Die Teilnehmer einer Ebersberger „Geschichtengruppe“.
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Die Teilnehmer einer Ebersberger „Geschichtengruppe“.

Die Stadt in 40 Jahren

Mit Geschichten in die Zukunft: Wie Erzählungen Ebersberg lebenswerter machen sollen

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Wie wollen wir in Zukunft leben? - Unter diesem Motto findet sich in Ebersberg gerade ein ungewöhliches Projekt zusammen. Ideen sollen übers Geschichtenerzählen entstehen.

Ebersberg – Wir schreiben das Jahr 2061. Die Umwelt hat unter den Folgen des Klimawandels gelitten – auch in Oberbayern. Trotzdem gibt es in Ebersberg frische Erdbeeren für ein Mädchen namens Heidi, die es sich im Gemeinschafts-Gewächshaus pflücken kann. Ein paar Häuser weiter ist eine 85-Jährige dank einer Elektro-Rad-Genossenschaft in ihrer Straße mobil, statt im Alter in ihrer Wohnung festzusitzen.

Die Geschichten vom Gewächshaus und den gemeinschaftlichen Elektro-Rädern sind nicht mehr als Zukunftsfantasien. Doch wenn es nach einer Gruppe von Ebersberger Bürgern geht, könnten aus solchen Erzählungen Ideen reifen, die die Kreisstadt ganz konkret verändern könnten, und zwar vor dem Jahr 2061.

Aus Geschichten sollen Ideen reifen

„Wir möchten ganz viele Leute dazu bringen, Vorstellungen zu entwickeln, wie wir in Ebersberg in Zukunft leben wollen“, sagt Kerstin Gollner. Die Unternehmensberaterin hat das Projekt „Gemeinsam. Zukunft. Machen. In Ebersberg“ zusammen mit der Grünen-Politikerin Lakhena Leng gestartet. Ihre Methode heißt „Navigate by Fiction“ – über gemeinsam entwickelte Geschichten sollen die Ebersberger Zukunftsszenarien entwickeln, sich vernetzen „und Umsetzungskraft erreichen“, sagt Gollner.

So sei ein gemeinschaftliches E-Rad-Projekt wie im eingangs genannten Beispiel heute schon denkbar – und auch gemeinschaftlich genutztes Gewächshaus keine reine Fantasie.

Ausgedacht haben sich diese und Dutzende weitere Zukunftsgeschichten aus dem Jahr 2061, oft aufgehängt an einzelnen erfundenen Charakteren, die Teilnehmer sogenannter „Geschichtengruppen“. Dabei treffen sich sieben Freiwillige zu moderierten Online-Videodiskussionen, in denen sie gemeinsam ihre Erzählungen erarbeiten; „den Prozess durchlaufen“ nennt Gollner das. „Menschen haben sich immer Geschichten erzählt, um die Welt zu erklären und Werte weiterzugeben“, sagt sie.

„Jeder kann teilnehmen, ohne Barrieren“

Wichtig sei ihr, dass diese Treffen kein intellektueller, verkopfter Wissensaustausch seien, sondern ein kreativer Schaffensprozess, bei dem möglichst viele Ebersberger mit allen denkbaren Hintergründen mitreden sollen – vom Schulkind bis zum Greis, unabhängig von Beruf, Schulabschluss oder politischer Einstellung. „Jeder kann teilnehmen, ohne Barrieren“, sagt die Initiatorin.

Als Erfolg betrachte sie das Projekt, falls an die 300 Leute mitmachten. Das ergäbe Hunderte Geschichten, aus denen sich Ideen für das künftige Ebersberg ableiten ließen. Wenn gewisse Themen immer wieder auftauchten, dass beispielsweise der Marktplatz 2061 regelmäßig ganz anders aussähe, ließen sich daraus Erkenntnisse und Forderungen ableiten, die in der Gegenwart politisches Gewicht bekommen könnten, mutmaßt Gollner. Ihre Mitinitiatorin Leng ergänzt: „Ich wünsche mir, dass dadurch eine stärkere Gemeinschaft in Ebersberg entsteht.“ Daraus ergebe sich automatisch, dass Ideen entstünden und auch umgesetzt würden.

Entstehen sollen Hunderte Geschichten - und in ein „Zukunftsfestival“ münden

Die Vernetzung ist dabei ein zentraler Aspekt – es habe bereits ein Treffen gegeben, wo niemand den Anderen zuvor gekannt habe und auch das habe funktioniert, erzählt Gollner. Bisher hätten rund 20 Ebersbergerinnen und Ebersberger „den Prozess“ durchlaufen. Sie hofft nun, dass sich möglichst viele trauen, mitzumachen. Dass immer nur wenige Leute auf einmal beteiligt sind, soll zusätzlich Hemmungen abbauen. „Erst mal ausprobieren“, rät die Unternehmensberaterin denjenigen, die ihre Idee skeptisch sehen.

Vorgestellt werden die Geschichten der Teilnehmer, so der Plan, am 11. und 12. Juni bei einem „Zukunftsfestival“ im Rahmen des Ebersberger „Barcamps“, eines Diskussionsforums, das bereits 2020 stattfand. Wer mitmachen wolle, brauche nur Neugier und die Bereitschaft, sich ein paar Stunden lang auf etwas Neues einzulassen, betonen die Organisatorinnen. Noch im April finden regelmäßig weitere Online-Treffen statt, die Teilnahme ist gratis.

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