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„Salwe“-Bewohner aus Überzeugung (v.l.): Fritz Schnabel, Hans Vollhardt, Doris Tauber-Vollhardt, Doris August, Erika Hess, Reinhard August, Erika Hamm und Elke Sommer vor ihrem Haus. 

Sie wagten eine neue Form des Wohnens

Senioren-WG: So geht es den Ebersbergern im achten Jahr

Acht Jahre ist es her, dass neun Senioren in Ebersberg eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft gründeten. Bis heute hält die eingeschworene Gemeinschaft. Ein Besuch.

Ebersberg– Doris August muss nicht lange überlegen. „Heimat“, platzt es aus der Seniorin heraus, auf die Frage hin, was ihre Hausgemeinschaft für sie bedeutet. Auch ihre acht Nachbarn, die längst zu engsten Freunden geworden sind, reichen ähnliche Schlagworte: „Familie“ ist zu hören, „Geborgenheit“, „Wohlfühlen“, „Gemeinschaft“ und „das Gefühl, nicht allein zu sein“. Wenn man so will, das Gegenteil von dem, was viele Altersgenossen der 75- bis 81-Jährigen erleben.

Einsam ist hier niemand

Einsam ist hier niemand. Hier, in dieser beispielhaften Hausgemeinschaft in Ebersberg, die schon vor ihrer Gründung im Jahr 2011 Wohngeschichte geschrieben hat. Viele haben das Leuchtturmprojekt seither besucht: Bauleute, Nacheiferer, Politiker, Fernsehteams. Sie alle sind fasziniert davon, wie die neun engagierten Senioren dem Thema „Wohnen im Alter“ einen neuen Anstrich verpasst haben. „Salwe“ nennen die Bewohner ihr Haus – „Sozial und Alternativ Leben und Wohnen in Ebersberg“.

Jeder hat privaten Bereich

Hier leben drei Ehepaare und drei alleinstehende Frauen zusammen, allesamt Mieter ihrer 50 bis 100 Quadratmeter großen Wohnungen. Jeder hat seinen privaten Bereich, zudem gibt es einen großzügigen Gemeinschaftsraum, dessen Miete sich alle fair teilen. Dort wird einmal wöchentlich gemeinsam gegessen, gelacht und debattiert, die Teilnahme aller ist dabei verbindlich – um der Gemeinschaft willen. Das ist festgeschrieben in dem Konzept, das sich die Gruppe selbst zugrunde gelegt hat, von allen Bewohnern unterschrieben. Darin heißt es: „Wir wollen die Vision einer anderen gemeinschaftlichen Lebensform im Alter verwirklichen.“

Nicht reibungslos, aber lebendig und munter

In den vergangenen acht Jahren ist diese Vision Wirklichkeit geworden. Es sei alles andere als leicht gewesen, damals die eigenen Häuser und Gärten zu verlassen, sind sich alle neun einig. Aber ihr Mut sei belohnt worden, niemand bereue den Schritt: „Wir klopfen uns selbst auf die Schulter“, sagt Hans Vollhardt. Der Alt-Landrat ist mit 81 Jahren einer der ältesten Bewohner. „Ein Erfolgsprojekt“, ergänzt seine Frau Doris Tauber-Vollhardt. Es gehe nicht immer reibungslos zu. „Aber immer lebendig und munter“, erzählt Doris August lachend. Das halte jung, flexibel und tolerant. Demokratisch und respektvoll verhalte man sich in Diskussionen, hier sind alle längst Profis darin, Kompromisse zu schließen.

Pflegeleistungen ausgelagert

„Wir kommen aus verschiedenen Traditionen, da muss man sich auseinandersetzen und einigen“, erklärt Reinhard August, der sich mit „Salwe“ einen 60 Jahre lang gehegten Traum erfüllt hat, wie er selbst sagt. Bei ihm hinterlässt das Alter bereits deutliche Spuren, er ist mehr und mehr auf Hilfe angewiesen. Hilfe, die er nicht nur von seiner Frau, sondern auch von den anderen Hausbewohnern bekommt. „Das ist ein gutes Gefühl, die Idee hat sich bewährt“, sagt er. Man unterstützt sich gegenseitig, kauft für den anderen ein oder kocht füreinander, sorgt sich umeinander, ist in schweren Stunden da, fängt sich gegenseitig auf, hält zusammen. Über einen Hausnotruf sind alle Wohnungen miteinander verbunden. Pflegeleistungen, sofern nötig, müssen jedoch ausgelagert werden.

Die eigenen Kinder sind begeistert

Ihre Kinder seien allesamt begeistert, die alternden Eltern in dieser Gemeinschaft zu wissen, bezeugen alle neun Bewohner. Das Kollektiv gebe Sicherheit, gerade wenn die Kinder weit weg wohnen. Keiner der neun will hier noch einmal raus. Jedoch sind sie Realisten genug, sich auf den Fall vorzubereiten, dass der Tag kommen wird, sei es durch hohen Pflegebedarf oder Tod. „Es bereitet uns große Schwierigkeiten, uns vorzustellen, dass einer von uns einmal nicht mehr da ist“, sagt Doris Tauber-Vollhardt. Aber es stehe fest: Man will und muss die Zukunft gestalten. Wenn ein Bewohner ausfällt, darf die Hausgemeinschaft dessen Nachmieter bestimmen. Das ist mit dem Eigentümer, der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft Wasserburg, vertraglich geregelt. Doch die Bewohner können sich keinen Fremden vorstellen. „Ohne einander vorher zu kennen, wäre diese Art der Hausgemeinschaft unmöglich“, sagt Fritz Schnabel, mit 75 Jahren der Jüngste.

Neue Bewohner

Darum wünschen sich die neun Senioren eine Art „Freundeskreis Haus Salwe“. Menschen, die künftig bei Treffen, gemeinsamen Essen und Ausflügen herzlich willkommen sind; die behutsam die Bewohner und ihre Form des Miteinanders kennen lernen, damit irgendwann beide Seiten wissen, ob sie sich ein Zusammenleben vorstellen können.

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 „Wir sind nun altersmäßig an einem entscheidenden Punkt angelangt. Wir wollen, dass es weitergeht, dass Salwe mit seinen Prinzipien und Zielen weiter besteht“, sagt Hans Vollhardt. Und gleichzeitig freue man sich auf neue Impulse. „Bloß keinen Stillstand“ will Doris Tauber-Vollhardt. Ob Single oder Paar, Frau oder Mann, Ebersberger oder nicht, das sei zunächst egal. Einziges Kriterium ist das Alter: Nicht älter als 75 Jahre sollten die Anwärter sein. Und: „Kompromissbereit und offen, so wie wir auch“, sagt Doris August.

Über Interessenten freuen sich Doris August, Tel. (0 80 92) 2 02 24, doris.august@web.de, oder Hans Vollhardt, Tel. (0 80 92) 2 39 44, voll-taub@t-online.de.

Uta Künkler

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