Zwei rauchende Räucherstäbchen.
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Bei einem religiösen Ritual bekam eine Schamanin Kokablätter, die sie stets bei sich behielt (Symbolbild).

Amtsgericht Ebersberg

Uralte Kokablätter beschlagnahmt: Kurioser Drogen-Prozess um geschockte Schamanin

  • Raffael Scherer
    VonRaffael Scherer
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Aus religiösen Gründen hatte eine angehende Heilpraktikerin Kokablätter bei sich. Für diesen heiligen Ritus musste sie sich nun vor Gericht rechtfertigen.

Ebersberg – Bei einem peruanischen religiösen Ritual ist es Brauch, dass die Gesegnete ein Tuch voll mit Steinen des höchsten Berges, Gewürzen und Kokablättern erhält. Dieses Bündel darf nie mehr geöffnet werden, erklärte eine Frau, die wegen Drogenbesitzes vor dem Ebersberger Amtsgericht stand. „Darum war es für mich besonders schlimm, als die Polizisten es aufgemacht haben“, schimpfte sie tränenreich.

Die Beamten hatten vergangenes Jahr bei einer Kontrolle an einer Tankstelle in Vaterstetten Kokablätter bei der 53-Jährigen sichergestellt. Daraufhin flatterte ihr ein Strafbefehl der Staatsanwaltschaft über eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 30 Euro ins Haus, macht 3600 Euro. Dagegen hatte sie nun den Einspruch eingelegt.

Drogen-Schamanin ist sich sicher, dass die Kokablätter keinerlei berauschende Wirkung mehr haben

Die „Lebensberaterin“ und selbst ernannte Schamanin aus Niedersachsen holte zur weiteren Erläuterung ein großes, buntes Stück Stoff hervor: „Sechs Monate Handarbeit stecken in diesem Tuch“, erklärte sie und strich zärtlich darüber. „Ist es einmal geschlossen, so ist das heilig.“ Erneut kamen ihr die Tränen.

„Das mag ja alles sein, aber Fakt ist nun einmal, dass der Besitz von Kokablättern verboten ist, das ist das Problem“, erwiderte Richterin Vera Hörauf. Das ließ die 53-Jährige nicht gelten. Die Blätter seien bereits über zwanzig Jahre alt und ausgetrocknet. Der problematische Stoff darin längst verflogen, davon könne auf keinen Fall irgendwer zu Schaden kommen.

Prozess um Drogenschamanin: Lebensberaterin fürchtet um ihre Heilpraktiker-Ausbildung

Darum treffe sie die Strafe umso härter: „Eine Vorstrafe als Drogendealer wäre das Gegenteil meiner Berufung“, sagte sie. Sie habe ihr Leben lang studiert, um Menschen und deren Leben zu unterstützen und niemals, um ihnen zu schaden. Darüber hinaus wolle die Angeklagte im Oktober ihre Heilpraktikerprüfung ablegen, das könne sie mit einer Vorstrafe im Führungszeugnis vergessen, führte sie panisch aus.

Richterin und Staatsanwaltschaft waren sich wegen des geringen Schadens für die Öffentlichkeit einig, dass die 120 Tagessätze auch auf 90 sowie der Satz auf 20 Euro reduziert werden könnten, die Strafe sich damit auf 1800 Euro halbierte. Und da sie 90 Tagessätze nicht übersteigt, taucht sie nur im Erweiterten Führungszeugnis auf, nicht im regulären.

Nach Urteilssprechung: Schamanin will ihre Sachen aus der Asservatenkammer zurück

Diese Möglichkeit nahm die Angeklagte dankend an und fragte, ob sie, abgesehen von den Blättern, die Steine und Gewürze aus der Asservatenkammer zurückbekommen könne. Als die Staatsanwältin antwortete, dass das vielleicht etwas dauere aber möglich sei, versiegten die Tränen der Schamanin. Sie faltete sorgfältig ihr Tuch und verließ lächelnd den Saal.

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