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So lustig kann eine private Kartenrunde sein: Jeden Montag treffen sich (v. l.) Elisabeth Fischer (94), Günther Walther (64), Maria Hofstetter (80) und Olga Walther (81) zum „Watten“. Gespielt wird um die Ehre, nicht um Geld. 

Ebersberger „Watt-Freunde“

Hier spielen 319 Lebensjahre Karten

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Watten ist etwas über 200 Jahre alt. Kleine Fische für diese betagte Kartlerrunde, die sich jeden Montagnachmittag im Landkreis trifft. Die Teilnehmer dieses exklusiven Quartetts bringen es zusammen nämlich auf 319 Lebensjahre. 

Ebersberg – Die Älteste, Elisabeth Fischer (94), war der Chauffeur. Sie wohnt in Haging,ist mit dem Auto angereist und hat dabei Maria Hofstetter (80) aus Hinteraschau bei Steinhöring in die Kreisstadt mitgenommen. Mit am Tisch sitzen Olga Walther (81) und ihr Sohn Günther (64). Der ist in dieser Runde weitaus der Jüngste. Aber was ihm an Alter fehlt, macht er durch Frechheit wett. „Setz dich auf den Stuhl, Lisl, dann trag’ ich dich um den Tisch rum“, sagt er zu der 94-Jährigen. Die findet das lustig und lacht wie ein Kind. Dabei hat ihr der Fuchs vor kurzem alle Hühner abgeholt, erzählt sie der Runde traurige Neuigkeiten. „Ich hab’ vergessen, den Hühnerschlupf zuzumachen.“ Aber kein Problem. Bald bekomme sie eine neue Hühnerschar. Die Karten liegen sozusagen bereits auf dem Tisch. Maria hat der Olga getrocknete Maiskolben mitgebracht „Da, für deine Hasen“. Die logieren in einem hoffentlich fuchs-sicheren Käfig auf der Terrasse.

Bevor’s losgeht, gibt es Nusskuchen mit Sahne. „Den hat die Tini gemacht“, sagt Günther mit sichtlichem Stolz und meint damit seine Tochter. Er ist sozusagen vom Fach, weil er vor der Rente als Konditor gearbeitet hat. Vor Weihnachten hatte er trotzdem alle Hände voll zu tun. „60 Stollen und 32 Kilogramm Pralinen“ hat er hergestellt, zieht der Rentner Bilanz. „Bestellungen für nächstes Jahr hab’ ich bereits wieder.“ „Das macht er gut, wir durften schon probieren“, berichtet Maria.

Gespielt wird nicht allzu „streng“ und auch nicht um Geld. „Wir kaufen nix“, sagt Günther und grinst. Dafür werden die Tagesergebnisse durch Olga fein säuberlich in einem kleinen Büchlein notiert, das ein schwarzes Gummiband zusammenhält. Seit sieben Jahren geht das schon so. Vorher werden die Stricherl je nach Spielergebnis mit Kreide auf eine Schiefertafel gemacht. „Die ist noch aus meiner Schulzeit“, sagt Günther. Und das ist garantiert nicht geschwindelt. „Wir schwindeln nicht beim Karten spielen“, sagt der 64-Jährige und versucht, überzeugend zu wirken.

Kennengelernt hat sich die Runde im Seniorenstüberl der Arbeiterwohlfahrt in Grafing. Das wurde geschlossen. Angeblich hatte die Stube zu wenig Zulauf, ebenso wie ähnliche, kirchliche Einrichtungen. „Das Thema wurde nicht weiter verfolgt“, hieß es damals im Grafinger Stadtrat. Die Runde musste sich privat organisieren. Olga Walther hat sich lange ehrenamtlich bei der Arbeiterwohlfahrt eingebracht, berichtet sie.

In jeder Kartlerrunde wird politisiert. „Dazu haben wir keine Zeit. Wir müssen aufpassen, dass keiner bescheißt“, sagt Maria und hebt schon zum zweiten Mal um eine Karte den Kritischen „Max“ nicht ab. „Das passiert mir dauernd“, meint sie. Aber natürlich wird anschließend doch politisiert.

Zum Beispiel ärgert sich die Runde über den Finanzminister. Der bringe das Kunststück fertig, dass Vereine, wenn deren Mitglieder ehrenamtlich etwas basteln und verkaufen, dann dafür auch noch Steuern bezahlen sollen. „Da bin ich aber ins Finanzamt nach Rosenheim gefahren“, erzählt Olga. „Das hab’ ich geregelt“, meint sie vielsagend, ohne sich näher zu erklären.

Geärgert hat sich die 81-Jährige auch über eine freche Antwort der Bahn, als sie in Grafing zwischen Bahnsteig und Regionalzug gefallen sei. „Die Lücke beträgt einen halben Meter“, schildert ihr Sohn Günther. „Da haben die Leute geschimpft“, erinnert sich Olga. Anschließend sei ihr lapidar mitgeteilt worden, dass sie sich eine Begleitung mitnehmen solle, wenn sie nicht mehr alleine Zug fahren könne. „Eine Frechheit“, findet die Runde. Dann geht’s weiter, aber der Elisabeth geht’s nicht schnell genug. „Suchst den gestrigen Tag?“, fragt sie, als sich ihre Partnerin nicht schnell genug entscheiden kann beim „Ansagen“.

Die erste Runde geht klar an Olga und Elisabeth. Maria und Günther bekommen ein „Bummerl“. Das wird dann ins Büchlein übertragen. „Später gibt’s ein Radler“, animiert Olga ihre Mitspieler zum Durchhalten. Aber die wären auch so noch länger sitzen geblieben. Schließlich geht es beim Watten um die Ehre.

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