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Seit 16 Jahren ein bekanntes Gesicht in Ebersberg: Ferdinand Paepke. Am 31. Januar läuft der Mietvertrag seiner Papeterie aus, am 29. übergibt er den Laden. 

Post kündigt, ohne zu sagen warum

Deshalb muss er seinen Laden im E-EinZ schließen

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Ferdinand Paepke (66) hat im Ebersberger Einkaufszentrum E-EinZ seine letzte Chance gesehen. Er eröffnete einen kleinen Schreibwarenladen mit Post-Service - und ist gescheitert. Ein letzter Besuch.

Ebersberg – Ferdinand Paepke liegt auf dem Boden. Hinter einem Regal mit Creme-Likör und Tonpapier. Fast so, dass die Kunden ihn übersehen und über ihn stolpern. Paepke zählt blaue Blätter ab. Acht. Neun. Zehn. Es sind die letzten Züge Paepkes in seinem Schreibwarenladen im Einkaufszentrum E-EinZ in Ebersberg. Ende Januar ist Schluss. Paepke geht.

Post kündigt Vertrag ohne Angabe von Gründen

66 Jahre ist er alt. Er sagt: „Freiwillig hätte ich nicht aufgehört.“ Die Post, mit der er einen Partnervertrag hatte und die seine Existenz zumindest einigermaßen sicherte, hat den Vertrag mit ihm gekündigt. Ohne Angabe von Gründen. Warum, will die Post auf Anfrage unserer Zeitung nicht mitteilen. Für Paepke eine strategischer Zug des Unternehmens. Seinen Schreibwaren- und Lottoladen kann er ohne die Post nicht halten. Ein Nachfolger stehe bereits fest und sei mit der Post abgesprochen. Dass es so gekommen ist, dafür ist Paepke zum Teil selber verantwortlich. Ich habe schon immer gesagt, was ich denke. Sagt er dazu. Mehr nicht.

Paepke, schwarz-grüne Turnschuhe, graue Mütze, rot-silberne Nickelbrille, studierter Ingenieur, hat fertig gezählt. Jetzt erzählt er. In einem kleinen Büro im Laden, vielleicht fünf Quadratmeter groß, Glastüre, massive Tresore, Schreibtisch.

Eigentlich sollte Paepke längst im Ruhestand sein

Er erzählt, dass er schon längst im Ruhestand sein sollte. Dass er 2015 spätestens seinen früheren Laden in der Sieghartstraße beim Marienplatz in der Ebersberger Innenstadt, den er 2002 eröffnet hatte, verkaufen wollte. Und dass daraus nichts wurde, weil durch die Eröffnung des Einkaufszentrums am 24. Dezember 2013 sein Umsatz um 80 Prozent eingebrochen sei, er sich verschulden musste und sein Laden von heute auf morgen keinen Cent Wert mehr gehabt habe.

Mit der einstimmigen Entscheidung des Stadtrates vor Jahren, das Einkaufszentrum zu bauen, sei seine Existenz kaputt gemacht worden. „Natürlich bin ich sauer, richtig sauer“, sagt er. „Aber ich kann mich nicht gegen die Zeit wehren.“ Weil Paepkes Mietvertrag seines früheren Ladens bis Ende 2014 ging, konnte er nicht aufhören. Weil er in der Zeit die Kunden nicht mehr kamen und die Schulden stiegen, „musste ich den Laden im E-EinZ eröffnen. Eigentlich nur, damit ich kein Sozialfall werde.“ Er habe es den Entscheidungsträgern der Stadt Ebersberg zu verdanken, dass er länger arbeiten müsse.

Bürgermeister: E-EinZ war richtige Entscheidung

Wenn Walter Brilmayer über den Marienplatz in Ebersberg schlendert, nickt er. Der Bürgermeister ist sich sicher, es war die richtige Entscheidung: der Bau des Einkaufszentrums an der Altstadtpassage. Das bestätige ihm fast jeder. „Es ist ein Riesenfortschritt für die Stadt, weil jetzt Kunden von außerhalb kommen“, sagt Brilmayer. „Und das wertet auch den Marienplatz auf“, ist er überzeugt. Dass Paepke mit dem Bau des Einkaufszentrum zu den Verlierern zählt, tue Brilmayer leid. Aber es gebe immer Bewegungen in einer Stadt und immer „Gewinner und Verlierer“.

Paepke spricht von Sklavenvertrag

Paepke weiß das. Seine Wut kocht jetzt am Ende hoch. Wegen der Vergangenheit und wegen der Post. Der Vertrag mit dem Unternehmen sei nicht leistungsgerecht, sagt er. Auf Provisionsbasis sei es gelaufen – zu wenig habe er verdient. Und viel unbezahlte Serviceleistung für Kunden und Post liefern müssen. Von Sklavenvertrag spricht Paepke, einem Vertrag einseitig zugunsten der Post. Klaus-Dieter Nawrath, Sprecher der Post: „Wenn es Sklavenverträge wären, würden wir niemanden finden, der die Verträge unterschreibt.“ Der Vertrag sei gerecht.

Ferdinand Paepke sagt, dass er trotz allem gerne gearbeitet habe. Dass er sich bei seinen Kunden bedanke und bei seinen drei Mitarbeitern. Und dass er seinem Nachfolger, Andreas Reiz aus Furth bei Landshut, alles Gute wünsche. Paepke zählt wieder: zehn, vierzehn Tage noch bis zum 31. Januar. Dann heißt es: schachmatt.

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