Oberstveterinär der Bundeswehr: Dr. Katalyn Roßmann aus Egmating ist Spezialistin für Seuchenbekämpfung. Der Kreis Ebersberg baut auf ihre Expertise, um dem Coronavirus in einem Pilotprojekt entgegenzutreten.
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Oberstveterinär der Bundeswehr: Dr. Katalyn Roßmann aus Egmating ist Spezialistin für Seuchenbekämpfung. Der Kreis Ebersberg baut auf ihre Expertise, um dem Coronavirus in einem Pilotprojekt entgegenzutreten.

Spezialistin für Seuchenbekämpfung

„Fürs Chaos ausgebildet“: Diese Bundeswehr-Ärztin kämpft mit Abwasser-Tests gegen das Coronavirus

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Sie hat in Afrika gegen Ebola und im Kosovo gegen das Q-Fieber gekämpft – und in Berchtesgaden gegen das Coronavirus, als der Kreis Hotspot war. Nun ist Oberstveterinär Dr. Katalyn Roßmann (46) vom Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr für das Landratsamts Ebersberg im Kampfeinsatz gegen die Pandemie. Weit hat sie es nicht, sie lebt in Egmating.

Landkreis - Unterstützt von einem 20-köpfigen militärischen Analysezentrum in München soll die Tropenmedizinerin und Spezialistin für „Public Health“ („Öffentliches Gesundheitswesen“) Dr. Katalyn Roßmann den Landkreis beraten. Das Ziel ist anspruchsvoll: das Virus in den Griff bekommen und Vorbild für ganz Bayern sein.

- Frau Dr. Roßmann, wie bekämpft man ein Virus mit Informationen?

Das Virus ist selber nichts Anderes als schlechte Information, die einen Wirt braucht, um sich zu vermehren. Wir müssen cleverer und schneller werden als das Virus. Das ist eine große Herausforderung an Bürokratie und Politik. Von allen Seiten Personal zusammenzuziehen und zu steuern ist etwas, das eine Behörde in dieser Form nicht gewohnt ist. Wir wollen drei Bereiche zusammenbringen: Führung, Fachliche Kompetenz und Digitalisierung. Vor allem geht es darum, ein umfängliches Wissensmanagement zu etablieren.

In der Kläranlage über das Virus lernen

- Zum Beispiel übers Abwasser-Monitoring?

Ja. Um vor die Welle zu kommen, müssen wir mehr testen als nur Individuen: Wir brauchen einen Überblick über die Fläche. So sind wir drei bis vier Tage früher dran als der Datenstand aus den Testzentren.

- Was suchen Sie im Abwasser?

Der infizierte Mensch scheiden Virus über den Stuhl aus, auch wenn er keine oder noch keine Symptome zeigt. Wir nehmen Sammelproben aus den Kläranlagen. Das Labor kann dann nachweisen, wie viele infizierte Personen ungefähr an dieser Probe beteiligt gewesen sein müssen. Das setzen wir in Relation zu den offiziellen Fallzahlen – bis auf eine von 1000 Personen genau. So finden wir die Dunkelziffer der Infektionen und können die Virusmutationen flächendeckend nachweisen.

- Was ändert das an den Corona-Maßnahmen?

Spannend wird es bei sinkenden Fallzahlen. Wenn wir beispielsweise eine Gemeinde hätten, in der offiziell keine Fälle mehr auftreten. Dann könnten wir über das Abwasser nachweisen, ob das wirklich stimmt. Falls ja, könnte man Maßnahmen lockern. Finden wir das Virus im Abwasser, müssen wir die verbliebenen Fälle suchen.

Problemfaktor Kaffeeküche

- Wo sind die Dunkelziffer-Herde?

Der Arbeitsplatz ist so ein Beispiel, dazu gibt es Studien, und wir haben dies auch im Kreis Berchtesgaden bei Betriebstestungen gemerkt. Problematisch wird es, wenn die Leute in ihrer vertrauten Umgebung miteinander essen, Kaffee trinken oder einen Schwatz halten. Wir hatten beispielsweise eine Kfz-Werkstatt, in der sich die Mitarbeiter in der Kaffeeküche gegenseitig infiziert haben.

- Wie ist es mit dem privaten Bereich?

Ich befürchte, dass gerade jetzt in den Ferien die Leute ihre Kinder ungetestet aus verschiedenen Haushalten zum Spielen zusammenbringen. Es heißt ja allgemein: Die dritte Welle ist privat.

- Wie können die Bürger helfen, das Virus in den Griff zu bekommen?

Testen, testen, testen. In allen Lebensbereichen. Sich an die banalen Regeln halten – Maske und Abstand. Und sich lieber draußen an der frischen Luft treffen, das ist ganz wichtig.

- ...also die Kaffeeküche zusperren?

Ganz ehrlich, ja, die Kaffeeküche zusperren! Das vertraute Umfeld, auch wenn die Nachbarn zu Besuch kommen, nach draußen verlagern.

Digitalisierung statt Fleißarbeit

- Was können Sie dem Landratsamt beibringen?

Vieles funktioniert über eine grafische Aufarbeitung einfacher. Und vieles an unfassbarer Fleißarbeit kann durch Digitalisierung vereinfacht werden. Damit unsere Fachleute mehr ihren Kopf zum Analysieren und weniger ihre Hände zum Abtippen von Zahlen nutzen. Es gibt zu viele Excel-Tabellen, Programme, Insellösungen. Das schafft unglaubliche Reibungsverluste.

- ...und jetzt entwickelt der Landkreis Ebersberg auch noch seine eigene Strategie. Verkompliziert das nicht alles noch mehr?

Nein, es wird einfacher. Unser Dashboard, in dem wir unsere Daten sammeln, nutzt auch das Robert-Koch-Institut, genauso die globalen Player: die Weltgesundheitsorganisation oder die Johns-Hopkins-Universität. Wir standardisieren also am Beispiel Ebersberg, genau wie in Berchtesgaden. Das ist ein Pilotprojekt, aber keine Insellösung.

Bundeswehr gegen Coronavirus: „Dafür ausgebildet, wenn die Lage komplex oder chaotisch wird“

Oberstveterinär Dr. Katalyn Roßmann (46) vom Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr mit ihren Spezialisten aus der Münchner Analysetruppe.

- Warum braucht es für so etwas die Bundeswehr?

Wenn die Lage stabil ist, funktioniert die Bürokratie. Streitkräfte sind dafür ausgebildet, wenn die Lage komplex oder chaotisch wird: Wir wissen, dass wir nicht mehr den besten wissenschaftlichen Standard schaffen – aber wir schaffen die wichtigsten Dinge, die Menschen am Leben zu erhalten. Wir haben Erfahrung mit Ausbrüchen wie Ebola in Westafrika oder Q-Fieber im Kosovo.

- Warum haben die Behörden nicht früher die Bundeswehr an Bord geholt?

Die Erwartungshaltung an die Bundeswehr ist, dass wir massenweise Hände haben, um muskuläre Arbeit zu leisten. Sandsäcke bei Flutkatastrophen schleppen. Es drängt sich nicht auf, dass wir internationale Public-Health-Expertise haben.

- Deutschland hat historisch bedingt ein gespaltenes Verhältnis zum Militär. Sie haben das Wort Führung benutzt. Das hat in dem Kontext einen unguten Beiklang.

Ich möchte nicht die Führung übernehmen. Das muss immer eine zutiefst politische Aufgabe bleiben. Wir beraten, nichts anderes. Weil Krisenmanagement unser Alltagsgeschäft ist. Es gibt Landratsämter, die unseren Ansatz und Anspruch für visionär, größenwahnsinnig oder nassforsch halten. Aber ich habe auch mit „Ärzte ohne Grenzen“ in Krisengebieten gearbeitet, die sind sehr, sehr militärkritisch. Meine Erfahrung: Man kann sich auf einer fachlichen Ebene und mit einem menschlichen Austausch immer finden.

Die Strategie: miteinander zu mehr Lockerungen

- Welchen Lerneffekt erhoffen Sie sich aus der Corona-Pandemie?

Erstens: Mut zur Innovation in der Krise. Zweitens: Anstand im Miteinander. Wir werden das Virus nur gemeinsam überholen. Was Eigeninteressen und unsere Komfortzone angeht, haben wir hier in Deutschland bei aller Anstrengung noch Luft nach oben. Im internationalen Vergleich haben wir viel Freiheit und viel Sicherheit.

- Wenn Ihre Strategie aufgeht, was ändert sich für die Bürger?

Dann können wir langfristig weniger Fälle produzieren und diesen Ausbruch in den Griff bekommen. Damit möchten wir für die Menschen im Landkreis Ebersberg wieder mehr Freiheit schaffen, in den vier Bereichen, auf die wir uns fokussieren: Schulen, Gastronomie, Einzelhandel und Freizeit. Wir hoffen, dass wir das im Anschluss über den Landkreis hinaus hochskalieren können – als gutes Beispiel für ganz Bayern.

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