+
„Ich bin um fünf Jahre gealtert“. Die Familie hat viel durchgemacht. Rupert Mascher ist stolz auf sie.

750 000 Euro Schaden

Großfeuer in Ebersberg: Der Brand, der Leben löscht

  • Max Wochinger
    vonMax Wochinger
    schließen

Das eigene Haus steht in Flammen. Existenz, Erinnerungen, Habseligkeiten gehen in Rauch auf – ein Albtraum. Rupert Mascher aus Ebersberg durchlebt ihn.

Ebersberg – Fotos zeigen das Haus. Versicherungen und Bekannte fragen nach dem Haus. Ziegelreste und Fundament erinnern an das Haus. Das Gebäude ist immer und überall. Es verfolgt die Familie, sie will den Brand nur hinter sich lassen.

Rupert Mascher, 61, kerniges Gesicht, steht auf dem Fundament des niedergebrannten Hauses. Noch vor sieben Monaten hatte es die Bezeichnung Eberhardstraße 23. Vor ihm ist der einstige Flur, ein Boden aus roten Steinen. Bauschutt, Asche, verkohltes Holz – die Überreste sind ein Mahnmal der Katastrophe. Lange konnte Mascher nicht über den Brand und die Folgen sprechen; der Rest der Familie kann es bis heute nicht. „Jetzt grad geht es gut“, sagt der Mann. „Weil ich mit Tabletten vollgepumpt bin.“

Im Hinterhof sind drei Blechkübel mit Asche verteilt

Es ist der 12. Dezember, der Geburtstag von Maschers Frau Irmgard. Im Hinterhof sind drei Blechkübel mit Asche verteilt. Drei Tage vorher war der Kundendienst da, um einen Holzkessel zu warten. Die Familie erwartet an diesem Donnerstag Besuch, Irmgard Mascher kippt die Reste in die Aschentonne. Seit 45 Jahren macht die Familie das so. Diesmal tritt der schlimmste Fall ein: Die Asche muss Zug bekommen haben, ein Feuer entfacht, die Plastiktonne fängt zu brennen an.

Wenig später steht das Vordergebäude in Flammen

Kurz vor 10.30 Uhr gehen die ersten Notrufe bei den Rettungskräften ein. Das Feuer der brennenden Mülltonne greift auf das neuwertige Geschäftsauto von Maschers Glaserei über. Wenig später steht das Vordergebäude in Flammen. Ein Büro und zwei Wohnungen sind dort eingerichtet, die Tochter bewohnt eine davon. Auch die Holzfassade des hinteren Gebäudes brennt, hier wohnt das Ehepaar und der Sohn.

Der 12. Dezember 2019: Das Vorderhaus brennt lichterloh, rund 80 Rettungskräfte sind im Einsatz.

Die Polizei schätzte den Schaden auf rund 750 000 Euro

Die Feuerwehren sind schnell da. Sie können das hintere Gebäude schnell retten, das vordere Haus brennt lichterloh. Feuerwehrmänner schlagen Dachziegeln ein und schneiden mit einer Motorsäge Löcher in die Dachhaut. So versuchen sie, an Brandnester zu gelangen.

Als die Dämmerung einsetzt, ziehen die Rettungskräfte wieder ab. Rund 80 Helfer waren im Einsatz, die Polizei schätzte den Schaden auf rund 750 000 Euro. Ein Feuerwehrmann wurde verletzt.

Sieben Monate später, für Rupert Mascher fühlen sich die vergangenen Monate wie fünf Jahre an. Er ist stark gealtert, sagt der Mann. Die ersten Monate nach dem Brand konnte er nicht schlafen, ständig wachte er nach Albträumen neben seiner Frau auf. Sie hat seit dem Brand Angst vor offenem Feuer, viele Gespräche mit Psychotherapeuten waren nötig, „um das alles zu überstehen“. Gegen die Frau wurde ein Gerichtsverfahren eingeleitet. Es musste geklärt werden, ob sie fahrlässig gehandelt hatte. Vier Monate nach dem Feuer wurde es eingestellt.

Auch die Tochter, die im ersten Stock des Hauses lebte, wird psychisch behandelt. Im Garten hat sie einen Weg aus alten Teilen ihres Wohnhauses angelegt, als Therapieform. „Meine zwei Frauen sind fertig“, sagt Mascher.

Badfliesen, Schmuck, Ziegelsteine: Die Tochter hat den Weg aus Teilen des abgebrannten Hauses gebaut.

Ständig wurden sie nach dem Brand gefragt

Er war 36 Jahre Ausbilder beim Roten Kreuz, man kennt die Familie. Ständig seien sie Leuten begegnet, die nach dem Brand und der Familie fragten. Es war gut gemeint, nur mussten sie fast jedes Mal weinen, sagt der Mann. Seine Frau sei nur nachts aus dem Haus gegangen, der Einkauf wurde in Markt Schwaben erledigt. Dazu kam die Corona-Krise.

„Bauruinentourismus“ in Ebersberg

Viele, „fremde“ Menschen sind zum verbrannten Haus gekommen, um Fotos zu machen, sagt Mascher. „Bauruinentourismus“ nennt er das. Eine Kundin habe ihm vorgeworfen, pleite zu sein, weil sie auf ihre Ware warten musste. In Wahrheit sei der Lieferer von Mascher in Verzug gewesen. Stigmatisierung nach dem Brand.

Mittlerweile hat die Familie den Bescheid der Brandversicherung mit der Schadenssumme bekommen. An der Stelle des abgebrannten Hauses will Mascher ein neues Gebäude bauen. Hand aufhalten und die Versicherungssumme kassieren – Fehlanzeige. Die Versicherung hat jedes winzige Detail des Hauses hinterfragt, Eckverbindungen von Fußbodenleisten etwa, um so das Gebäude und den Wert zu rekonstruieren. Das Gutachten, ein Werk aus 57 Seiten.

„Ich habe Tage in Warteschleifen verbracht“

In den vergangenen Monaten hat der Glasermeister einen halben Tag mit Telefonanrufen, E-Mails und Treffen verbracht. Jeden Tag. Nachweise schicken, Gegenangebote einholen, Versicherungen kündigen, Kaminkehrer Bescheid geben, DSL-Vertrag aufheben. „Ich habe Tage in Warteschleifen verbracht“, sagt Mascher.

Sie seien „gut“ versichert, Kredite für das abgebrannte Haus und Auto müssen trotzdem getilgt werden. Vor dem Brand war der Glaser bereits zwölf Tage Rentner. In den kommenden Jahren müsse er wieder täglich arbeiten, um „über die Runden zu kommen“.

„Unsere Leben bis zum Brand wurden gelöscht“

Fotos, Zeugnisse, das historische Haus: „Unsere Leben bis zum Brand wurden gelöscht“, sagt Mascher. „Seid dankbar für ein Dach über dem Kopf.“ Das sei nicht selbstverständlich.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Fast gesamtes Personal kündigt gleichzeitig: Schock in katholischem Kindergarten
An einem Tag hat fast das gesamte Personal des katholischen Kindergartens Am Endbachweg gekündigt. Über 70 Kinder müssen ab September anderweitig untergebracht werden.
Fast gesamtes Personal kündigt gleichzeitig: Schock in katholischem Kindergarten
Schreck-Nachricht für Solaranlagen-Pioniere: Wer jetzt um die Photovoltaik-Förderung bangen muss
Besitzer von Solaranlagen im Landkreis Ebersberg bekommen momentan unangenehme Post: Ab einem bestimmten Alter gibt es für die Photovoltaik-Dächer keine Förderung mehr. …
Schreck-Nachricht für Solaranlagen-Pioniere: Wer jetzt um die Photovoltaik-Förderung bangen muss
Schock-Moment in der Nacht: Bewohner durch Schüsse geweckt - Ursache kurios
Schreck-Moment in Poing: In der Nacht zum Dienstag wurden mehrere Anwohner durch Schüsse geweckt.
Schock-Moment in der Nacht: Bewohner durch Schüsse geweckt - Ursache kurios
Urlauberinnen wollen auf Almhütte nur Tee kochen: Waldbrand droht - Feuerwehr steht vor irrwitzigem Problem
Salzburg/Abtenau: Ganze Holzhütte in Schutt und Asche - Urlauberinnen wohl unverletzt
Urlauberinnen wollen auf Almhütte nur Tee kochen: Waldbrand droht - Feuerwehr steht vor irrwitzigem Problem

Kommentare