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Dieses Anwesen in der Eberhardstraße war eine hilfreiche Anlaufstation für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen obdachlos geworden sind. Als langfristige neue Heimat ist das Haus nie gedacht gewesen. Mangels günstigem Wohnraum aber blieben viele deutlich länger.

Ebersberger Obdachlosenunterkunft schließt

Die andere Herbergssuche

  • vonJörg Domke
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Die Obdachlosenunterkunft in der Eberhardstraße in Ebersberg macht dicht. Für die Bewohner kommt diese Nachricht einer Katastrophe gleich. Wir haben sie besucht.

Landkreis – Sie nennen sich Franz K., Rosi B., Jens J. und Maria S.. Und sie sind 65, 43, 51 und nochmals 43 Jahre alt. Außer, dass wir sie hier

lick in einer der Wohnräume in der Eberhardstraße 39 in Ebersberg. Mitte März müssen alle Bewohner raus sein. Wohin die Reise geht, ist ungewiss.

nicht mit vollem und nicht immer mit den richtigen Namen nennen, haben sie gleich mehrere weitere Gemeinsamkeiten. Die vier haben zurzeit alle noch ihre Meldeadresse in der Eberhardstraße 39 in Ebersberg. Sie alle sind das, was man Obdachlose nennt. Sie alle haben mehr oder weniger ähnlich verlaufende Lebensgeschichten. Und sie haben – alle gemeinsam – seit dem 10. Dezember ein gemeinsames Problem. Bis zum 18. März 2019 müssen Franz, Rosi, Jens und Maria irgendwo und irgendwie eine neue, bezahlbare Unterkunft für sich finden. Um nicht weit weg in die Fremde zu ziehen, vorzugsweise im Landkreis Ebersberg. In einem Landkreis, der ausreichend günstigen Wohnraum so wenig zu bieten hat wie die Sahara Wasserfälle.

Da ist dieser Brief, der da vor ein paar Tagen an die Bewohner der Eberhardstraße 39 versandt worden war und seither die Gemüter erhitzt. Überschrieben mit dem knappen, fett gedruckten Hinweis: Auflösung des Hauses. Absender: Das Diakonische Werk (Unterkunft und Beratung) Ebersberg. Man habe den Mietvertrag mit dem Eigner des Hauses nicht verlängern können, heißt es. Die Obdachlosenunterkunft werde daher geschlossen, das Haus am 18. März geräumt. Der Rat: Nehmen Sie zeitnah Kontakt zu ihrer Gemeinde auf, um die weitere Unterbringung zu klären.

Es ist mehr als nur Ratlosigkeit, mit der sich das Quartett, von dem sich jeder mit Stolz ein Ebersberger nennt, seither herumschlagen muss. Da ist zurzeit auch, mit Blickrichtung Stadt Ebersberg, von Ignoranz und Arroganz die Rede. Von der Unfähigkeit, mit dem Thema Obdachlosigkeit umzugehen. Von jahrelanger Untätigkeit, Bürgern in Notlagen zu helfen. Sogar den Willen, Obdachlosen eine angemessene Herberge zu geben, spricht der eine oder andere den politisch Verantwortlichen ab.

30 Heimlose gibt es schätzungsweise kreisweit. Hört sich nicht viel an, ist aber zu viel, um sie in einer der Kreisgemeinden für mehr als ein paar Tage oder Wochen unterzubringen. Es gibt, heißt es, einige, die haben acht Jahre lang auf der Straße gelebt.

Und nun diese vorgezogene Weihnachtspost als Krönung.

Da ist zum Beispiel Jens. Kam lediglich mit einem Rucksack an. Über 20 Jahre ist das her. Der gebürtige Rostocker erzählt eine Lebensgeschichte, die so typisch ist für Obdachsuchende. Beziehungskrise. Trennung, raus aus der gemeinsamen Wohnung, die die Partnerin einst gemietet hatte. Auf der Suche, erst einmal zur Ruhe zu kommen. Jens sah zu, sich vernünftig einzukleiden und Arbeit zu suchen. Bei der Wohnungssuche aber hakte es. Kaution, Bürgschaften, Schufa: Das ließ ihn immer wieder scheitern.

Dann Alkohol. Zu viel Alkohol. Im Wald hat er geschlafen. Wo genau im Ebersberger Forst, das will er nicht sagen. Jedenfalls war man dort ungestört. Die Stelle ist schwer zu finden und schlecht einsehbar. Und soll es auch bleiben. Teilweise war man dort zu viert. Oder noch mehr. Ein Wintertag dort draußen bei minus 22 Grad, sagt er, sei nicht lustig. Drei Jahre ist das nun her.

Dass es dann doch klappte mit der Eberhardstraße 39, das sei ein Segen gewesen. Eine Chance, in ein geregeltes Leben zurückkehren zu können. Nur mit dem Job blieb es schwierig. Eberhardstraße 39; das ist seine formelle Meldeadresse. Einerseits gut, dass man sie hat. Andererseits aber auch etwas, was stigmatisiert. Mehrere Anläufe, einen Job zu finden, scheiterten. Jens sagt, dass er arbeiten wolle. Auch, obwohl man nur 400 Euro mehr verdiene als das, was man mit Hartz IV bekomme. Eine Beschäftigung hatte er, der gelernte Koch, schließlich: Wenig freie Tage, mieses Arbeitsklima, keine bezahlten Überstunden, sagt er. Vor ein paar Wochen war Schluss.

Acht Quadratmeter bewohnt Jens in der Eberhardstraße. Bett, Nachtkästchen, Stuhl, Kühlschrank. Schlaf- und Wohnzimmer und Teilküche zugleich. Stauraum und Rückzugsort. Fernseher, lieb gewonnene Erinnerungsstücke. Vom Munde abgespart. Manches wird er nun aufgeben müssen. Die Zukunft sei schließlich so was von ungewiss. Die 510 Euro Nutzungsgebühr pro Monat zahlt der Staat. Die zwölf Euro Stormpauschale muss jeder selber aufbringen. 300 Euro blieben ihm pro Monat für Lebensmittel, sagt Jens.

In dem Vertrag steht, wer sich nicht eigenständig ausreichend bemühe bei der Suche nach einer anderen Wohnung, könne nach sechs Monaten gekündigt werden.

Kaum anders sieht es bei Maria aus. Die 43-Jährige wuchs in Grafing auf, zog dann in eine Nachbargemeinde. 2001 wurde geheiratet. Maria ist gelernte Gärtnerin, arbeitete lange als Putzfrau. Ist Mutter einer Tochter.

Zurzeit läuft ihre Scheidung. „Ein Rosenkrieg“, sagt sie. Polizeieinsätze habe es schon gegeben. Seit Mai ist sie in der Eberhardstraße. Eine Wohnung anderswo zu finden, sei noch nicht geglückt. Mit Hartz IV komme man nur hin, berichtet sie, weil es einmal in der Woche die Tafel in der evangelischen Kirche gebe.

Die Jobsuche als Zierpflanzengärtnerin mit Fachwerkerbrief habe auch noch keine Erfolge gezeitigt. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt sie. Und fürchtet schon jetzt, was die anderen drei Mitbewohner auch mit Sorge erfüllt: Im Zweifelsfall könne man nach Froschkern geschickt werden. Jener Ortsteil in der Gemeinde Anzing, wo es Wohnraum durchaus gebe, der aber bei Obdachlosen so unbeliebt ist wie nur irgendwas. Weit abseits, nichts zu Fuß zu erreichen: Und verhältnismäßig teuer sei es obendrein. Im Kreis gibt es noch weitere ähnliche Standorte, die im Ranking bei Obdachsuchenden nicht weit oben stehen.

Franz K. und Rosi B. nicken. Der gelernte Spengler und Installateur (er selber spricht von „Gas, Wasser, Scheiße“) ist 65 Jahre alt. Vor über zehn Jahren kam er in den Landkreis. War verheiratet, hat zwei Stiefkinder. Als der gebürtige Ingolstädter noch voll in Lohn und Brot steckte, erkrankte seine Frau schwer. Sie starb schließlich. Ein Schicksalsschlag, der Franz K. so stark traf, dass er im Alkohol sein Seelenheil suchte. Zwei Flaschen Whisky und zwei Kästen Bier; täglich. Danach entwickelte sich etwas, woraus er nicht mehr entkam: Wohnungskündigung. Schlafen auf der Straße.

Am Ebersberger S-Bahnhof traf er Rosi B., 43. Man lernte sich näher kennen, auch weil man sich mit anderen eine Unterkunft teilte im Herzen Ebersbergs, die es längst nicht mehr gibt: Den Stadl zwischen Bahnhof und Marienplatz dort, wo sich jetzt das Einkaufscenter befindet. Rosi sah, wie der Alkohol die Gesundheit und das Leben von Franz jeden Tag stärker bedrohte. „Du schaffst das auch“, sprach sie ihm Mut zu.

Dabei hat Rosi selbst ein Leben hinter sich, in dem kaum mehr schief gehen kann. Dachdeckerlehre als Frau, was ja noch außergewöhnlich ist. Dann aber plötzlich die Schwangerschaft. Kind bekommen und auf Dächer kraxeln; das schloss sich aus. Ihre Tochter ist heute ungefähr 23. Genau weiß es Rosi nicht mehr. Kontakt besteht keiner. Rosi selber drückt es drastischer aus.

Im Juni 2016 eröffnet sich ihnen die Option, in der Eberhardstraße unterzukommen. Ihr kleines, bescheidendes Domizil dort wurde nach und nach das, wonach beide seit Langem gesucht hatten. „Wir haben es uns gemütlich eingerichtet“, sagen sie stolz. Wissend, dass es dort nie eine Lösung auf Dauer werden sollte und durfte. Oder, wie es Jens sagt: „Dass wir in dem Haus nicht an Altersschwäche sterben, war jedem klar“.

„Wir sind doch Ebersberger“, sagen auch Rosi und Franz mit einem deutlich vernehmbaren Unterton von Selbstbewusstsein. Alleine schon die Nähe zu Ärzten, die wegen diverser Erkrankungen an Leber, Augen und Atemwegserkrankungen, sei unschätzbar. Dass man ihnen womöglich Froschkern als Ausweichlösung anbieten werde, empfinden Franz und Rosi als Bedrohung. Aber irgendwas im Landkreisnorden werde es wohl werden.

Was allen vieren gemein ist: Noch vor 15 Jahren, sagen sie, sei die Situation im Landkreis, statistisch immerhin einer der reichsten der gesamten Republik, für sie noch ganz anders gewesen. Besser. Damals habe es hier und da noch nicht abgerissenen, wenngleich heruntergekommenen Wohnraum gegeben, wo die Chance bestand, vorübergehend unterzukommen. Weil aber Wohnbauflächen in nahezu allen Kommunen immer rarer wurde und eine Nachverdichtung der anderen folgte, fielen diese Optionen auch weg. Die Obdachlosen wurden so zu Opfern des lokalen Wohnungsbooms. Und Opfer einer zunehmenden Etikettierung, die sich die Wohlstandsgesellschaft zu eigen gemacht hat.

Wer sich bewirbt um freien Wohnraum und als Altadresse die Eberhardstraße 39 angibt, der habe im Grunde fast schon verloren, sagt Ernst Weinzierl vom Verein „Brücke“. Er ist dort Geschäftsführer und kennt viele der Obdachlosen, auch wenn der Verein ganz andere soziale Aufgaben erfüllt. „Die Brücke Ebersberg ist ein gemeinnütziger Verein, der Menschen mit Handicaps hilft, ihr Leben zu bewältigen. Jugendliche, junge Erwachsene und Personen, die unter Betreuung stehen, werden von uns unterstützt. Wir versuchen, Lösungen zu finden, die es unseren Klienten erlauben, in die Mitte der Gesellschaft zurückzukehren“, heißt es in einem Selbstporträt auf der Homepage unter der Adresse www.bruecke-ebersberg.de.

Dass nun eine Wohnoption verloren gehen wird, die Obdachlosen eine Herberge bot, um wieder eine Hoffnung zu schöpfen, bedauert er. Dass man Bewohner zur Auflage mache, sich selbst eigenverantwortlich andere Wohnungen zu suchen, sei im Grundsatz sicherlich richtig. Aber er fügt auch die rhetorische Frage an: „Wer gibt ihnen denn hier Wärme und Wohnraum?“ Dass sie in anderen Sozialwohnungen unterkommen, sei eher selten.

Was Weinzierl noch bedauert, ist eine, wie er es nennt, Verteilungspolitik vieler Kommunen. Weil sie zu wenig Kapazitäten vorhalten und auch nie daran gedacht hatten, rechtzeitig entsprechende zu schaffen, sei jeder froh, wenn Obdachlose anderswo anklopften. Das Problem mit Obdachlosen sei aber nicht neu und auch nicht wie ein unvorhersehbares Drama in den Landkreis gekommen.

Es sei, sagt Jens, Unverständnis, dass es so weit gekommen sei, wie man mit ihm und seinen Spezln umgehe. Von möglichem Neid oder gar Groll gegen Asylsuchende, denen im Landkreis noch vor gar nicht so langer Zeit tausendfach Unterkünfte zur Verfügung gestellt wurden, will er und wollen die anderen aber nichts wissen. Auch die seien im Grunde arme Schweine.

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