+
Gebaut nach Originalplänen: Die RC Rickmers 1906, seiner Zeit das größte Segelschiff mit einer Dampfmaschine, hat Reinhold Schmatzer aus Ebersberg in vielen Stunden als Modell im Maßstab 1:100 gebaut. Links vorne ein originales Teeservice, wie es damals an Bord benutzt wurde.

In Ebersberg und Umgebung gibt es außergewöhnliche Modellbauer

Ein Schiff wird kommen - in einem außergewöhnlichen Maßstab

  • schließen

Hier ist alles vertreten, was auf hoher See Rang, Namen und einen legendären Ruf hat. Alle im Maßstab 1:100. Und bald werden die Schiffe in Ebersberg zu sehen sein. 

Ebersberg – Ein Modell ist schöner als das andere: Das erste Kreuzfahrtschiff ebenso wie das erste Schiff mit einem Stahl-Rumpf, die „Great Britain“. „Bei der Jungfernfahrt sind nur 30 Passagiere mitgefahren. 300 hätten Platz gehabt. Das war 1845. Die glaubten damals, dass das Schiff sowieso untergehen wird, weil es aus Eisen war“, erzählt der Ebersberger Reinhold Schmatzer. Der 69-Jährige ist Modellbauer, aber ein ganz besonderer. Und seine Modelle haben alle eine besondere Geschichte.

Reihenhaus als Schifffahrtmuseum

Das Reihenhaus in Ebersberg ist das reinste Schifffahrtmuseum. Der Informatiker Schmatzer pflegt im Ruhestand ein Hobby, an dem sein Vater nicht ganz unschuldig ist. „Ich wollte immer schon zur See fahren, aber das hat er mir nicht erlaubt. Damals brauchte man noch das Einverständnis der Eltern.“

„Ich wollte immer schon zur Marine“

Auch die Bundeswehr konnte den Wunsch des Ebersbergers nicht erfüllen. „Ich wollte zur Marine, dann bin ich bei der Luftwaffe gelandet.“ Die Liebe zur See bliebt trotzdem lebendig, „seitdem ich am Bach vor meinem Elternhaus in Achern einen Nagel in ein Holz gehauen hab und das Brett schwimmen ließ. Auch mit einem Schweinetrog aus Blech sind wir da rumgefahren.“

Inzwischen gehört Schmatzer zu einem exklusiven Kreis von acht Modellbauern aus Ebersberg und Umgebung, die in dieser Zunft auch einen Weltmeister in ihren Reihen haben. „Früher waren wir mal 30 Mitglieder“, erzählt Schmatzer. Auch die Modellbauer haben Nachwuchssorgen. Diejenigen, die dabeigeblieben sind, fertigen hochwertigste Schiffsmodelle nach Originalbauplänen an.

Auch hier geht es um einen ganz besonderen Modellbauer: Vom Fingerhut bis zum Flugzeugträger

Pläne aus ausländischen Quellen

Die Pläne werden zum Teil aus dem Maritimen Museum, zum Teil aber auch aus ausländischen Quellen beschafft, wie etwa aus Russland, wenn im Inland keine Unterlagen mehr vorhanden sind. Modellbauer müssen auch Historiker sein und sind dabei immer auf der Suche nach Originalquellen.

Alle Einzelteile müssen von Hand hergestellt werden, oftmals anhand von Fotos oder Aufzeichnungen.

„Alle meine Schiffe haben einen interessanten Aspekt“, sagt Schmatzer. Da ist zum Beispiel die RC Rickmers. „Das war damals das größte Segelschiff der Welt mit einer Dampfmaschine“, weiß der Ebersberger. Vom Stapel gelaufen ist die 130 Meter lange Rickmers im Jahr 1906. „Später wurde sie von den Engländern beschlagnahmt.“ Kurios: Die neuen Besitzer mussten die deutsche Mannschaft bitten, ihnen erst einmal zu zeigen, wie man so ein Riesending segelt. Unter der Vitrine aus Acrylglas, wo das 1,30 Meter lange Modell aufbewahrt wird, steht auch ein originales Porzellanservice, wie es auf der Rickmers benutzt wurde. Das Schiff ist 1917 versenkt worden, das Modell gibt es noch, detailgetreu bis ins Kleinste.

Reis aus China nach Deutschland transportiert

Vor der Versenkung war die RC Rickmers als Handelsschiff im Einsatz, transportierte Reis aus China nach Deutschland. „Aber wie alles, was so groß ist, war das Schiff nicht wirtschaftlich.“ Bei der Hinfahrt gab es außer Wasser in den Ballasttanks oft zu wenig Ladung, hat Schmatzer recherchiert. Der Bedarf an westlichen Waren in China war gering. Das Modell erinnert also auch an eine frühe Fehleinschätzung im Bereich Welthandel.

In jedem Schiff stecken 1000 Stunden Arbeit

„In jedem Schiff stecken mindestens 1000 Stunden Arbeit. Man kann ja nichts kaufen, sondern muss alles selbst machen.“ Bei den Metallteilen hilf ein befreundeter Schmuckgießer. Die Rümpfe entstehen in Schmatzers Werkstatt im Reihenhauskeller auf zum Teil von ihm selbst modifizierten Maschinen. Und ein richtiger Stapellauf kann auch stattfinden. „Alle meine Modelle sind schwimmfähig“, sagt der Ebersberger und deutet auf einen Schärenkreuzer, an dem er gerade werkelt. „Das ist ein Auftragsmodell für einen Freund. Der wollte sowas.“

Auch Figuren setzt der Modellbauer Reinhold Schmatzer auf seine Boote. Sie tragen zeitgenössische Kleidung.

Schmatzers Arbeiten sind zivile Schiffe, bis auf eines. Die SMS Lützow. Das Modell ist 2,10 Meter lang und wiegt etwa 50 Kilogramm. Das Original wurde in der Skagerrakschlacht, der größten Seeschlacht der Weltgeschichte, nach schweren Treffern englischer Schiffe von der eigenen Mannschaft versenkt. „Das Wrack liegt in 30 Metern Tiefe in der Nordsee. Da kann man hintauchen“, sagt der 69-Jährige.

Archiv birgt wahre Schätze

Das Archiv des Ebersbergers birgt wahre Schätze. Dass Schmatzer das Modell der Auguste Victoria im Maßstab 1:100 so genau nachbilden konnte, verdankt er seiner Hartnäckigkeit und einem Zufall. Der Schnelldampfer war im Jahr 1888 das größte deutsche Passagierschiff und das allererste, das für Kreuzfahrten eingesetzt wurde. Auf der Jungfernfahrt fuhr ein Marinemaler mit, der viele Szenen und Einzelheiten an Bord auf Bleistiftzeichnungen festhielt. Das Resultat war ein Buch, das nur in einer Auflage von 400 Stück erschien. Eines davon hat der 69-Jährige erworben „auf Ebay“, erzählt er. „Das ist eine gute Quelle.“ Neben dem Schiffsmodell liegt in der Vitrine eine originale Speisekarte von der Jungfernfahrt. Zur Illustration der Größenverhältnisse setzt Schmatzer oft auch kleine „Passagiere“ auf die Boote. Die müssen von der Bekleidung her selbstverständlich zur damaligen Zeit passen. „Einen Bikini gab’s noch nicht“, lacht der Ebersberger.

Neun Meter lange Jolle gebaut

Natürlich hat die Liebe zur See den Ebersberger doch irgendwann einmal eingeholt, und zwar ganz real und nicht nur im Modellbau. Schmatzer hat sich selbst eine neun Meter lange Jolle gebaut, die in Prien liegt und mit der er auf dem Chiemsee herumschippert – dem Bayerischen Meer. „Ich hab alle Scheine gemacht, von Binnen bis Hochsee. Am Mittelmeer kenne ich jedes Land.“

Schmatzers Modellbauclub, „Olympic Delphin 72“ veranstaltet am 4. und 5. Oktober dieses Jahres im Klosterbauhof „Unterm First“ eine große Modellbauausstellung, bei der die Besucher unter dem Motto „Von der Kogge bis zum Containerschiff“ 50 Modelle bestaunen können, alle im Maßstab 1:100 und mit entsprechender Erläuterung.

Was die Modelle kosten? „Schwer zu sagen“, meint der Ebersberger Modellbauer. Aber Modelle dieser Größenordnung hätten sogar in einem Reihenhaus Platz – wenn man will.

Mit diesen Basteleien kann man sogar fahren: Dampfbahnclub hat ein neues Zugpferd

In diesem Zusammenhang vielleicht ebenfalls interessant für Modellbauer: Gib Gas!

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Foto bewegt ganz Ebersberg: Wie Feuerwehrmann Sven Lagreze das Großfeuer erlebte
Das Bild von dem erschöpften Feuerwehrmann hat die Menschen berührt. Wir waren mit dem Ebersberger einen Tag nach dem schlimmen Brand noch einmal am Einsatzort.
Foto bewegt ganz Ebersberg: Wie Feuerwehrmann Sven Lagreze das Großfeuer erlebte
Wohnhaus in Flammen - 100 Helfer kämpfen gegen Brand - Feuerwehrmann verletzt - Video
Großbrand im Zentrum von Ebersberg: In der Eberhardstraße stand das Haus der Glaserei Mascher im Vollbrand. Rund 100 Feuerwehrkräfte sind im Einsatz. Die Rauchschwaden …
Wohnhaus in Flammen - 100 Helfer kämpfen gegen Brand - Feuerwehrmann verletzt - Video
Aßlinger Gemeinderat einig: Wir lehnen Gewerbehof ab
Keine Zustimmung für das Mammutprojekt Gewerbehof in Lorenzenberg! Da war sich der Aßlinger Gemeinderat einig. Die Pläne widersprechen dem Bebauungsplan diametral.
Aßlinger Gemeinderat einig: Wir lehnen Gewerbehof ab
SPD Zorneding: Antwort auf „zukunftvergessene Politik“
Bianka Poschenrieder ist nun auch offiziell Bürgermeisterkandidatin in Zorneding.
SPD Zorneding: Antwort auf „zukunftvergessene Politik“

Kommentare