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Walter Brilmayer, Ebersberger Bürgermeister, sagt seine Meinung auf der Ludwigshöhe.

Ebersbergs Bürgermeister Walter Brilmayer redet Klartext

Gesunder Menschenverstand bleibt auf der Strecke

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So viele Zuhörer hat der Ebersberger Rathauschef Walter Brilmayer nicht mal bei einer seiner gut besuchten Bürgerversammlungen.

Ebersberg – Der Einladung auf die Ludwigshöhe zur Sonnwendfeier folgen traditionell sehr viele Ebersberger – so auch diesmal. Für Brilmayer regelmäßiger Anlass, seine Mitbürger an seinen Gedanken teilhaben zu lassen, die einmal nichts mit Stadtratsbeschlüssen oder Verwaltungsakten zu tun haben – aber indirekt eigentlich schon.

Nach dem Standkonzert am Marienplatz bewegte sich die Karawane zur Ludwigshöhe, wo Böllerschützen und Festfanfaren lautstark den Startschuss gaben zur diesjährigen Sonnwendfeier, zu der auch Jagdhornbläser, Trachtengruppen, die Goaßlschnalzer, der Spielmannszug Ebersberg und der Singkreis einen Beitrag leisteten.

In seiner „Feuerrede“ beklagte Brilmayer launig „den Verlust eines wertvollen Wegbegleiters, eines unverzichtbaren Beraters, eines treuen Kameraden. Es geht mir um den Verlust des gesunden Menschenverstandes“. Dieser zunehmende Verlust sei leider überall zu beobachten.

Da müsse jede Kleinigkeit gesetzlich geregelt werden, weil das Zusammenleben sonst nicht mehr funktioniere, „völlig blödsinnige und überflüssige Hinweise“ würden auf Tafeln angebracht, Verkehrsschilder im Übermaß platziert, dem Navigationsgerät im Auto mehr vertraut als dem, was man tatsächlich sehe, und irgendwelchen medialen Sensationsberichten eher geglaubt, als einer seriösen und recherchierten Berichterstattung.

Brilmayer nannte ein paar weitere Auswüchse: Das Navi in vielen Fahrzeugen führe zur völligen Ausschaltung des eigenen Gehirnes und das zeitige kuriose Folgen: Ein Auto fährt über die Ufermauer direkt ins Meer, ein Wagen bleibe in den engen Gässchen eines italienischen Ortes stecken, ein Autofahrer bleibt auf der Autobahn auf der linken Spur stehen, weil das Navi gesagt habe „links halten“.

Der Ebersberger Bürgermeister hatte noch andere Kuriositäten parat: „Bei Glatteis Rutschgefahr“. Oder in Amerika den Hinweis, dass Katzen nicht in die Mikrowelle gesteckt werden dürften, weil sie dort zu Schaden kommen könnten. Als alter Bergfan wunderte sich Brilmayer auch schon „mitten in den Alpen, wenn Sie von Mittersill auf der gut ausgebauten Bundesstraße zum Felbertauerntunnel fahren“. Seit ein paar Jahren stehe dort die überdimensionale Tafel „Vorsicht Bergstraße“. „Wir befinden uns dort aus jeder Richtung mindestens hundert Kilometer im Gebirge und werden dann darauf aufmerksam gemacht. Wer so ein Schild aufstellt, muss seine Mitbürger doch für komplett bescheuert halten“, sagte der Ebersberger Rathauschef. Aber das Schlimmste sei, dass dies manchmal sogar zutreffe, zum Beispiel: „Wenn man in kurzer Turnhose bei Schneetreiben auf die Zugspitze läuft und dann andere dafür verantwortlich macht, dass sie einen nicht abgehalten haben. Wenn man am Klostersee an der Stelle ins Wasser springt, wo ein großes Schild darauf hinweist, dass der See da nur einen Meter tief ist, und dann andere Verantwortliche sucht.“ Oder wenn man in den sozialen Medien über sich selbst Infos, Bilder, Gefühle und persönlichste Dinge verbreite und sich dann wundere, wenn andere alles über einen wissen und dieses Wissen gnadenlos ausnutzen: kommerziell, politisch oder auch privat.

Verantwortlich für diese bedenkliche Entwicklung, so glaubt Brilmayer, sei vieles, „vielleicht sind wir auch selbst mit schuld daran. Wenn für alles und jedes von uns Bürgern selbst Regeln verlangt werden, wenn meistens dann auch Regeln aufgestellt werden, wenn wir bei Unfällen die Schuld immer bei anderen suchen, wenn wegen jedem Pipifax Gerichte beschäftigt werden, oder wenn wir auch gerne nur die Nachricht glauben, die wir sowieso am liebsten hören, dann tragen wir selber dazu bei, dass der gesunde Menschenverstand in den Hintergrund gedrängt wird und auf der Strecke bleibt.“ Immanuel Kant, der große deutsche Philosoph der Aufklärung, habe einmal gesagt: „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“. „Das glaube ich ist ein guter Ratschlag und anscheinend auch schon vor ungefähr 250 Jahren notwendig gewesen. Heute jedenfalls ist er aktueller denn je“, so Brilmayer, sich abschließend bei allen bedankte, die die Feier mitgestaltet und zum Gelingen beigetragen hatten.

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