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Manfred Koniarczyk, kommissarischer Leiterder Psychosomatik an der Kreisklinik.

Patientenzahlen steigen immer weiter

Psychosomatik an Ebersberger Kreisklinik hat Warteliste

Die Patientenzahlen in der Psychosomatischen Tagesklinik in der Kreisklinik Ebersberg steigen kontinuierlich an. 24 Plätze stehen zur Verfügung, mittlerweile gibt es eine Warteliste. Wir sprachen mit dem kommissarischen Leiter Manfred Koniarczyk.

Dr. Koniarczyk, wie lange dauert eine Therapie in der psychosomatischen Tagesklinik?

Die Patienten kommen morgens gegen 8.15 Uhr und gehen abends um 16.30 Uhr wieder nach Hause, freitags um 14.30 Uhr. Über welchen Zeitraum sich die Behandlung erstreckt, ist abhängig von den jeweiligen Beschwerden. Bei Patienten in Krisensituationen, etwa eine stressbedingte Depression oder Ängste, dauert die Therapie cirka drei bis vier Wochen. In dieser Zeit stabilisieren wir die Betroffenen, zeigen ihnen, wie sie Ressourcen aktivieren und besser mit dem Stress umgehen können. Die allermeisten unserer Patienten bleiben jedoch sechs bis acht Wochen in unserer Tagesklinik.

Ist bei Depressionen nicht eine stationäre Therapie notwendig?

In den meisten Fällen nicht. Unsere Patienten sind froh, wenn sie nachts und am Wochenende in ihrer gewohnten Umgebung sein können. Sobald wir der Meinung sind, dass ein Patient besser stationär betreut werden sollte, weil er Abstand von seinem Umfeld braucht, weil die Angehörigen überfordert sind oder weil er zu instabil ist, verweisen wir ihn an eine der umliegenden Fachkliniken, zum Beispiel in Wasserburg, München-Harlaching, Taufkirchen oder Haar. Wir nehmen nur Patienten auf, die eine ausreichende Selbstverantwortung für sich übernehmen können. Sie müssen sich während der Therapie auch dazu verpflichten, keinen Alkohol zu trinken oder Drogen zu konsumieren. Vor Therapiebeginn findet immer ein ungefähr einstündiges Vorgespräch mit dem Patienten statt, in dem wir das alles abklären. Zudem tauschen wir uns jeden Tag im Team genau über den aktuellen Stand jedes einzelnen Patienten aus.

Werden alle Patienten vom Hausarzt überwiesen?

Nicht alle. Einige Schmerzpatienten kommen aus anderen Kliniken oder Schmerzzentren für eine psychosomatische Anschlusstherapie zu uns. Andere wiederum werden wegen körperlicher Beschwerden in anderen Abteilungen der Kreisklinik untersucht. Wenn die Kollegen dort keine organische Ursache feststellen können, werden wir mit der Fragestellung hinzugerufen, ob eine behandlungsnotwendige seelische Störung eine Rolle spielen könnte.

Das heißt, solche Patienten profitieren besonders von der Tagesklinik?

Gäbe es dieses Angebot nicht, müssten die betroffenen Patienten wieder nach Hause entlassen werden und sich eigenverantwortlich um einen Termin bei einem Facharzt oder Psychotherapeuten kümmern. Unser Konsiliardienst kann deshalb sehr hilfreich sein. Aber natürlich profitieren auch andere Patienten von der Tagesklinik. Dadurch, dass wir eine kleine Einheit sind, hat jeder drei feste Bezugspersonen: einen Arzt, einen Psychotherapeuten und eine speziell ausgebildete Pflegekraft. Zudem kommen die Patienten schnell untereinander in Kontakt, können sich austauschen, sich aber auch jederzeit in einen der Ruheräume zurückziehen.

Wurde das Therapieangebot seit dem Wegfall der Bettenstation eingeschränkt?

Nein. Unser Angebot ist nahezu gleich geblieben und im Vergleich zu anderen Einrichtungen überdurchschnittlich hoch. Wir bieten eine intensive Kunst-, Bewegungs- und Tanztherapie, zudem Konzentrations- und soziales Kompetenztraining, vermitteln verschiedene Entspannungstechniken, und zweimal wöchentlich finden sowohl ein Einzelgespräch als auch eine Gesprächsgruppe statt. Neu ist, dass die Gruppen stärker miteinander verzahnt sind und es keine strikte Trennung mehr zwischen Alt und Jung gibt. Die Patienten können bei verschiedenen Angeboten wählen, welche Gruppe sie besuchen möchten, was sehr gut angenommen wird.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Nun, wir behandeln unsere Patienten in drei verschiedenen Gruppen. In Gruppe A sind Menschen mit Ängsten und Depressionen sowie emotionaler Instabilität vorrangig zur Stabilisierung da. In Gruppe B können Patienten mit Burn-out-Syndrom, anhaltenden Ängsten, wiederkehrenden Depressionen oder mit chronischen Schmerzstörungen behandelt werden. Da junge Menschen oft andere Themen haben als ältere, bieten wir außerdem die Gruppe C „50 Plus“ an. In den therapeutischen Gruppenstunden bleiben diese Einheiten getrennt, aber zum Beispiel bei den Aktivitäts- und Entspannungsangeboten mischen sich die Teilnehmer. Wir bieten zum Beispiel eine Konzentrationsgruppe an, in der auch jüngere Patienten oft sehr motiviert teilnehmen.

Welchen Vorteil hat das?

Die unterschiedlichen Generationen entwickeln ein gegenseitiges Verständnis füreinander. Ältere Patienten wundern sich oft, warum auch jüngere Menschen schon unter Ängsten und Depressionen leiden. Während der 60-Jährige in eine Krise rutscht, weil seine Ehe gescheitert ist oder er seinen Arbeitsplatz verloren hat, ist ein 20-Jähriger vielleicht überfordert vom Leistungsdruck in der Ausbildung oder im Studium, flüchtet sich in Internet-Spiele und bekommt seinen Alltag nicht mehr geregelt. Es ist schön zu sehen, wenn die beiden irgendwann zusammen spazieren gehen und sich angeregt unterhalten. So können viele Patienten voneinander profitieren und sich in der Tagesklinik wieder stabilisieren.

Das Gespräch führte

Sybille Föll

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