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Der bunte Einsatzkoffer und Birgitt Huber, die Leiterin des Veterinäramtes im Landratsamt Ebersberg.

Die Region ist vorbereitet

Seuchenschutz aus dem Koffer

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Nicht auszumalen, wenn Seuchen außer Kontrolle geraten. Das Veterinäramt im Landkreis muss im Notfall Tierkrankheiten bekämpfen.   

Ebersberg – Drei rote Plastikkisten stehen an der Wand, die Deckel sind blau und die Verschlussklappen grün. Notfallkoffer sind es, die da im Hygieneraum des Veterinäramtes auf ihren Einsatz warten. Grundausgestattet mit Schutzanzügen, Spritzen, Abstrichstäbchen, medizinischen Instrumenten – für Gewebeproben beispielsweise.

Das Veterinäramt des Landkreises Ebersberg ist unter anderem dafür zuständig, Tierseuchen in der Region zu bekämpfen: staatliche Pflicht ist das. So eine Seuche könne gefährlich werden, für Tier und für Mensch, sagen die Veterinäre, also die Tierärzte. Eine der wohl heftigsten Seuchen ist die, die sich von den Tieren auf den Menschen überträgt. Zoonose heißt das im Fachjargon, erklärt Peter Wilken. Er ist Experte bei der Tierseuchenbekämpfung im Landratsamt. Sollten Wilken und seine Kollegen – insgesamt gib es vier Tierärzte – eine derartige Seuche in der Region feststellen, sind die Ressourcen des Veterinäramtes jedoch beschränkt. Im Katastrophenfall werden Feuerwehr, THW und zur Not die Bundeswehr aktiviert.

Anzeigepflicht, beim kleinsten Verdacht

Zurück zu den bunten Koffern im Hygieneraum. Sie kommen bei jeder Kontrolle eines Tierbetriebs zum Einsatz, wenn der Verdacht einer seuchenartigen Krankheit besteht. Routineeinsätze sind das für die Mitarbeiter des Veterinäramtes, manchmal mehrere im Monat, manchmal gar keine. Wie genau so ein Einsatz abläuft, erklärt Peter Wilken: Tierbetriebe, oder die von den Betrieben beauftragten Tierärzte, rufen das Landratsamt dann, wenn sie auffällige Krankheiten feststellten. Oder: „Wenn nicht auszuschließen ist, dass es eine seuchenartige Krankheit ist“, sagt Wilken.

Was eine Seuche ist, sei definiert. Ganz oben: „Wenn leicht viele Tiere erkranken können, sich die Krankheit also rasant verbreitet“, sagt die Leiterin des Veterinäramtes, Birgitt Huber. Oder wenn eben die Krankheit für den Menschen gefährlich wird – Tuberkulose zum Beispiel, die von Kühen übertragen werde, durch den Verzehr von roher Milch erkrankter Tiere. Tierärzte und Tierzüchter müssen auffällige Krankheiten der Behörde melden, es gibt die sogenannte „Anzeigepflicht“.

Wieder zurück zu den Notfallkoffern, jetzt schlägt ihre Stunde. Wenn ein Seuchenverdacht in einem Tierbetrieb besteht, rücken die Tierärzte mit ihnen aus. Peter Wilken betont, dass kein Einsatz gleich sei. Die Koffer müssten individuell ergänzt werden, mit anderen Checklisten und zusätzlichem Material, je nach Krankheitsverdacht. Vor Ort, auf den Bauernhöfen oder in Geflügelbetrieben, prüfen die Experten die Tiere, nehmen Blut oder Gewebe. Schutzanzüge sind, auch wenn nur ein Krankheitsverdacht besteht, Pflicht, und zwar „immer, immer immer“, wie Wilken sagt.

Vogelgrippe: Stallpflicht bleibt

Bei größeren Seuchen, also Seuchen die tödlich für Tiere sind, werde vor Ort eine Dekontaminierungsstelle aufgebaut, Material und Kleidung dort entsorgt, zur Not verbrannt, und ein Sperrbezirk eingerichtet. Bei der Bewertung von Seuchen spielt außerdem der wirtschaftliche Aspekt eine Rolle. Heißt: Wie viele Tiere sind krank und müssen getötet werden, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Für die Betriebe sei eine Massentötung ein bitteres Resultat, das ihre Existenz bedrohen kann. Sie haben Umsatzeinbußen.

Doch auch der Verbraucher spüre eine Seuche. Die Versorgung mit tierischen Lebensmitteln leide drunter. Wilken erzählt, dass bis 2011 eine spezielle Rinderseuche – die Tiere litten unter unstillbaren Durchfällen, viele starben daran – zu einem volkswirtschaftlichen Schaden von einer Milliarde Euro in Deutschland führte. Vor sechs Jahren entschieden Bund und Länder die Seuche zu bekämpfen, mit Erfolg. Heute gebe es nur wenig Fälle, sagt Wilken. Aktuell kämpft Bayern mit der Geflügelpest. Im Landkreis Ebersberg gilt immer noch Stallpflicht für Geflügel. Tote infizierte Wildvögel, die das spezielle Virus H5N8 trugen, haben die Veterinäre zuletzt im Dezember gefunden.

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