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„Ohne die Ehrenämter würde in Deutschland gar nichts gehen“, sagt Anke Boysen (50) aus Kirchseeon, die mit ihrem Hund Aquim vermisste Menschen sucht.

Vermisstensuche im Wald

Diese Kirchseeonerin und ihr Hund retten Leben

In der Weihnachtsserie erzählen wir Geschichten von Menschen, die für andere da sind. Eine ist Anke Boysen (50) aus Kirchseeon, die mit ihren Hunden vermisste Menschen aufspürt.

Hund Aquim freut sich, dass er die im Wald vermisste Person gefunen hat. Er bellt und bekommt gleich seine Belohnung – am liebsten mag er Wiener.

Kirchseeon – Die Polizei hat vor wenigen Minuten Anke Boysen alarmiert: Eine herzkranke Rentnerin aus Ebersberg wird vermisst. Sie wollte in einem Waldstück in Kirchseeon spazieren gehen. Die Sonne scheint, aber es ist kalt an diesem Dezembertag. Jetzt muss es schnell gehen: Rettungshundeführerin Boysen rast mit ihrem Einsatzwagen zu dem Waldstück. Rettungshund Aquim sitzt in seinem Zwinger im Kofferraum. An einem Parkplatz am Waldrand gibt’s eine kurze Lagebesprechung mit einem zweiten Team. Suchabschnitte werden eingeteilt. Dann geht’s los.

Aquim streckt die Nase aus dem Kofferraum. Er muss jetzt suchen. Nach der Rentnerin. Auf den Geruch von Menschen ist er abgerichtet. Der Hund mit den eisblauen Augen nimmt die Fährte auf und sprintet los. Nach kurzer Zeit hat er etwas gefunden. Er bellt und scharrt. Da drüben, 100 Meter weit weg, muss die Rentnerin sein. Anke Boysen, ausgestattet mit Ersthelferausrüstung, läuft zu der Stelle. Auf dem nassen, von Laub bedeckten Boden liegt eine Frau. Boysen dreht sie langsam um. Im Gesicht der Frau – ein Lachen. Sie ist putzmunter. Alles nur Übung. Im Egl-hartinger Forst in Kirchseeon trainiert Anke Boysen mit ihrem Hund für den Ernstfall.

Tag und Nacht im Einsatz

Boysen ist Hundestaffelleiterin und Rettungssanitäterin des Arbeiter-Samariter-Bund in München. Ehrenamtlich. Die 50-Jährige und ihr Hund sind da, wenn Menschen im Wald vermisst oder unter eingestürzten Gebäuden vermutet werden. Im Münchner und im südbayerischen Raum. Tag und Nacht. „Nach Einsätzen in der Nacht kann ich manchmal nur zwei Stunden schlafen. Dann muss ich in die Arbeit“, sagt Boysen. Die Kirchseeonerin arbeitet im Gesundheitsmanagement bei BMW in München.

Sie hat zwei Hunde. Einer ist Aquim, ein Catahoula-Leopard-Hund, ursprünglich aus den Vereinigten Staaten. Dort werden die Tiere als Arbeitshunde eingesetzt, etwa für das Treiben von Rindern. Aquim ist sechs Jahre alt, Flächen- und Trümmersuchhund. Als er acht Wochen jung war, hat Anke Boysen angefangen mit ihm zu trainieren.

Die Ausbildung zum Rettungshund dauert zwei Jahre

Zwei Jahre dauert die Ausbildung zum Rettungshund. Trainiert wird so: Kollegen von Anke Boysen verstecken sich im Wald. Der vierbeinige Rettungsazubi sucht sie. Wie bei einer Schnitzeljagd. Findet der Hund die Menschen, bekommt er sein Lieblingsleckerli. „Bei Aquim sind es Würste“, sagt Boysen. „Am liebsten Wiener.“ Der Hund wird so lange konditioniert, bis er ganz wild auf das Suchen ist. Ein ausgebildeter Hund kann so bis zu zwei Stunden suchen. 80 000 Quadratmeter Waldfläche durchkämmt er dabei, sagt Boysen.

30 Alarme pro Jahr

30 mal im Jahr werden Anke Boysen und ihre Kollegen von der Polizei alarmiert. Meist sind es Vermisstensuchen im Wald, viele davon im Landkreis Ebersberg. Boysen und ihr Hund müssen auch in eingestürzten Gebäuden nach Menschen suchen. Das komme aber nicht oft vor, erklärt die Kirchseeonerin. Sie war bei der Trümmersuche der eingestürzten Eissporthalle in Bad Reichenhall vor zwölf Jahren dabei. 15 Menschen starben bei dem Unglück.

Nachts um 2 Uhr riefen die Rettungskräfte aus Bad Reichenhall bei Anke Boysen an. Vier Menschen sind noch in den Trümmern vermisst, habe der Einsatzleiter gesagt. Mit ihrem damaligen Trümmersuchhund Samy ist sie zu der eingestürzten Halle gefahren. Dann musste sie erst mal warten. Es hatte viel geschneit, die Bedingungen für die Suche waren schlecht, sagt Boysen. Dann ging’s los. 

Ihr Hund suchte in dem Trümmerhaufen, sie stand am sicheren Rand. „Das war schon spektakulär, als die Hunde in den Trümmern suchten. Keiner sagte etwas, es war total still“, erinnert sich Boysen. Gänsehautstimmung. Plötzlich scharrte ihr Hund wild herum, verhielt sich ungewöhnlich. Normal bellen die Hunde, wenn sie einen Menschen finden, erklärt Anke Boysen. „Da muss etwas sein“, sagte sie zum Einsatzleiter. Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) schaufelten den Schnee weg. Darunter lag ein Wellblechdach. „Das Dach war merkwürdig ausgedellt“, sagt Boysen. Ihre sonst so fröhliche Miene verdunkelt sich nun. Sie erzählt weiter: Das THW schnitt das Wellblechdach vorsichtig auf. Darunter lag einer der Vermissten. Ein Bub (12). Tot.

Hohes Risiko auch für den Hund

Solche Einsätze sind eine Ausnahmesituation, sagt Boysen. Für Mensch und Tier. Sie bedeuten auch ein hohes Risiko für den Hund. Deshalb müssen die Einsätze oft trainiert werden. Zwei mal in der Woche üben sie, meist am Wochenende: 17 Hundeführer und 25 Rettungshunde. Seit 19 Jahren macht Anke Boysen das schon. „Ohne die Ehrenämter würde in Deutschland gar nichts gehen“, sagt sie. Sie ist fasziniert von den Rettungshunden: Mit ihren feinen Nasen können die Vierbeiner Menschen retten. Keine Maschine schafft das. Gleichzeitig ist das Suchen die perfekte Beschäftigung für die Hunde. Sie lieben es, sagt die Staffelleiterin und krault Aquim den Hals. Er freut sich über jedes Training. Und über die Wiener.

Das Geld, das in diesem Jahr bei unserer Weihnachtsaktion „Kette der helfenden Hände“ gespendet wird, soll zu 100 Prozent Organisationen und Vereinen im Landkreis Ebersberg zugute kommen, für die ehrenamtliche Helfer Tag und Nacht im Einsatz sind. Spenden Sie an das Spendenkonto des Lions Hilfswerks bei der Raiffeisen- Volksbank Ebersberg (Kontonummer: 29 800 29 BLZ: 701694509), IBAN: DE46 7016 9450 0002 9800 29.


Max Wochinger

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