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Zwei Ärzte, denen die Unterstützung des Gefühls der Weiblichkeit nach einer Brustkrebsoperation am Herzen liegt: Prof. Cornelia Höß und Dr. Timm Engelhardt an einer von Patientinnen in der Nachsorgetherapie geschaffenen Skulptur.

Neue mikrochirurgische Möglichkeiten in der Kreisklinik Ebersberg

Brustwiederaufbau nach Tumorerkrankung

Viele Frauen  leiden nach einer Tumorentfernung bei Brustkrebs psychisch unter den Folgen: die Deformation oder sogar das Fehlen einer Brust. Wir sprachen mit zwei Medizinern darüber, was unternommen werden kann.

Ebersberg Die Heilungschancen für Brustkrebs sind bei rechtzeitiger Behandlung heutzutage gut. Dennoch leiden viele betroffene Frauen nach einer Tumorentfernung psychisch unter den Folgen: die Deformation oder sogar das Fehlen einer Brust. Dank mikrochirurgischer Verfahren können Körperformen jedoch mittlerweile weitgehend in ihrer ursprünglichen Form rekonstruiert werden. Ein Spezialist dafür ist der seit Juli in Ebersberg tätige Chefarzt der Plastischen Chirurgie, Timm Engelhardt, der mit der Chefärztin des Brustzentrums, Cornelia Höß, eng zusammenarbeitet.

Herr Engelhardt, wann wird eine Brustrekonstruktionen mikrochirurgisch durchgeführt?

Engelhardt: Wenn die Brust durch die Tumor-OP so stark in Mitleidenschaft gezogen oder entfernt wurde, dass ein Aufbau mithilfe von kleinen, formgebenden Eingriffen oder Implantaten nicht mehr möglich ist.

Höß: Das ist zum Beispiel der Fall bei ausgedehnten Brustwanddefekten, bedingt durch sehr große, über die Brust hinaus gewachsene Karzinome. Große und fortgeschrittene Tumore versuchen wir zuerst medikamentös zu therapieren und zu verkleinern. Danach werden sie meist operativ entfernt. Prinzipiell wird heute versucht, die Brust weitgehend zu erhalten. Mit Verschiebung von Drüsengewebe innerhalb der Brust kann man meist eine adäquate Form erhalten. Sollte eine Entfernung der gesamten Brust nötig sein, kann oft die gesamte Haut mit Brustwarze erhalten werden.

 Wie wird die Brust wieder aufgebaut?

Engelhardt: Wir verpflanzen unter dem Mikroskop Gewebe aus anderen Regionen des Körpers in die Brust. Hierbei gibt es zwei Techniken: die sogenannte gestielte und die freie Lappenplastik. Erstere wird bei mittleren Defekten angewandt. Dabei entnehmen wir Haut und Muskelgewebe aus nahen Körperbereichen, etwa dem Rücken. Die bestehende Versorgung mit Blut und die Nervenbahnen bleiben dabei erhalten. Größere Defekte oder Verluste der Brust werden mikrochirurgisch durch freie Lappenplastiken aus entfernteren Körperregionen, etwa der Oberschenkelinnenseite, dem Gesäß oder dem Unterbauch ersetzt. Die durchtrennten Blutgefäße und Nervenbahnen werden dann an der Brustwand wieder mit der bestehenden Blutversorgung verbunden.

Können solche mikrochirurgischen Eingriffe bei jeder Patientin durchgeführt werden?

Engelhardt: Nein. Ausschlusskriterien sind zum Beispiel Durchblutungsstörungen, etwa bei sehr starken Rauchern oder Patientinnen mit Gefäßerkrankungen, und eine gestörte Blutgerinnung. Da die Operation mindestens sechs Stunden dauert, muss die Patientin allgemein über eine gute, körperliche Konstitution verfügen. Bei wem der Eingriff durchgeführt werden kann, hängt also von Alter, Nebenerkrankungen und auch dem Stadium der Krebserkrankung ab.

Welche Möglichkeiten des Brustaufbaus gibt es außerdem?

Engelhardt: Das ist ganz von der Art der Deformation und der Tumortherapie abhängig. Bei kleinen Dellen in der Brust nach einer OP reicht oft eine Verschiebung des verbliebenen Brustgewebes aus, das dann durch Nähte fixiert wird. Entfernte Brustwarzenhöfe können nach Verheilen der Narben tätowiert werden. Müssen die Brustdrüsen entfernt werden, aber die Haut kann erhalten bleiben, wird das fehlende Volumen in einer sogenannten Simultan-Rekonstruktion ersetzt. Das bedeutet, dass sofort nach der Tumorentfernung die Brust wieder aufgebaut wird, also Gynäkologe und Plastischer Chirurg im Lauf des Eingriffs zusammenarbeiten. Als Volumenersatz dienen Implantate oder auch eigenes Fettgewebe, das bei sehr kleinen Volumenverlusten zum Beispiel aus der Bauchdecke abgesaugt und in die Brust eingebracht wird. Dieses sogenannte Lipofilling wird derzeit noch medizinisch dahingehend beobachtet, ob es sich ungünstig auf die Krebsbildung auswirken könnte. Nach derzeitigem Stand ist das nicht der Fall.

Was sind die Vor- und Nachteile von Implantaten beziehungsweise Eigengewebe?

Engelhardt:Der Vorteil eines Implantats ist, dass es eine schnelle komplikationsarme Lösung darstellt. Der Einsatz dauert zirka eine Stunde pro Brustseite und die Patientin kann nach wenigen Tagen wieder nach Hause. Außerdem gibt es keine weiteren Operationsstellen am Körper wie bei der Therapie mit Eigengewebe. Nachteile sind: Die Implantate haben nicht die angenehmen Weichteileigenschaften wie Eigengewebe und der Körper bildet rundherum Narbengewebe. Er kapselt den „Fremdkörper“ also ein. Zudem muss die Patientin damit rechnen, dass aufgrund der Veränderungen im Laufe ihres Lebens irgendwann Korrekturen notwendig werden. Eigengewebe hingegen passt sich dem Alterungsprozess an. Es wirkt generell natürlicher, und mit ihm kann meist ein größeres Volumen erreicht werden als mit einem Implantat. Einschränkung: Für sehr schlanke Frauen ist die Methode in der Regel nicht geeignet. Außerdem muss die Patientin etwa zwölf bis 18 Monate nach der Tumorentfernung ein unauffälliges Krankheitsbild aufweisen.

Wann ist der beste Zeitpunkt für einen Brustwiederaufbau?

Engelhardt:Das ist abhängig von der Krebstherapie und dem gesundheitlichen Zustand der Patientin. Er kann als Sofort- oder auch verzögert als Sekundäreingriff erfolgen. Generell sollte die Nachuntersuchung ohne Befund sein, bevor sie sich einem Korrektureingriff unterzieht.

Höß: Vor jeder Krebsoperation erstellen wir in einer interdisziplinären Tumorkonferenz die bestmöglichen Therapievorschläge für die Patientin und besprechen sie anschließend mit ihr. So kann sie selbst mitentscheiden, zu welchen Maßnahmen sie bereit ist.


Das Gespräch führte
Sybille Föll

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