Zurück nach Stadelheim: Nach dem Prozess steigt der Verurteilte vor dem Amtsgericht Ebersberg an einen Justizbeamten gefesselt in ein Polizeiauto.
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Nach dem Prozess steigt der Verurteilte vor dem Amtsgericht Ebersberg an einen Justizbeamten gefesselt in ein Polizeiauto.

Sie operierten von Poing aus

Zufalls-Fang lässt internationale Bande von Automaten-Sprengern auffliegen - Kurier nun verurteilt

  • Josef Ametsbichler
    VonJosef Ametsbichler
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Ein schwerer Schlag gegen eine internationale Bande von Geldautomaten-Sprengern ist bayerischen Ermittlern dank eines Zufalls gelungen. Ein als Kurier eingesetzter Niederländer wurde nun in Ebersberg verurteilt.

Ebersberg/Poing – International operierende Verbrecher-Clans sind üblicherweise nichts, womit sich ein kleines Amtsgericht wie das in Ebersberg befasst. Am Mittwoch war das anders: Auf der Anklagebank saß ein 25-jähriger Niederländer, der als Kurierfahrer für eine niederländisch-marokkanische Geldautomaten-Sprenger-Bande unterwegs gewesen war. Deren Operationszentrum: eine über die Online-Plattform Airbnb angemietete Wohnung in Poing.

Die Aktivitäten der Verbrechertruppe hatten 2017 und 2018 für Schlagzeilen gesorgt: Die Täter jagten in und um München* ein halbes Dutzend Geldautomaten in die Luft, machten Beute im hohen sechsstelligen Bereich. „Hochprofessionell“, nennt ein Ermittler das Vorgehen. Die – zumeist erfolgreichen – Taten in Ottobrunn, Grünwald, Starnberg, Germering und auf Münchner Stadtgebiet dauerten jeweils nur gut dreieinhalb Minuten: Die Täter sprengten die Automaten mit einem eingeleiteten Gasgemisch und flüchteten mit den Geldkassetten* in hochmotorisierten Sportwagen.

Doch jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Durch den Kurierfahrer, der am Mittwoch in Ebersberg verurteilt wurde, flog die Operation auf. Seit März sitzt er nach seiner Auslieferung in Stadelheim in U-Haft.

Geldautomaten-Sprenger: Bande wirbt Obdachlosen in Cannabis-Lokal als Kurier an

Der Mann hatte nach eigener Aussage 2018 im niederländischen Utrecht in einem Coffeeshop beim Cannabis-Konsum einen Mann namens „Mo“ kennengelernt. Der habe dem damals Obdachlosen, der von der niederländischen Karibikinsel Curaçao stammt, 800 Euro für eine Autofahrt nach Bayern versprochen. „Wir waren ein bisschen high“, schilderte der 25-Jährige über eine Dolmetscherin. Er habe den Sinn des Auftrags nicht hinterfragt, weil er das Geld gebraucht habe. Ende Mai 2018 drückte ihm „Mo“ 300 Euro Anzahlung, ein Handy und die Schlüssel zu einem 300-PS-Golf in die Hand – auf dem Handy eingespeichert: eine Poinger Adresse.

So weit kam er nicht. Kurz vor Würzburg* fiel das Auto einer Zivilstreife auf – an dem Mietwagen waren aus Den Haag gestohlen gemeldete deutsche Kennzeichen montiert, die nicht zum Fahrzeugmodell passten. „Wo bleibst du? – „Die Jungs aus Utrecht warten auf dich“, kamen Nachrichten auf das Kurier-Handy. Da hatten bereits die Handschellen geklickt.

Auto mit gestohlenem Kennzeichen - Komplette Spreng-Ausrüstung und Sturmhauben im Gepäck

Gasflaschen mit Sauerstoff und Acetylen auf der Rückbank. Schläuche, Ventile, ein Satz Sturmhauben, dunkle Regenkleidung und ein Stemmeisen im Kofferraum – „eine komplette Ausrüstung zur Sprengung eines Geldautomaten“, fasste die Staatsanwältin den Fund zusammen. „Ich habe Fehler gemacht und bin bereit, meine Strafe zu bezahlen“, lautete das Eingeständnis des 25-Jährigen.

Richter Markus Nikol verurteilte ihn zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft, die der Mann wohl zum größten Teil in den Niederlanden absitzen wird. Er sei „das kleinste Rad in der internationalen Bande gewesen“, die öfter auf weitgehend ahnungslose Transporteure zurückgegriffen habe. Er hätte aber, hätte ihn nicht die Streife gestoppt, einen „gewichtigen Beitrag“ zur nächsten Sprengung geleistet. Dem Mann habe klar sein müssen, dass hinter dem Auftrag Profi-Kriminelle steckten.

Festnahme auf dem Weg nach Poing - Zufallsfang bringt Ermittler auf die Spur der Drahtzieher

Der Zufallsfang dieses kleinen Fisches, bis zu dessen endgültiger Verhaftung und Verurteilung fast dreieinhalb Jahre vergingen, war entscheidend für das Auffliegen der Haupttäter. Wertvollste Beute der Ermittler: die Adresse in Poing. Mithilfe des bis dahin ahnungslosen Vermieters konnte die Polizei DNA-Spuren sichern und, da es die Täter erneut mit der Wohnung probierten, im Oktober 2018 mehrere Festnahmen verbuchen.

2020 wurden fünf Angeklagte zu Haftstrafen von 20 Monaten bis über sechseinhalb Jahren verurteilt. Der Drahtzieher, der bei der letzten Tat in Germering auf der Flucht angeschossen wurde und drei Polizisten verletzte, sitzt für zwölfeinhalb Jahre hinter Gittern. „Wir hatten von der Spurenlage her so gut wie gar nichts“, fasste ein Ermittler am Mittwoch den entscheidenden Fehler der Täter zusammen. „Wenn sie mit dem ursprünglichen Kennzeichen gefahren wären, wäre gar nichts passiert.“ *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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