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Warum ihn ein Luftbefeuchter fast tötete

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Von: Christoph Hollender

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Die Brezn, die Walter Brilmayer bäckt, sind klein. Aber er kann sie selber ziehen, das zählt für ihn. Der Ebersberger Bürgermeister in seinem historischen Amtszimmer im Rathaus. © sro

Ebersbergs Bürgermeister Walter Brilmayer regiert die Stadt seit 25 Jahren. 2020 ist Schluss - aus Altersgründen. Ein Portrait eines Mannes, der in seinem Leben mehr als 1000 Weißwürste verspeiste und den manche für einen konservativen Hippie halten.

Ebersberg – Walter Brilmayer hat 1000 Weißwürste in seiner Amtszeit gegessen, schätzt er, lacht, rechnet, überlegt, lacht laut, sagt: „Mehr als 1000 Stück.“ Die Würste, die er als Bürgermeister noch essen wird, sind gezählt. Er schlendert durch die Bahnhofstraße hinauf zum Marienplatz, wo ein gelber Bagger brummt, jahrzehntealten Kies aus dem Ebersberger Boden schaufelt und es nach Abgasen riecht. Es ist ein Spaziergang durch die Stadt, deren Chef Walter Brilmayer, seit 25 Jahren ist, wo viel Kies verbaut wurde und in der er durch einen Luftbefeuchter in seinem eigenen Amtszimmer fast ums Leben gekommen ist.

Er gehört genau hier hin

Dass er genau hier hin gehöre, nach Ebersberg, in die Stadt und nicht darüber hinaus, das war ihm schon immer klar. Auch, als CSU-Parteifreunde ihn zum Landrat machen wollten und er ablehnte. Zweimal. Die Brezn, die Brilmayer bäckt, sind klein. Aber er kann sie selber ziehen, das zählt für ihn.

Es ist ein warmer Juninachmittag. Weiß-blauer Himmel. Die Alpen schimmern. „Wissen Sie, was man als Bürgermeister braucht?“, fragt der Bürgermeister. Er meint, was man braucht, außer Geduld und dass man Menschen gerne haben sollte. „Einen guten Magen.“ Nicht nur der Weißwürste wegen. So oft habe er die Dinger schon gegessen, auf Empfängen, im Bierzelt, bei Parteisitzungen – viel öfter als vor seiner Amtszeit, als er Lehrer war, bis 1994 Rektor an der Volksschule in Steinhöring.

Vielleicht eine Handvoll Ebersberger mag ihn nicht

Wenn er keine Weißwürste isst, muss er trotzdem viel schlucken. Viele Ebersberger mögen Brilmayer zwar. Das merkt jeder, der den 66-Jährigen beobachtet, wenn er durch die Altstadtpassage der Kreisstadt schlendert und das Grüßen und Lächeln der Leute kein Ende nimmt. Brilmayer weiß aber auch: Es gibt welche, die ihn auf der Straße nicht anschauen. Die nicht Servus sagen. „Vielleicht eine Handvoll“, sagt er.

Als der Stadtrat über den Bau des Einkaufszentrums und der Altstadtpassage mit dem gelb-goldenen Steinboden entscheiden musste und er als Stadtchef nicht gleich der ersten Planung zustimmte, sei viel Ärger auf ihn und den Stadtart abgeladen und er als Bremser betitelt worden.

Einfach hineinfressen will Brilmayer eigentlich nichts.

Wäre die erste Idee umgesetzt worden, wäre die Altstadtpassage jetzt ein Tunnel ohne Tageslicht, sagt er und gestikuliert in der Luft. Er spaziert durch die Passage. Er erklärt sich, als ob er alte Widersacher immer noch vom Bau überzeugen wollte. Brilmayer, der Lehrer, rasiert, graue Haare, schlank, fast hager.

Einfach hineinfressen will Brilmayer eigentlich nichts. Diese Handvoll, die ihn nicht grüßt, ja, da bekomme er Magenverstimmungen. Er habe alles gerne geklärt. Harmonie bedürftig sei er, schätzt er. Privat. Beruflich. Aber manche Entscheidungen als Bürgermeister müssen sein. Dienstanweisungen im Rathaus mussten auch sein, wenn auch wenige. Und dann müsse man mit Magenschmerzen schlafen – solange man schlafen kann, sei alles gut.

„Es ist wichtig, sich selbst im Spiegel anschauen zu können“, sagt er; nicht nur einmal an diesem Tag. „Das kann ich!“, sagt er.

Doktorbankerl hinterlässt Blessuren

In den Spiegel musste Brilmayer 2013 schauen. Die SPD-Stadtratsfraktion schaltete die Rechtsaufsicht des Landratsamtes ein. Bei der Vergabe von Grundstücken im Baugebiet „Am Doktorbankerl“ soll es zu Ungereimtheiten gekommen sein. Brilmayers Sohn bekam ein Grundstück im Rahmen des Einheimischenmodells zugeteilt. Im Vergabeverfahren – Stadträte entschieden nichtöffentlich, wer von den über 100 Bewerbern die 33 Grundstücke erhielt – wurde der Name des Bürgermeistersohns offen genannt. Bis heute verteidigt sich der Bürgermeister: An den Vergabesitzungen habe er nicht teilgenommen. Sein Sohn sei behandelt worden wie jeder andere Bewerber. Die Rechtsaufsicht setzte am Ende nichts aus. Sein Sohn baute später in dem Baugebiet ein Haus. Doch Brilmayer ist angekratzt, bis heute, sagt: „Ohne Blessuren habe ich das nicht überstanden.“ Es sind wenige Momente, in denen Brilmayer, der die Tracht genau so gerne trägt wie er die Weißwurst isst, zumindest traurig wirkt. So wie dieser. Übrigens wohnen einige Stadträte von früher wie auch von heute in Baugebieten, die durch das Einheimischenmodell entstanden sind.

Plötzlich hohes Fieber

Eine Blessur, die Brilmayer noch tiefer anschlagen sollte, holte er sich ein Jahr darauf, 2014. Er musste ins Krankenhaus. Eine seiner Herzklappen funktionierte nicht mehr, nachdem er eine Erkältung verschleppt hatte. Brilmayer fragte den Arzt, wie seine Überlebenschancen sind. Die Lage war ernst. Er wurde operiert, bekam einen neue Klappe aus Titan, konnte wochenlang nicht ins Rathaus, erholte sich, redete mit seiner Familie über den Tod und ob es nicht genug sei als Bürgermeister. Alle in der Familie hatten die gleiche Meinung: Nein! Brilmayer kam zurück. In seinem Amtszimmer, das er Monate nicht betrat, stand am ersten Tag ein Luftbefeuchter, damit die historischen Gemälde darin nicht kaputt gehen. Im Laufe des Tages bekam er knapp 40 Grad Fieber, musste zum Arzt. Das Spiel wiederholte sich einige Tage. Es habe gedauert, bis Ärzte herausfanden, dass der Luftbefeuchter ständig Bakterien durch Brilmayers Amtszimmer pustete und sein angeschlagenes Immunsystem damit nicht zurecht kam und sein Herz immer schwächer wurde. Der Luftbefeuchter habe ihn fast umgebracht. Er flog aus dem Zimmer.

Walter Brilmayer, 66 Jahre alt, geboren in München, aufgewachsen in Gräfelfing, als er sieben ist, bauen seine Eltern ein Haus in Ebersberg, sein Vater ist ein angesehener Arzt, CSU-Familie. Im 25. Jahr ist er nun Bürgermeister der Kreisstadt. Der gute Magen sei bei dem ganzen Essen, das ein oberbayerischer Stadtchef kredenzt bekommt, das Wichtigste, sagt er.

Irgendwann sei Schluss! Auch mit der Wasserleitung

Seit seiner Krankheit trinkt er viel Kräutertee, geht samstags nicht mehr ins Büro, fährt lieber Fahrrad und denkt daran, dass er in zwei Jahren, wenn er in Pension ist, alleine durch Österreich wandern und alles, was in den knapp drei Jahrzehnten passiert ist, verarbeiten will.

Der gelbe Bagger raucht, tut sich schwer durch den festgedrückten Kies unter der Bahnhofstraße direkt vor dem historischen Rathaus in Ebersberg durchzukommen. Die Wasserleitung dort muss erneuert werden. Sie ist 110 Jahre alt. Irgendwann sei Schluss, erzählt Brilmayer. Zur nächsten Wahl 2020 darf er aus Altersgründen nicht mehr antreten. Obwohl es womöglich sehr viele Ebersberger schätzen würden. Oder auch nicht.

Brilmayer gewann seine Wahlen immer in der ersten Runde mit guten Mehrheiten. 1994 mit knapp 57 Prozent, 2000 mit 73 Prozent bei der letzten Wahl mit 66 Prozent. Brilmayer hat viel mit bewegt.

Die Altstadtpassage, das Einkaufszentrum und die Parkplätze werten das Zentrum immens auf, für den Bürgersaal, die Musikschule und die Stadthalle kämpfte er, um Kultur zu fördern, wie er sagt. Und für Bauland habe er gesorgt. Stadtratskollegen würden ihn einen Lausbuben nennen, der wisse, was er will und dass er mit seiner kontrollierten Art doch nicht auf den Mund gefallen ist, was er mit seiner „Feuerrede“ im Juni erst wieder unter Beweis stellte. Der Verlust des gesunden Menschenverstandes ärgerte den 66-Jährigen. Nicht jede Kleinigkeit müsse gesetzlich geregelt werden, weil das Zusammenleben sonst nicht mehr funktioniere, „völlig blödsinnige und überflüssige Hinweise“ würden auf Tafeln angebracht, Verkehrsschilder im Übermaß platziert und medialen Sensationsberichte würden eher geglaubt, als einer seriösen und recherchierten Berichterstattung.

Konservativ muss nicht spießig sein

Brilmayers Brille ist ein silbernes, stabiles Gestell mit runden Kanten, genau wie Brilmayer selbst. Konservativ, was gut so ist, wie er und seine ganze Familie, Frau, drei Kinder, sagen. Konservativ müsse nicht spießig oder sperrig sein, oder Jahrhunderte alt sein so wie das Rathaus und sein Amtszimmer, das mit dem spätgothischen Rippengewölben und den Putzerscheiben konserviert ausschaut, aber durch den stetigen Autoverkehr direkt vor dem Fenster schnell ins 21. Jahrhundert erinnert. Der Verkehr in Ebersberg, eine schier endlose Problematik, die schier unlösbar ist, gesteht Brilmayer ein. Und viele ärgert.

Konservativ sei für Brilmayer Dauerhaftigkeit. Dass es an Ostern immer in eine Rindsroulade eingewickeltes Kerbelkraut gibt.

Problematisch sehe er derzeit seine Partei, seine CSU. Es gebe keine andere Partei, die für ihn infrage käme, früher wie heute. Obwohl heute manche Personen in der CSU die Weißwürste bei Brilmayer hochtreiben. Er sitzt jetzt auf dem Doktorbankerl im Süden der Kreisstadt und schaut über ein Maisfeld ins Alpenpanorama. Er erzählt aus seiner Partei, aus der Landes- und Bundespolitik und was er darüber denkt, aber das nichts in der Zeitung zu suchen habe. Hätte er vor dem Spaziergang durch sein Ebersberg gegessen, wäre ihm bei dem Thema gewaltig schlecht geworden.

Brilmayer ist ein konservativer Hippie; auf seine Art. Früher habe er Beatles gehört, als Jugendlicher lange Haare und Lederjacken getragen, letztere sein Vater ihm aber verboten hatte. 1970 trat er in die JU ein, dann CSU – trotz Mähne am Kopf. Die Linken waren noch nie seine Freunde. Die Rechten auch nicht. Die schickten ihm gerne Post. Drohten ihm. Weil er in einem Prozess gegen Horst Mahler aussagte. Angst habe er nicht, dass es mehr als nur Briefe sind, die sich gegen ihn richten. Eher, dass sein Magen irgendwann nicht mehr mitmache. Oder sein Herz.

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