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Ein prägender Büstenhalter: Michael Seeholzer hat über einen Skandal im Supermarkt geschrieben

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Von: Michael Seeholzer

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Michael Seeholzer erklärt auf diesem undatierten Foto als Jungredakteur die Zeitungsproduktion.
Die Ebersberger Zeitung erklärt Besuchern schon lange die Zeitungsproduktion. Rechts der stellvertretende Redaktionsleiter Michael Seeholzer – damals noch Jungredakteur. © Archiv

Lokalreporter Michael Seeholzer, seit 1978 bei der Ebersberger Zeitung, erzählt die Geschichte seines Lebens.

Michael Seeholzer, Jahrgang 1955, hat sein Volontariat bei der Ebersberger Zeitung am 1. Juni 1978 begonnen – und ist der Heimatzeitung ein ganzes Berufsleben lang treu geblieben. Er ist verheiratet, hat zwei Töchter und einen Sohn und lebt in Grafing. In Rente geht er genau heute. Hier erzählt er die Geschichte seines Lebens. Dieser Text erscheint ergänzend zum Interview: „Lokaljournalismus hat eine Bombenzukunft".

Ich war noch in der Ausbildung bei der Ebersberger Zeitung, als eines Tages eine aufgelöste Frau zu uns in die Redaktion kam. Sie war gerade in einem großen Supermarkt in der Kreisstadt des Diebstahls eines Büstenhalters bezichtigt und anschließend vom Geschäftsführer in seinem gut einsehbaren Glaskastenbüro vor einer Kulisse von neugierigen Kunden einer peinlichen Leibesvisitation unterzogen worden. Die Frau war so perplex, dass sie sich fügte, der Vorwurf stellte sich als vollkommen haltlos heraus. Ich schrieb die Geschichte gegen Widerstände im eigenen Haus. Unsere Anzeigenabteilung hatte Wind davon bekommen, mit wem ich mich hier anzulegen gedachte. Der Vorgang schlug Wellen und ich als unerfahrener Zeitungspimpf mittendrin.

Der damalige Chefredakteur des Münchner Merkur, Paul Pucher, ließ sich den Bericht vorlegen und entschied schließlich: „Die Story erscheint.“ Der wirtschaftliche Schaden für das eigene Verlagshaus war tatsächlich groß. Der Supermarkt stornierte in erheblichem Umfang Anzeigen, kam als Kunde aber später wieder. Unser Anzeigenleiter kritisierte mich heftig und bezeichnete mich bei einer öffentlichen Zusammenkunft als Arschloch, was ich ihm nicht krummnahm.

Warum wurde das zur Geschichte meines Lebens, noch dazu ganz am Anfang meiner Karriere? War es das schon? Das ist die Geschichte meines Lebens, weil sie mich geprägt hat. Der Verlag hat in dieser Situation zu mir gehalten und ich habe mich als Lokalreporter bei ihm dafür in der Weise bedankt, dass ich seine Geduld immer mal wieder auf eine harte Probe stellte.

Herausgekommen sind viele Geschichten, die ich exklusiv hatte, die kurz darauf dann auch von Agenturen übernommen wurden oder sogar internationale Resonanz fanden, und bei denen nicht selten ein hervorragender Hausjustiziar von Vorteil war. Gute Geschichten haben nämlich immer mächtige Gegner.

Ein guter Lokalredakteur sorgt nicht nur für interessante Geschichten, sondern oft genug auch für Gesprächsstoff. Das habe ich gleich am Anfang gelernt.

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