Schon ein normaler Spaziergang kann für Menschen, die Corona hatten, zur Herausforderung werden
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Schon ein normaler Spaziergang kann für Menschen, die Corona hatten, zur Herausforderung werden

Leben nach überstandener Corona-Infektion

Paar berichtet: Das Coronavirus geht, die Folgen bleiben

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Wer nicht am Coronavirus stirbt, gilt als gesundet –das sagt die Statistik. Die Realität ist komplizierter: Manche Menschen leiden offenbar noch lange an Spätfolgen der Infektion. Ein betroffenes Paar erzählt.

Landkreis – Michaela und Thomas Winter spazieren die schmale Teerstraße entlang. Der Nieselregen macht dem Paar – er ist 49, sie 45 – nichts aus, das Schuhwerk ist sportlich, die Kleidung warm. Die Winters sind keine Athleten, aber schlank, ernähren sich bewusst, fahren winters Ski und sommers Rad. Normalos, könnte man sagen. Doch als die Straße einen leichten Anstieg nimmt, unterbricht sich Michaela Winter mitten im Satz und verzieht das Gesicht. „Jetzt muss ich schon wieder hecheln“, sagt sie.

Schon im März mit dem Virus infiziert

Das Paar heißt eigentlich anders, will aber wegen des feindseligen Tons, der mittlerweile manchmal in der öffentlichen Debatte herrscht, seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen. Es soll auch genügen zu erwähnen, dass die Winters im südlichen Landkreis Ebersberg leben. Und dass sie sich im März mit dem Coronavirus infiziert haben – und bis heute die Folgen der Erkrankung spüren.

Symptome fehlten

Michaela Winter vermutet, dass es sie auf einer Zugfahrt von den Bergen heim erwischt hat – der Zug sei brechend voll mit Skifahrern gewesen. Rund zehn Tage danach ging es los: Frieren, Schnupfen, Kopf- und Gliederschmerzen: „Ich war total fertig“, sagt sie. Nur: Getestet wird sie damals, als die Abstriche noch Mangelware waren, nicht – es fehlen die Symptome Husten und Fieber. Nur kurzatmig ist sie. Und glaubt zunächst nicht an eine Covid-19-Erkrankung.

Dann wird auch ihr Mann krank: 39 Grad Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Auch kein Husten, aber: „mir ging es beschissen“, sagt Thomas Winter. Weil er mit Anfang 20 eine Vorerkrankung hatte, eine chronische Bronchitis und allergisches Asthma, überredet seine Frau ihn, auf einen Test zu drängen. Damals schockierten die Bilder aus Spanien und Italien die ganze Welt. „Ich hatte Panik“, sagt Michaela Winter.

Kurzatmigkeit ist bis heute geblieben

Als die Symptome glücklicherweise schon am Abklingen sind, kommt das Testergebnis, ausgerechnet am 1. April. Es ist kein Scherz: Thomas Winter ist Corona-positiv. Und ein weiteres Symptom haben die beiden gemein: Erst drei Wochen nach dem Abklingen der heftigeren Symptome kehrt ihr Geschmacks- und Geruchssinn zurück. Ein Glas Wein und ein Stück Bergkäse: Schmeckten zuvor wie Wasser und Pappe. „Es macht dann alles nicht so Spaß“, sagt die 45-Jährige. Sie ist sich sicher, dass das Virus sie ebenfalls erwischt hat. „Ich tauche aber in keiner Statistik auf.“ Bis heute geblieben sei ihr die Kurzatmigkeit, erzählt sie. Zwei Stockwerke Treppensteigen bedeuten eine Minute Atempause. 20 Hampelmänner in der Fitnessstunde: „Ich dachte, ich falle um!“ Außerdem habe sich ein leichter Tinitus eingestellt – von dem sie sich aber nicht sicher sei, ob er von der Infektion stammt.

Asthma kehrt zurücl

Ihr Mann wiederum ist nach fast drei Jahrzehnten erstmals wieder auf ein Asthma-Spray angewiesen. Seine Allergie und die Anfälligkeit der Bronchien seien mit voller Wucht zurückgekehrt. „Im Sommer bin ich manchmal vom Pfeifen meiner eigenen Lunge aufgewacht“, erzählt er. Der Arzt bestätigt ihm, dass seine Atmung gelitten habe.

Das Paar marschiert weiter durch den sanften, oktoberkalten Nieselregen. „Ich will das nicht zu hoch hängen“, sagt Thomas Winter. „Wir sind beide froh über das, was wir wiedergekriegt haben.“ Klar, andere haben Zeit auf der Intensivstation verbracht oder sind sogar an dem Virus gestorben. Im Vergleich sind die Winters also offenbar gut davongekommen. Aber sie können momentan nicht auf einen Berg gehen oder ihr gewohntes Fitnessprogramm durchziehen. „Es schränkt das Leben ein“, sagt Michaela Winter. Ihre Körper seien bei 80 Prozent der vorherigen Leistungsfähigkeit.

Ärzte können wenig tun

„Ich bin jetzt anfälliger als vorher“, sagt Thomas Winter. Mit einem sanften Sportprogramm will er an seiner Ausdauer arbeiten, seine Frau will bald ihr Herz checken lassen und dann auch wieder mehr Bewegung wagen. Momentan spürt sie, dass es schnell stark zu pochen beginnt. Die Ärzte können momentan wenig für die beiden tun, dafür gibt es noch zu wenige Erfahrungswerte mit Patienten wie den Winters. Vorsichtig optimistisch geben sie sich aber: „Von selber wird es nicht verschwinden“, sagt Thomas Winter. „Ich werde etwas dafür tun müssen.“ Ob und wie schnell das hilft, ist ungewiss. Zwei, drei Jahre Training, so kalkuliert er momentan. Und seine Frau sagt: „Es wird bestimmt wieder besser. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es wieder so wie vor dem Virus wird.“

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