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Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende im November 2017 im Amtsgericht, wo er als Zeuge aussagte.

„Riesengroße Dunkelziffer“

Rassismus im Landkreis Ebersberg: Hitlergruß und Morddrohungen

  • Max Wochinger
    vonMax Wochinger
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Rassismus hat viele Facetten. Er tritt in Verhaltensformen und im Hintergrund auf. Oft präsentiert sich sein Gesicht ganz offen. So wie in diesen Vorfällen.

Landkreis – Im vergangenen Jahr verfolgte die Polizeiinspektion Ebersberg elf Delikte mit „rechten Hintergrund“, sagt Polizeichef Ulrich Milius. Meist ging es um Schmierereien. Hakenkreuze an Wänden und „Refugees not welcome“-Aufkleber etwa. Rassistische Vorfälle im Landkreis: „Gefühlt passiert hier sehr wenig“, sagt der Beamte.

„Es gibt eine riesengroße Dunkelziffer“, berichtet Florian Rieder von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Bayern. Die bekannten Fälle bei der Polizei seien nur ein kleiner Teil davon, was alltäglich passiere. Rassistische Anfeindungen, Pöbeleien in S-Bahnen, Schmierereien an Flüchtlingsunterkünften meint er etwa.

Einen besseren Überblick über solche Vorfälle bekommt man im Archiv der Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle. Der Münchner Verein sammelt alles über die rechte Szene hierzulande. Acht Internetseiten spuckt das Archiv aus, wenn man nach „Ebersberg“ sucht. „Sieg Heil“-Schmierereien in Ebersberg, Hitlergruß in Kirchseeon, körperliche Auseinandersetzung mit einem Geflüchteten in Zorneding. Das Bild, das der Landkreis hier abgibt, ist alles andere als schön.

Diese Vorfälle der vergangenen Jahre stechen besonders heraus.

Kirchseeon: Griechische Wirtsleute bedroht

„Ihr Griechen seid die größten Betrüger.“ „Was seid ihr doch für ein verachtenswertes Volk!“ „WIR BRAUCHEN SOLCHE LEUTE NICHT BEI UNS!“ Die ehemaligen Wirtsleute des „Athos“ in Kirchseeon Elza Athanasiou und Paskalis Hatzopoulos bekamen 2015 mehrere Drohbriefe. Der Absender war unbekannt. Zudem gab es seltsame Anrufe spät am Abend: „Jemand macht komische Geräusche, pfeift oder flüstert ’Schweine’ ins Telefon und legt schnell wieder auf“, sagte Elza Athanasiou unserer Zeitung.

Die Restaurantbesitzer waren fassungslos. „So etwas haben wir noch nicht erlebt“, sagte die Wirtin. Die Familie hatte Polizei und Rechtsanwalt eingeschaltet. Elf Jahre lebten und arbeiteten sie und ihr Mann damals schon in Deutschland.

Ebersberg: Überfall auf Döner-Laden

Wie eine Dampfwalze ist eine Gruppe von Männern 2015 in einen Döner-Laden in Ebersberg gestürmt, um wahllos zu Schlägern. Die beiden Haupttäter aus dem Landkreis hatten während des Oktoberfests kräftig getrunken und Drogen genommen. Als sie mit der S-Bahn zurück nach Ebersberg fuhren, hetzten sie lautstark gegen Ausländer und wollten sich auf einen dunkelhäutigen Mann stürzen. Der 28-jährige Täter schrie, dass er „dem Schwarzen eine klatschen“ und ihm den Schädel einschlagen wolle. Mitfahrer hielten ihn auf. Am Ebersberger Bahnhof schlugen die zwei einem Mann mit ausländischen Wurzeln grundlos auf den Hinterkopf.

Sechs Freunde der Haupttäter kamen später dazu, bewaffnet mit Baseballschläger, Gardinenstange und Schlosserhammer. Die Männer schlugen auf einen dunkelhäutigen Mann ein und stürmten den Döner-Laden. Mit dem Baseballschläger schlug der andere Haupttäter auf zwei afghanisch stämmige Männer ein und verletzte sie schwer. Sein 23-jähriger Freund warf mit dem Hammer. 

Der 28-jährige Hauptangeklagte wurde vom Landgericht München zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt, der andere Haupttäter zu zwei Jahren und vier Monaten. Die Verurteilten gingen danach in Revision.

Zorneding: Anfeindungen gegen Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende

Der ehemalige Geistliche der Zornedinger Gemeinde wurde während seiner Zeit im Landkreis Ebersberg mehrmals rassistisch angefeindet.

Ein Rentner aus München hat den aus dem Kongo stammenden Mann zwei Briefe mit Schmähungen und Bedrohungen geschrieben. Der Münchner wurde zu zehn Monaten Haft verurteilt.

Den Schmähbriefen waren beleidigende Äußerungen des damaligen Zornedinger stellvertretenden CSU-Ortsvorsitzenden Johann Haindl vorausgegangen. Der Lokalpolitiker hatte Ndjimbi-Tshiende in einem Gespräch mit der Ebersberger Zeitung als „unser Neger“ bezeichnet.

Anlass war ein Schreiben des Zornedinger Pfarrgemeinderats, in dem die örtliche CSU aufgefordert wurde, die Zornedinger Kirchentürme nicht mehr in ihrem Magazin „Zorneding Report“ abzudrucken. Pfarrer Ndjimbi- Tshiende sprach sich dafür aus. Das Magazin war wegen rechtspopulistischer Artikel der CSU-Ortsvorsitzenden Sylvia Boher heftig kritisiert worden.

Im Jahr 2016 verließ der Geistliche schließlich die Gemeinde Zorneding. Der Fall hatte deutschlandweit und international für Schlagzeilen gesorgt.

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