehr Fällen und damit zu mehr Einschränkungen.

Landkreis – Gerade erst hatte Landrat Robert Niedergesäß sein Landratsamt eine Anti-Corona-Strategie ankündigen lassen, die ihresgleichen sucht: Schnelltest-Angebote auf dem Volksfestplatz, sogar im Abwasser in den Kläranlagen soll nach dem Virus gefahndet werden. Nun sagt Niedergesäß plötzlich: „Mehr Tests bedeuten grundsätzlich mehr Fälle, mehr Fälle bedeuten wiederum mehr Einschränkungen für alle.“ Und der CSU-Politiker fügt hinzu: „Die Politik verbaut mit dieser Teststrategie den Ausstieg aus den Corona-Einschränkungen.“

Trotz eigener Test-Strategie im Landkreis: CSU-Politiker kritisiert Söders Corona-Testoffensive - „Läuft notwendigen Öffnungsstrategien entgegen“

Wenn Niedergesäß damit nicht seine eigene „Control-Covid-Strategie“ meint, gilt die Kritik wohl seinem Parteifreund, Ministerpräsident Markus Söder. Dessen Kabinett beschloss am Mittwoch eine regelmäßige Corona-Testpflicht für alle bayerischen Schüler im Präsenzunterricht. In dem Kontext erfolgte auch Niedergesäß’ Aussage als Antwort auf eine entsprechende Anfrage der Redaktion.

Mehr Tests, mehr Fälle: „Das läuft den notwendigen Öffnungsstrategien entgegen“, argumentiert der Landrat. Es müssten gleichzeitig die Hürden für Lockerungen gesenkt werden. Was Niedergesäß unerwähnt lässt: Kein Schnell- oder Selbsttest fließt in Inzidenzwerte oder Fallzahlen ein, weshalb sich dabei aus (falsch-)positiven Ergebnissen auch nicht mehr Einschränkungen ergeben: Als amtlichen Nachweis einer Infektion braucht es zur Bestätigung einen laborgeprüften PCR-Rachenabstrich.

Bayern: Corona-Testpflicht für Schüler - „sehr starker Eingriff in Persönlichkeitsrechte“

Die Testpflicht für alle Schüler nennt der Landrat einen „sehr starken und nicht verhältnismäßigen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte“ – auch wenn sich so Infektionsketten leichter unterbrechen ließen. „Mehr Schnelltests bedeuten aber auch mehr falsch Positive, was an den Schulen neben einem organisatorischen Tohuwabohu auch zur Stigmatisierung betroffener Schüler führen kann bzw. auch wird“, so Niedergesäß weiter.

Welcher Fremde fuhrwerkt den Kindern des Landrats in Mund und Nase herum - bei einem Selbsttest?

Viele Eltern sähen die Testpflicht daher kritisch, so der Landrat. Dazu erreichten ihn täglich sehr viele Zuschriften und er lese in den Medien viele kritische Stimmen von Kinderfachärzten, Fachverbänden und Experten, das könne man nicht ignorieren. „Zum anderen bin ich selber Vater von zwei Schulkindern und möchte nicht, dass andere meinen Kindern zweimal die Woche in Mund und Nase rumfuhrwerken“, argumentiert der Landrat – um einen Satz später einzuräumen, dass dies zwar bei den Selbsttests so nicht der Fall sei. Wie der Name schon sagt, testen sich die Kinder dabei – unter Lehreraufsicht – selbst.

Nach Kritik an Nasen-Abstrichen: Landrat wirbt für Spucktests - „Vertretbarer Kompromiss“

Einen „vertretbaren Kompromiss“ sieht der Landrat in Spucktests, die ohne Schleimhautabstrich auskommen. Für Schüler, deren Eltern die Testung ablehnen, bleibe sonst wohl nur Distanzunterricht. Nur stelle der Freistaat eben bislang nur Abstrich-Tests für den vorderen Nasenbereich zur Verfügung. Niedergesäß fordert, das zu überdenken. Bis Ende April seien die Schulen mit Nasen-Selbsttests versorgt, dann seien Lieferungen im Zwei-Wochen-Takt angekündigt. Es müsse geprüft werden, ob das Landratsamt Spielräume habe, stattdessen Spucktests einzusetzen, selbst wenn das zu Mehrkosten führe. Niedergesäß findet: „Schließlich geht es um das Wohl der Kinder!“

Corona in Bayern: Abschaffung der Masken an Schulen im Gegenzug zur Testpflicht?

Und wenn schon Testpflicht, dann sollten die Schüler etwas davon haben, fordert der Landrat: „Präsenzunterricht für alle Klassen und keine Maskenpflicht an den Schulen mehr. Das wäre ein Fortschritt!“ Die Schulen und das Schulamt warten derweil noch auf ein Schreiben aus dem Kultusministerium, das die Umsetzung der Corona-Testpflicht regelt. Das bestätigte der Ebersberger Schulrat Stephan Rettig am Donnerstag.

Gemischte Gefühle herrschen in der Elternschaft. Im Zwiespalt sieht sich beispielsweise die Ebersbergerin Monika Zieglmeier (44), Mutter von drei Kindern, zwei davon im schulpflichtigen Alter von elf und 14 Jahren. Sie sagt: „Die Kinder müssen ausbaden, was die Erwachsenen nicht hinbekommen.“ Zwar sehe sie ein, dass die Tests ein Mittel sein könnten, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. „Ich finde das Wahnsinn“, sagt sie aber über den gemeinsamen Abstrich im Klassenzimmer und mögliche Stigmata für positiv Getestete.

Corona-Testpflicht in Bayern: Schulamt Ebersberg wartet auf genaue Regeln, gemischte Gefühle bei Eltern

Lieber wäre es Zieglmeier, sie könnte ihre Kinder daheim testen. Und die Maskenpflicht an der Schule müsse im Gegenzug fallen, argumentiert sie gleich dem Landrat: „Sonst finde ich das unlogisch“. Der Schulalltag sei „wahnsinnig wichtig“, die Kinder litten sehr unter der aktuellen Lage.

Lars Moormann, Elternsprecher am Gymnasium Kirchseeon, beobachtet dagegen, dass viele Schüler längst souverän mit der Corona-Situation umgingen. Sollte ein Schnelltest im Klassenzimmer positiv ausfallen, fürchte er daher keine Ausgrenzung: „Da vertraue ich auf die Sozialkompetenz unserer Kinder.“ Die Lehrer seien zudem pädagogisch ausgebildet und „können das auffangen“. Aus seiner Sicht spreche nichts gegen die Testpflicht. Gut findet er vielmehr, dass es dadurch eine einheitliche Regelung gebe. „Familien schützen, Bildung ermöglichen“, das werde damit erreicht. Denn das Homeschooling, da sind sich alle irgendwie einig, haben Schüler, Eltern und Politiker satt.

Der EZ-Kommentar zum Thema: „Ein Landrat denkt quer“

Verständlich der Eltern-Ärger über die Corona-Testpflicht. Verständlich auch Kritik an anderen Einschränkungen der Pandemie-Politik. Und verständlich, dass Landrat Niedergesäß das aufgreift. Dafür erntet er Applaus, das weiß er, so läuft Politik.

Bedenklich aber wird es, wenn der Landrat dabei den Boden der Tatsachen verlässt und sich in Behauptungen versteigt, für die er Beifall aus der Querdenker-Szene bekommen dürfte. Wenn er suggeriert, dass falsch-positive Schnelltests zu mehr Einschränkungen führen könnten, obwohl die nicht als Nachweis einer Infektion gelten. Wenn er davon spricht, das Fremde seinen Kindern „in Mund und Nase herumfuhrwerken“. Das stimmt nicht, gibt er gleich darauf zu, aber der Unsinn ist da schon in die Welt gesetzt.

Vollends verquer wirkt, dass Niedergesäß kurz nach der Verkündung einer Testoffensive gegen das Testen an sich schießt. Der Landkreis will doch unentdeckten Corona-Fällen, der Dunkelziffer, auf die Spur kommen. Das führt zu weniger verdeckten Ansteckungen. Anders, als der Landrat behauptet, führen mehr Tests so schnell zu weniger Corona-Fällen.

Hoffentlich handelt es sich bei Niedergesäß’ jüngsten Einlassungen um eine kurzzeitige populistische Verirrung, statt um echte politische Radikalisierung. Denn ein Landrat, der zugunsten von Lockerungen das Pandemiegeschehen ignorieren will, riskiert die Gesundheit seiner Bürger. Das passt nicht zu dem Robert Niedergesäß, der den Landkreis bisher souverän durch die Pandemie gesteuert hat.

(von Josef Ametsbichler)

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