Überlebenskampf: Ein mit Schläuchen behangener Beatmungspatient auf der Intensivstation der Kreisklinik Ebersberg.
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Überlebenskampf: Ein mit Schläuchen behangener Beatmungspatient auf der Intensivstation der Kreisklinik Ebersberg.

So ist Pandemie-Weihnachten im Krankenhaus

Heiligabend auf der Covid-Station der Kreisklinik Ebersberg

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Einsame Weihnachten erleben Covid-Patienten auf den Stationen der Kreisklinik Ebersberg. Die Pfleger und Ärzte tun ihr Bestes, um die Lage etwas erträglicher zu gestalten.

Ebersberg – Vor der schweren Metallschiebetür Nummer 27, hinter deren Glasscheibe zwei von Schläuchen behangene Coronapatienten um ihr Leben kämpfen, steht gut schulterhoch ein Christbaum mit silber- und lilafarbenen Kugeln. Ein wenig Normalität an einem Ort, wo es nie normal zugeht. Zurzeit noch weniger als sonst. Auf der Intensivstation in der Kreisklinik Ebersberg.

Ein halbes Dutzend Pfleger in blauen Kitteln bevölkert den „Stützpunkt“ am Eingang, wo auf den Computerbildschirmen die Herz- und Kreislaufkurven der Patienten flimmern, die in den abgetrennten Kammern um Besserung ringen. Ein wenig geht es zu wie in einem Bienenstock – das Pflegepersonal schwärmt von dem Organisationszentrum in der Mitte des Raums aus in die einzelnen Bettenkammern. Die Stimmung ist geschäftig, aber nicht hektisch. „Die Intensivstation ist voll“, sagt der Ärztliche Direktor der Klinik, Dr. Peter Kreissl. „Wie immer“, schiebt er nach.

Der leuchtende Christbaum auf der Intensivstation verströmt etwas Weihnachts-Normalität. Im Hintergrund liegen abgeschottet und beatmet Covid-Patienten im künstlichen Koma.

Draußen herrscht Weihnachtsstimmung, in der Kreisklinik Ebersberg ringen die Corona-Patienten mit dem Virus

Während sich der Landkreis Ebersberg trotz aller diesjährigen Widrigkeiten auf die Weihnachtsfeiertage freut, wird der Heiligabend in der Klinik ein Tag fast wie jeder andere – es ist eine Routine fernab der Normalität. Die Ebersberger Intensivstation ist die Herzkammer des Kampfes, den das Krankenhaus gegen das Virus führt.

Die Internisten und Anästhesisten werden – wie jeden Tag – mehrmals an diesem 24. Dezember vor der Wandtafel direkt neben dem Christbaum zusammenkommen, wo bunte Magneten die Belegung der Intensivbetten kennzeichnen. Ein rotes „B“ steht für „beatmet“. Dort müssen sich die Ärzte und Pfleger überlegen, welche Patienten sie verlegen können, um Platz zu schaffen für die nächsten, bei denen es um Leben und Tod geht. Und sie müssen sich überlegen, welcher Patient wie viel Sauerstoff braucht, und ob sie ihn im künstlichen Koma auf den Bauch drehen müssen, um die Lunge zu entlasten. Oder ob die Atmung gar so geschädigt ist, dass er nur noch in einer der Münchner Groß- oder Unikliniken eine Chance hat, wo eine Beatmung über das Blut, ähnlich einer Dialyse, möglich ist. Auch diese Fälle gab es schon in Ebersberg, sagt Klinikdirektor Kreissl.

Der Belegplan der Intensivbetten auf einer Wandtafel auf der Station ist mit einem silberfarbenen Schleifchen geschmückt. Raum 27 beherbegt zwei Covid-Patienten, der rote Magnet symbolisiert künstliche Beatmung.

Ganze Stationen der Ebersberger Kreisklinik sind geschlossen - Covid-Patienten brauchen viel Betreuung

Durch menschenleere Gänge und Treppenhäuser marschiert er, ganz in Arztweiß gekleidet, in Richtung der Corona-Stationen, wo die Patienten behandelt werden, die ohne künstliche Sauerstoffzufuhr auskommen. Auf dem halbdunklen Korridor von Station 3b, Innere und Urologie, breitet Kreissl die Arme aus und ruft: „Hier ist tote Hose!“ Leer sind das Schwestern- und die Patientenzimmer, totenstill ist es auf dem Flur.

Leere Gänge, dunkle Zimmer: Ärztlicher Direktor Dr. Peter Kreissl auf der geräumten Station 3b.

Am Dienstag hat die Klinik eine weitere Station geräumt, um die Kräfte für die Covid-19-Patienten zu bündeln. Zusammengeschmolzen sind Geriatrie, Unfallchirurgie, Orthopädie. „Wir müssen alle näher zusammenrücken“, sagt Kreissl. „Entscheidend ist, dass wir aufnahmebereit bleiben.“ Dafür verschiebt die Klinik alle geplanten Operationen. Nur die Notfallversorgung findet statt. Wer beispielsweise eine künstliche Hüfte braucht, muss sich gedulden. Und wer nach Hause kann, muss heim. „Blutig entlassen“, beruhigt Kreissl aber im Mediziner-Jargon, „das machen wir nicht“.

Eine Reinigungskraft wischt und desinfiziert ein Patientenzimmer auf der Corona-Station der Kreisklinik Ebersberg.

Geputzt und desinfiziert wird auf der Coronastation in voller Schutzmontur

Kreissl lässt die stillen Gänge hinter sich, öffnet eine Tür, an der ein Schild hängt: „Infektionsstation – Durchgang verboten“ Auf der Corona-Station herrscht Hochbetrieb. Eine Putzfrau desinfiziert dort ein gerade geräumtes Patientenzimmer. Auch sie wischt und schrubbt in Ganzkörper-Schutzmontur, FFP2-Maske, Gesichtsvisier. Eine Stunde lang muss das Zimmer nach dem Desinfizieren gelüftet werden, der Gestank des beißenden Mittels ist sonst nicht auszuhalten.

Nebenan liegen knapp zwei Dutzend Menschen auf Zwei- und Dreibettzimmern. Sie husten, haben Atemnot und Kreislaufprobleme. Und sind positiv auf das Coronavirus getestet worden. Solange sie nur Verdachtsfall sind, werden sie auf einer anderen Station einzeln isoliert, damit sich niemand zusätzlich ansteckt. Für diese Menschen wird es ein besonders einsamer Heiligabend.

Auf jeden Gang in ein Patientenzimmer folgt ein kompletter Garniturenwechsel

An der Tür auf Station 1a, der Corona-Station, reicht eine Krankenschwester Müllbeutel, Infusionsbeutel und anderes Material über die Schwelle zu ihrer Kollegin, die in Ganzkörper-Schutzmontur im Patientenzimmer mit zwei Infizierten steht. Sobald sie dieses verlässt, ist ein Garniturwechsel Pflicht. Deswegen die Handreichung durch die offene Tür.

Desinfizieren, desinfizieren, desinfizieren – das ist das Mantra auf der Ebersberger Coronastation.

Ganz hinten auf dem Stationsflur leuchtet im Fenster wieder ein Christbaum, diesmal in Gold. Die Schwestern haben dekoriert. Den Infizierten, die Weihnachten auf der Covid-Station verbringen, steht der Sinn nicht nach feiern, sagt der Ärztliche Direktor. „Die wollen einfach nur heim.“ Weil das Coronavirus, das sie plagt, dies verhindert, müssen die Pfleger und Mitpatienten als Ersatzfamilie herhalten.

Wir geben die Zuwendung, die wir geben können.

Dr. Peter Kreissl, Ärztlicher Direktor der Kreisklinik

Die Station sei auch an den Feiertagen normal besetzt. „Alle sind sich bewusst, was für eine schwierige Zeit das ist“, sagt Klinikdirektor Kreissl und verspricht: „Wir geben die Zuwendung, die wir geben können.“ Oft heißt das einfach nur reden, zuhören, die Hand halten. Das Durchschnittsalter der Covid-Patienten liegt bei 80 Jahren. „Sie sind nicht alleine“, verspricht Peter Kreissl.

Die Covid-Patienten von Silvester haben das Coronavirus bereits in sich

Ihn treibt auch Sorge um sein Personal um, wenn er in die nahe Zukunft blickt. „Die Leute brauchen auch frei, sonst ist das wie ein Motor, der heiß läuft.“ Körperlich wie psychisch sei der Druck auf Ärzte und Pfleger hoch. „Das geht an niemandem spurlos vorbei“, sagt Kreissl.

Und Entspannung ist noch nicht in Sicht, eher das Gegenteil. Die Menschen, die Silvester auf der Coronastation der Kreisklinik verbringen werden, tragen das Virus längst in sich. Angesichts der jüngsten hohen Fallzahlen sagt Klinik-Direktor Dr. Peter Kreissl: „Die Inzidenz von heute sind unsere Fälle in zehn bis 14 Tagen. Wir haben schon Bedenken für die Zeit nach Weihnachten.“

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