Das Team der Schuldnerberatung der Diakonie (v.l.): Silvia Schlosser (neu im Team), Günther Reiser, Christine Stöger, Carola Kaupel, die nach 18 Jahren aufhört. Foto: Scherer
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Das Team der Schuldnerberatung der Diakonie (v.l.): Silvia Schlosser (neu im Team), Günther Reiser, Christine Stöger, Carola Kaupel, die nach 18 Jahren aufhört. Foto: Scherer

Fast 20 Jahre hat Carola Kaupel Menschen beraten, die mit Schulden nicht mehr klarkommen

Immer mehr junge Menschen sind in den Miesen

Wer mit seinen Schulden nicht mehr klarkommt, findet bei der Diakonie Hilfe. Deren Schuldnerberatung steht zur Seite. Sie hat es mit immer mehr jungen Menschen zu tun.

Ebersberg – Seit 18 Jahren berät Carola Kaupel (55) für die Diakonie Menschen, die mit ihren Schulden nicht mehr klar kommen. Nun verlässt sie die Diakonie zum Jahresende. Über 1000 Klienten hat sie betreut und über 3000 Gespräche geführt. „Manche kommen einmal im Jahr, andere einmal pro Woche“, erinnert sich Kaupel, Routine gebe es da keine.

Menschen, die Probleme mit ihren Schulden haben, melden sich bei ihr und ihren Kollegen Günther Reiser und Christine Stöger zum Gespräch. Dann schaue man sich die Situation an und versuche erst einmal die Existenz zu sichern. Daraufhin gehe es an Haushaltsplanungen, das Suchen von finanziellen Hilfen und unter Umständen das Einleiten eines Insolvenzverfahrens.

„Es gibt viele Missverständnisse“

„Viele haben Angst, dass sie wegen ihrer Schulden ins Gefängnis kommen, das ist Unsinn“, sagt die Beraterin. Andere befürchten bei Insolvenzverfahren, dass sie auf Schritt und Tritt kontrolliert werden oder dass sie zu viel verdienen könnten. Es gibt viele Missverständnisse, die Kaupel und ihre Kollegen in den Gesprächen beseitigen. Da kommen schon immer wieder mal spontane Umarmungen und Freudentränen beim ersten Gespräch vor. Die Erleichterung sei oft einfach riesig, meint Kaupel.

Ikea-Tasche voller ungeöffneter Briefe

„Viele stecken aus Hilflosigkeit den Kopf in den Sand“, erzählt Stöger. Wenn manche dann mit einer Ikea-Tasche voller ungeöffneter Briefe kommen, rechnen die meisten gar nicht mit dem im Gespräch folgenden Lichtblick.

Gerade im Landkreis, dank der niedrigen Arbeitslosigkeit, sei es vielen noch unangenehmer zu kommen und um Hilfe zu bitten. „Viele denken, dass es allen gut geht und nur sie es nicht auf die Reihe bekommen würden“, so Stöger. Wichtig sei es, den Leuten zu zeigen, dass man sie nicht verurteile und sie sich bei der Beratung nicht rechtfertigen müssen.

In den 18 Jahren in der Beratung hat Kaupel viele Änderungen miterlebt, wie etwa Verrechnungsschlüssel statt Fallpauschalen oder neue Wege, um Konten zu sichern. Mittlerweile darf sie auch zu Insolvenzverfahren beraten, das musste früher noch ein Anwalt klären.

Den Menschen wird es einfacher gemacht, sich zu verschulden

„Am meisten fällt mir auf, dass immer mehr junge Leute zu uns kommen“, sagt sie. Es werde den Menschen einfacher gemacht, sich zu verschulden als früher. „Überall wird mit Null-Prozent-Finanzierungen und kostenlosen Kreditkarten geworben, um die Wirtschaft anzukurbeln“, so Stöger. „Egal ob normale Menschen oder Promis, Schulden können jeden treffen“, meint Reiser. Werbekataloge und das Internet befeuern den Verschuldungswillen zusätzlich, sind sich die Berater sicher.

Die Insolvenzzahlen steigen vermutlich kommendes Jahr rapide, denn noch halten sie so viele Anträge wie möglich zurück – momentan rund 70 Stück. Grund dafür ist eine ausstehende Gesetzesänderung zur Verkürzung des Insolvenzverfahrens von sechs auf nur drei Jahre bis zur Restschuldbefreiung. „Da wären wir ja blöd, wenn wir unseren Klienten nicht zum Abwarten raten würden“, sagt Stöger.

Carola Kaupels Platz wird ab kommendem Jahr Silvia Schlosser übernehmen, die intern von der Abteilung Ambulantes Wohnen zur Schulden- und Insolvenzberatung wechselt. Sie ist „schon seit Kindertagen Fan von sozialer Arbeit“, sagt sie. Und Carola Kaupel macht ihrer Nachfolgerin Mut: „Du arbeitest in einem schönen Landkreis, du kannst in der Mittagspause sogar die Berge sehen“.

Raffael Scherer

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