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Thorsten Hetfeld ist überzeugt von Cannabis als Medikament. Zehn Jahre saß er im Rollstuhl, weil die Schmerzen zu groß waren. Seit 2015 kann er wieder gehen.

Ein Schmerzpatient berichtet:

„Cannabis hat mein Leben gerettet“

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Thorsten Hetfeld saß im Rollstuhl und kann wieder gehen. Zu verdanken hat er das einer nicht alltäglichen Schmerzbehandlung. Das Medikament holt sich der 48-Jährige in einer Apotheke in Ebersberg – genau wie andere Schmerzpatienten aus ganz Südbayern.

Ebersberg – Es duftet nach frisch gebrannten Mandeln vor der Eber-Apotheke in der Fußgängerzone in Ebersberg. Thorsten Hetfeld schlendert hin und her. Der 48-Jährige riecht nach Cannabis. Ähnlich süßlich wie die Mandeln. Vor ein paar Minuten hat er eine Cannabiszigarette in seinem Auto geraucht. Auf einem Parkplatz mitten in der Stadt. Seine hellblauen Augen sind klar. Genau wie seine Worte: „Die kriegen mich nicht mehr klein“, sagt er und zeigt mit der Hand auf den hellen Steinboden. „Da unten war ich schon.“ Er starrt den Boden an, schüttelt den Kopf, dann lächelt er. „Nein, nein.“

Bis vor zwei Jahren saß Hetfeld im Rollstuhl, hat sogar im Rollstuhl geheiratet. Seit seiner Kindheit leidet er unter einem genetischen Defekt, seine Knochen deformieren sich. Wo Knochenmark sein sollte, wucherten Tumore, sodass er als Bub vor Schmerzen schreien musste und am liebsten in Watte eingepackt worden wäre, wie er erzählt. „Am heftigsten waren die Schmerzattacken von der rechten Hüfte bis runter zum Knöchel“, sagt er. Ärzte überlegten, ihm mit zwölf Jahren die Beine zu amputieren. Hetfelds Eltern verhinderten das. Sie hörten nicht auf, nach anderen Lösungen zu suchen. Mit Anfang 20 folgten unausweichliche Operationen: Knochenteile aus seinem Beckenkamm wurden ihm transplantiert. 2005, als Hetfeld 35 war, waren die Schmerzen derart stark, dass er in den Rollstuhl musste. Jahrelang nahm er Morphium und Fentanyl – ein Opioid, das um ein Vielfaches stärker ist. An den Nebenwirkungen ging er fast zugrunde.

Gerade ist Thorsten Hetfeld auf dem Weg in die Ebersberger Apotheke. Er hat es nicht weit von Forstinning (Landkreis Ebersberg). An den Wänden leuchten breite, grüne Wiesenbilder aus dem Alpenvorland. Es ist seine Haus- und Hof-Apotheke – und die einzige, in der er im Landkreis Ebersberg und darüber hinaus das bekommt, was er braucht: Cannabis. Aus ganz Südbayern, bis aus Freilassing kommen Menschen, um sich hier ihre Dosis auf Rezept zu holen. Es ist das einzige Schmerzmedikament, das Hetfeld heute noch nimmt.

Einige Gramm am Tag, geraucht oder als Tee

Es grenzt an ein Wunder, sagt Bernd Grünberg, Chef der Apotheke. Er kann nur den Kopf schütteln, wenn Hetfeld aus seinem Leben erzählt und dass er nach zehn Jahren im Rollstuhl nun wieder Treppensteigen und Auto fahren kann. Seit 2016 kann Grünberg in seiner Apotheke – anfangs mit einer Übergangsregelung – Cannabis und Dronabinol, der konzentrierte Wirkstoff der Hanfpflanze Tetrahydrocannabinol (THC), anbieten. Grünberg, promovierter Apotheker, ist überzeugt von Cannabis als Medikament: „Weil ich es als sehr gutes Arzneimittel bewerte und großer Freund von pflanzlichen Mitteln bin. Und weil ich sehe, dass es wirklich gut bei den Patienten wirkt.“ So wie bei Thorsten Hetfeld. Der 48-Jährige zählt zu den Vorreitern der Cannabisbehandlung in Deutschland. Mit ungeheuerer Überzeugung kämpfte er bundesweit für den Konsum auf Rezept. Im Frühjahr 2017 ein Erfolg: Die Bundesregierung regelte mit einem Gesetz, dass Cannabisblüten als verkehrsfähig gelten und damit als Medikament von jedem Arzt unabhängig von seiner Fachrichtung verordnet werden kann. Hetfeld konsumiert einige Gramm am Tag, er macht sich Tees, verdampft oder verraucht die grün-gelben Blüten. In Fünf-Gramm-Packungen bekommt er die Blüten in der Apotheke, die im Tresor neben Opiaten lagern und dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen. Das überwacht das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Die Abgabe an Patienten werde streng dokumentiert, erklärt Grünberg. Das Geschäft mit Cannabis laufe gut. Auch, wenn es immer wieder Versorgungslücken der zehn Stammpatienten gibt, die im Monat kommen. Es sind junge und alte Patienten. Weil der Import der in Holland unter staatlicher Kontrolle produzierten Cannabispflanzen immer wieder stockt. Fünf Gramm kosten im Einkauf für die Apotheke 60 Euro, für knapp das Doppelte geht es an den Patienten weiter. „Ein gutes Geschäft“, gibt Grünberg zu, betont aber: „Den Preis machen nicht wir, sondern der Staat gibt ihn vor.“ Daraus ergebe sich die Arzneimittelpreisverordnung. Natürlich sei es ein hoher Preis, erklärt Norbert Kileber, der Filialleiter der Apotheke in Ebersberg. Und das aus gutem Grund. Erstens soll das medizinische Cannabis auf keinen Fall als Konkurrenzprodukt zum Schwarzmarkt gesehen werden. Und zweitens soll ein niedriger Preis Patienten nicht dazu bringen, es sich auf Spaß verschrieben zu lassen. „Cannabis ist ein Schmerzmittel“, sagt Kileber.

Cannabisblüten in höchster Qualität als Medizin.

Nur die Krankenkassen müssten das noch akzeptieren. Nur die Hälfte aller Kassen zahlt die Behandlung. Viele seien noch vorsichtig, sagt Kileber. Zum Nachteil vieler Patienten, auch von Thorsten Hetfeld. Obwohl die Behandlung mit Cannabis günstiger ist, rund 70 000 Euro im Jahr. Die Kosten für Morphium und Co. haben früher etwa 250 000 Euro ausgemacht, sagt Hetfeld.

Mit Kiffen aus Spaß hat es nichts zu tun

Er kennt die Debatte über Cannabis und die Vorurteile nur zu gut. Er sagt: Mit Kiffen aus Spaß hat es bei ihm nichts zu tun. Es gehe um die Linderung von Schmerzen, die er trotz Cannabis immer noch habe, die aber weniger würden. Einen Rauschzustand erlebt Hetfeld nicht. „Ich habe sogar eine Sondergenehmigung des Landratsamtes, dass ich Auto fahren darf“, sagt er. Noch vor zwei Jahren hätte er darüber gelacht. So was war undenkbar. Dass Cannabis eine derartige schmerzlindernde Wirkung hat, hat sich nach wochenlangem Konsum bewiesen. Es spreche fast alle Schmerzrezeptoren im Körper an und greife in das natürliche Endocannabinoid-System ein. Studien zeigen, dass Cannabis in vielen Bereichen angewendet werden kann, bei chronischen Schmerzen, aber auch in der Palliativmedizin, bei ADHS, Multipler Sklerose, Depression und Epilepsie.

Hetfeld bekommt seine Ration. Bernd Gründberg reicht ihm drei weiße Döschen mit gelbem Deckel, insgesamt 15 Gramm sind es. „Die letzten Packungen“, sagt Grünberg. Hetfeld lächelt, dreht sich zur Seite, verdrückt sich das Lächeln und sagt: „Meine rechte Gesichtshälfte will ich nicht zeigen.“ Seine Krankheit hat Knochen im Gesicht und im Mund angegriffen. „Ich muss zurück zum Auto.“ Er greift an seine dunkle Sonnenbrille, die lässig an seinem schwarzen Jeanshemd hängt. Draußen regnet es. Der süße Mandelduft verfliegt. Hetfeld verschwindet in der Fußgängerzone.

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