Daniel Tietz (l.) mit dem Landwirt Josef Fischer an der Stelle, an der im Februar 1944 ein Flugzeug abstürzte: Hier fand der junge Man vor zwei Jahren das BMW-Getriebe des Nachtjägers. In Hintergrund Archivarin Antje Berberich.
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Daniel Tietz (l.) mit dem Landwirt Josef Fischer an der Stelle, an der im Februar 1944 ein Flugzeug abstürzte: Hier fand der junge Man vor zwei Jahren das BMW-Getriebe des Nachtjägers. In Hintergrund Archivarin Antje Berberich.

Getriebefund beseitigt letzte Zweifel

Rätsel um Flugzeugabsturz bei Ebersberg gelöst

  • vonJörg Domke
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Im Februar 1944 ist bei Ebersberg ein Flugzeug abgestürzt. Ein Unglück, das Todesopfer forderte und in Vergessenheit geriet. Jetzt ist das Rätsel gelöst.

Ebersberg – Man kann nur erahnen, was da am frühen Morgen des 11. Februar 1944 im Cockpit einer Dornier DO 217 irgendwo zwischen Ebersberg und Kirchseeon während eines Schulflugs los war. Drei Männer kämpfen ums Überleben. Sie sitzen in jenem Nachtjäger, der aus unerfindlichen Gründen Feuer gefangen hat. Ihre Do 217 ist ein zweimotoriger Bomber der deutschen Dornier-Werke. Sie stand ab 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges im Einsatz. 1925 Stück wurden produziert.

Flieger fängt Feuer

Die Maschine fliegt mit gleichmäßigen Motorgeräuschen in größerer Höhe Richtung Westen. Die Bauersehefrau Helene Festl aus Vorderegglburg beobachtet, wie der Flieger mit seinen gut 18 Metern Spannbreite Feuer gefangen hat und brennend niedergeht. Sie meldet den Vorfall dem Gendarmerieposten Ebersberg. Der schickt den Sicherheitsapparat mit zwei Männern Richtung Hörmannsdorf.

Dort hat auch Therese Fischer den Flugzeugabsturz beobachtet, berichtet Josef Fischer, ihr Sohn. Damals zwei Jahre alt. Der Kraftfahrer Stanislaus Bulctak ist ein weiterer Zeuge. Er will einen unruhigen Motorenlauf gehört haben, gibt er noch am gleichen Tag zu Protokoll. Und gesehen haben, wie große Flammen aus dem Flugzeug schlugen.

Maschine bohrt sich in schneebedecktes Feld

Der Getriebeblock von BMW aus Hörmannsdorf, der derzeit im Stadtarchiv im Ebersberger Rathaus aufbewahrt wird.

Dann muss alles ganz schnell gegangen sein. Mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit muss sich die Militärmaschine in das schneebedeckte Feld gebohrt haben. Ansonsten ist die Absturzstelle eher ein Sumpf. Durch die Wucht des Aufpralls fliegen Flugzeugteile in einem größeren Umkreis umeinander. Die Ordnungskräfte finden, so heißt es in dem umgehend verfassten Unfallbericht u.a. für den Landrat, das Luftamt München und die Staatspolizeistelle München, eine völlig zerschellte Maschine vor. Wrackteile seien um Umkreis von 150 Metern verstreut aufgefunden worden. Im moorigen Ackermoden hat sich ein Trichter von 15 bis 20 Metern aufgetan. Teile brennen noch ziemlich hell auf. Es muss, vermutet Josef Fischer aus Erzählungen seiner Mutter, eine große Hitze geherrscht haben. So sehr, dass er heute, 76 Jahre später, inständig hofft, dass Öl und Benzin schon damals, an jenem Februarmorgen, vollständig verbrannt sein könnte.

Drei Leichen gefunden

Die Ordnungskräfte am Unfallort finden drei Leichen. Fischer erinnert sich, dass sie vollkommen entstellt gewesen seien. Damals war es nicht unüblich, Leichenteile in Särgen abzutransportieren mitsamt Wrackteilen.

Gegen 5.30 Uhr, heißt es weiter, kommt ein Feuerlöschwagen aus Riem in Ebersberg an. Eingreifen können die Feuerwehrler längst nicht mehr. In der Unfallanzeige wird ausdrücklich erwähnt, dass der Boden des Bauern Xaver Fischer minderwertig gewesen sei, so dass kein großer Sachschaden diesbezüglich entstanden sei. Die Polizei und eine Wachmannschaft bewachen umgehend das Areal. Verständigt werden noch der Fliegerhorst Riem, der Fliegerhorst Neubiberg, das Luftamt und der Ebersberger Landrat sowie der Regierungspräsident in München.

Es muss Mund-zu-Mund-Propaganda gewesen sein, dass irgendwann einmal erste Schrotthändler auf die Suche gingen und Wrackteile aus dem Boden rissen, um sie als Altmetall zu Geld zu machen, sagt Josef Fischer heute. Meist seien sie nachts gekommen, unbemerkt von seinen Eltern und von ihm, dem Heranwachsenden. Immer wieder ziehen auch die Fischers, auch Jahre nach dem Unglückstag, Reste von Flugzeugteilen aus dem sumpfigen Untergrund. Gelagert werden sie zeitweise in einer der landwirtschaftlichen Gebäude des Hofes.

91-Jähriger bei Ortstermin

Dort bekommt auch Reinhold Ficht aus Kirchseeon Kenntnis von den Flugzeugresten. Er ist sozusagen vom Fach, war selbstständiger Entwickler in den Bereichen des Flugzeugbaues, des Maschinenbaues und in der Fertigungstechnologie, Ingenieur von Beruf und hat mit 18 Jahren schon seinen ersten Flugschein gemacht. Heute ist er 91 Jahre alt. „Die Fliegerei hat mich nie losgelassen“, sagt er. Der Hörmannsdorfer Absturz lässt ihn nicht los. Einen Ortstermin am vergangenen Dienstag lässt er sich trotz seiner Gehbehinderung nicht nehmen.

Auch im Bootsbau hat seine Firma Akzente gesetzt. Ficht lässt Mitte der 90er Jahre eines seiner Schiffe in einer Halle seines Freundes Josef Fischer restaurieren. Die Männer reden auch über die immer mal wieder gefundenen Flugzeugteile. In den 60ern beispielsweise werden in der Gegend Entwässerungsmaßnahmen durchgeführt und ein Löffelbagger eingesetzt. Dabei findet Fischer eine völlig demolierte Maschinengewehre. Ficht kann die Trümmerteile nicht genau zuordnen. Auch ein englischer oder amerikanischer Flieger sei damals denkbar gewesen, erzählt er.

Recherchern verlaufen im Sande

Weitere Recherchen verlieren sich jedoch im Sande. Wie es scheint, interessiert sich viele Jahre lang niemand mehr so recht um die weiteren Umstände des Absturzes vom 11. Februar 1944. Bis Daniel Tietz bei Arbeiten auf dem Feld vor zwei Jahren, im Sommer 2018, etwas findet, was er zunächst für weggeworfenen Müll hält. Der 20-jährige Lehrling im Fach Tiergartenbau und Hörmannsdorfer informiert Josef Fischer, der ruft seinen alten Spezl aus Kirchseeon zu Rate. Was hier aus dem Boden gezogen wird, ist ein Getriebeteil eines BMW-801-Motors. Schnell wird klar: Es gehört zur DO 217.

Der Metallblock kommt umgehend ins Stadtarchiv zu Antje Berberich. Die hat zwar immer viel zu tun, findet aber an dem Hörmannsdorfer Fund besonderes Interesse und startet eine umfängliche und, wie die 80-Jährige sagt, auch mühevolle Recherche.

Das eigene Archiv gibt nichts her. Auch die Polizeiinspektion Ebersberg kann nicht helfen. Berberich bleibt dran, kontaktiert die Flughäfen im Erdinger Moos und Neubiberg. Und verfolgt eine Spur im Staatsarchiv. Und dort findet sie jene drei Seiten der Unfallanzeige vom 11. Februar 1944, die den Absturz der DO 217 über Hörmannsdorf endgültig belegen.

Sondenspezialisten aktiviert

Berberich lässt ihre Beziehungen spielen, kontaktiert mit Hans-Joachim Weidler aus Vohberg an der Donau im Landkreis Pfaffenhofen einen Sondenspezialisten und markiert mit roten Pfosten die Stellen, unter denen nunmehr noch Metallteile vermutet werden. Die Sonde, erzählt Weidler, reiche nur ein paar Meter, um Metall aufzuspüren. Es sei gut möglich, dass weiter tiefer noch mehr Flugzeugteile ausfindig gemacht werden könnten. Berberich Ziel: Das Unglück so weit zu dokumentieren, dass man es guten Gewissens zum Gegenstand einer heimatgeschichtlichen Ausstellung machen kann.

Inzwischen sind ihre Recherchen weitgehend abgeschlossen. So sehr jedenfalls, dass sie in diesen Tagen die Lokalmedien und andere bisher Beteiligte zur Fundstelle führt. „Es wurde jetzt Zeit, dass wir damit an die Öffentlichkeit gehen“, sagt sie.

Doch das Thema ist damit nicht beendet. Um weitere Aufschlüsse zu bekommen, was noch im Boden liegt, müsste man eine Bergung organisieren, sagt Reinhold Ficht. Doch die Frage bleibe offen, wer die Kosten dafür zu übernehmen hätte. Gut möglich, dass weitere Munitionsreste im Erdreich schlummern. Fischer, der den Grund inzwischen Erdbeer Lang weiterverpachtet hat, berichtet, dass derzeit niemand Interesse daran habe, den Bereich irgendwie landwirtschaftlich zu nutzen.

Historische Aufarbeitung

Dass es noch einer weiteren historische Aufarbeitung bedarf, sieht auch Antje Berberich. Sie befasst sich gerade mit der Frage, wer die drei Männer waren, die da mit der brennenden Maschine in den Stumpf stürzten. Diese Recherche, so die Archivarin, habe sich bislang als kompliziert erwiesen. Mit Kriegsende ist viel vernichtet worden. Ihr Traum: Nicht nur die Namen herauszufinden, sondern vielleicht auch einen Gedenkstein errichten, der auf die Ereignisse aufmerksam macht. Ähnlich eines Steins nahe des Egglburger Sees, der lange auf einen unbekannten, toten Flieger aufmerksam gemacht habe, dann aber irgendwann einmal verschwunden gewesen sei, so Reinhold Ficht.

Antje Berberich will, dass der Krieg auch 75 Jahren nach dem Ende nicht in Vergessenheit gerät. „Das hier ist unsere Vergangenheit“, sagt sie. In der Gegend gehe man quasi Schritt auf Tritt auf Boden, der uns die Folgen des Krieges noch immer zeige“.

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