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Kreisklinik vor Intensivkollaps: Vier Corona-Tote in einer Nacht -„Wer an Covid stirbt, ist über 90 oder ungeimpft“

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Von: Josef Ametsbichler, Helena Grillenberger

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Durchgang verboten: Ein Warnschild am Eingang der Covid-Station der Kreisklinik Ebersberg.
Durchgang verboten: Ein Warnschild am Eingang der Covid-Station der Kreisklinik Ebersberg. © Stefan Rossmann

Die Kreisklinik in Ebersberg kann keine neuen Patienten auf der Intensivstation mehr aufnehmen. Vier Menschen sterben in einer Nacht an Corona. Es gibt bereits Unterstützung von der Bundeswehr.

Update, 27. November: Vier Corona-Patienten der Kreisklinik sind in der Nacht zum Samstag gestorben. Das meldet die Klinik der EZ-Redaktion am Samstagmittag.

Erstmeldung vom 26. November

Ebersberg – Die Intensivstation der Kreisklinik Ebersberg ist endgültig an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt. Auf 24 Intensivbetten, 20 davon mit Beatmungsmöglichkeit, habe die Klinik aufgestockt, so Geschäftsführer Stefan Huber. Trotzdem reichen die Kräfte nicht mehr für die stationäre Versorgung aller Notfallpatienten. „Menschen werden etwa nach einem Unfall in der zentralen Notaufnahme erstbehandelt, müssen dann aber weiterverlegt werden, wenn sie die Versorgung auf einer Intensivstation benötigen“, teilt dazu das Landratsamt mit. Grund dafür sei die komplette Bettenauslastung sowie ein Personalengpass.

Für Notfallpatienten ist damit die Lage prekär, das betont der Landrat in einer eindringlichen Stellungnahme: „Die gewohnte Sicherheit, dass eine Versorgung in unserer Klinik in jedem Fall möglich ist, kann im Moment leider nicht gewährleistet werden“, so Robert Niedergesäß. Er appelliert an die Bürger: „Die Verantwortung jedes Einzelnen und Solidarität in dieser Notsituation sind nun sehr zentral.“

Landrat: Gewohnte Versorgung kann momentan nicht gewährleistet werden

Die Rettungsleitstelle Erding-Freising-Ebersberg versuche, für Notfallpatienten ein freies Intensivbett in einer anderen Klinik zu finden. „Das ist problematisch, weil die Situation in allen umliegenden Kliniken extrem angespannt ist“, teilt das Landratsamt weiter mit.

Dr. Peter Kreissl,  Hauptgefreiter Bastian Kraus und Feldwebel Jonas Feldmann gemeinsam mit Ebersberger Klinik-Geschäftsführer Stefan Huber (v. l.).
Dr. Peter Kreissl dankt Hauptgefreitem Bastian Kraus und Feldwebel Jonas Feldmann gemeinsam mit Klinik-Geschäftsführer Stefan Huber (v. l.) für die Unterstützung – unter anderem am Eingang zur Zentralen Notaufnahme. © Kreisklinik Ebersberg

Klinik-Chef Stefan Huber nennt am Freitagnachmittag beunruhigende Zahlen: Auf der Ebersberger Intensivstation müssen demnach zehn Covid-Patienten behandelt werden, allesamt mit invasiver, künstlicher Beatmung. Keiner davon komme zurzeit für eine Verlegung im Rahmen der bundesweiten Kleeblatt-Strategie infrage, zu schlecht sei ihr Zustand. Nur einer der Patienten sei geimpft. Auf der Normalstation lägen 24 Corona-Patienten, 13 davon geimpft. „Wer an Covid stirbt, ist über 90 oder ungeimpft“, sagt Huber. „Wir haben aktuell definitiv ein Impfproblem.“

Verlegungen bis nach Schleswig-Holstein vorstellbar

Die Klinik habe den Betrieb auf den Normalstationen zurückgefahren, um Personal etwa aus der Anästhesie und den OP-Sälen auf Intensiv zusammenzuziehen. Dazu würden sogar Krebsoperationen verschoben, soweit irgend vertretbar. Den gestrafften Personalschlüssel, der für einen nominellen Rückgang der Intensivbetten über den Sommer verantwortlich sei, halte die Klinik schon lange nicht mehr ein, stelle nun doppelt so viele Betten bereit, wie dieser hergäbe. Und dennoch reicht es nicht. Verlegungen bis nach Hessen oder gar Schleswig-Holstein seien schon in den kommenden Tagen vorstellbar.

Angesichts der kollabierenden Notfallversorgung bleibt der Politik nur der verzweifelte Appell an Vernunft und Zusammenhalt. „Jeder von uns ist nun aufgerufen, im täglichen Leben mit Umsicht, Vorsicht und Achtsamkeit Risiken zu minimieren, so auch Unfälle nach Möglichkeit zu vermeiden und damit die Notwendigkeit einer Intensivbehandlung“, so der Landrat in einer Pressemitteilung. „Geschwindigkeit runter– Sicherheit rauf“, ruft er etwa zu vorsichtigem Fahren auf. Und dazu, bei Schneeglätte ältere Menschen beim Einkaufen zu unterstützen, um das Verletzungsrisiko zu mindern.

Bundeswehr-Unterstützung in der Kreisklinik Ebersberg

Bereits am Donnerstag sind zehn Soldaten des Gebirgsjägerbataillons Bad Reichenhall in der Kreisklinik eingetroffen. Sie unterstützen die Klinik nach deren Auskunft in diversen Fachbereichen von der Küche bis zur Intensivstation. „Wir sind in allen Bereichen wahnsinnig dankbar“, sagt Klinik-Sprecherin Katharina Ober. Es handle sich nicht um medizinische Fachkräfte. „Das soll einfach eine Entlastung sein.“

Die kann die Klinik mit den jetzigen Vorzeichen auch gebrauchen. „Wir rechnen bis Weihnachten mit einem kontinuierlichen Anstieg der Covid-Patientenzahlen“, sagt Geschäftsführer Huber. Ganz zu schweigen vom Ansteckungsrisiko an den Festtagen: „Dann kommen alle wieder zusammen.“ Dazu mache sich eine saisonbedingte Zunahme anderer Notfälle bemerkbar, etwa Unfälle oder Herzinfarkte. „Wir sind im Komplett-Katastrophenmodus“, so Huber. „Keine schönen Aussichten.“ Er reiht sich gemeinsam mit dem Landrat in den unablässigen Experten-Kanon ein, ruft zur Immunisierung auf, egal ob erste Dosis oder Booster: „Impfen, impfen, impfen!“

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