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Wer kämpft, gewinnt: Helga Bogensperger auf der Terrasse ihres Hauses in Ebersberg. Eine Perücke trägt die an Krebs erkrankte 58-jährige Frau nicht. „Es wäre eine Maske“, sagt sie. 

Ein Leben mit dem Krebs

Sie hilft seit Jahren krebskranken Kindern - jetzt muss Helga Bogensperger selbst kämpfen

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Helga Bogensperger ist Vorsitzende der Kinderkrebshilfe Ebersberg. Sie hilft, damit die Krankheit nicht auch das letzte Lächeln der Kleinen zerfrisst. Nach einer Reise aus Vietnam muss sie selbst zum Arzt. Dann fällt sie. 

Ebersberg – Helga Bogensperger sitzt elf Stunden in einem engen Flugzeug von Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam nach München und hat stechende Schmerzen im Rücken. Das Flugzeug landet, die 58-Jährige fährt nach Ebersberg und sofort in eine Radiologie-Praxis. Sie denkt, sie hat einen Bandscheibenvorfall. Die Diagnose an diesem diesigen Freitagnachmittag im November schockiert sie.

Noch vor wenigen Stunden machte sie Urlaub unter Palmen, um jetzt zu erfahren, dass sich an einer Bandscheibe Metastasen angelagert haben und irgendwo in ihrem Körper ein Tumor wächst. Sie fährt nach Hause. Ihr Mann Hans und ihre beiden Söhne warten in der Küche auf sie. Die Koffer stehen noch gepackt in der Ecke: „Ich habe Krebs“, sagt die 58-Jährige.

Sie, die Vorsitzende der Kinderkrebshilfe Ebersberg mit den hellblauen Augen, den braunblonden Haaren und dem ansteckenden Lächeln. Seit Jahrzehnten setzt sie sich ehrenamtlich für krebskranke Kinder ein, unterstützt deren Eltern, sammelt Spenden, damit sich die Familien lebenswichtige Medikamente oder einen kleinen Urlaub leisten können, dass die Kinder den Dreck in ihren Körpern für wenige Minuten vergessen.

Ich glaube an die 50 Prozent!

Krebs! Warum ich? Helga Bogensperger stellt sich diese Frage nicht. Nicht, weil ihre Eltern an Krebs starben und sie weiß, dass so etwas im Leben vorkommt. Und zur Gesellschaft dazugehört. Und von dieser akzeptiert werden muss. Das betont sie. Sondern, weil diese Frage nur Selbstzweifel auslöst. Studien besagen, dass eine Krebserkrankung zu 50 Prozent besser verlaufe, wenn der Patient positiv eingestellt ist – Motto: Wer kämpft, gewinnt!

„Natürlich glaube ich an die 50 Prozent“, sagt Bogensperger. Dieses Selbstbewusstsein brauchte Zeit. Als die 58-Jährige an dem Novembertag am Abend in der Küche steht und ihrer Familie erzählt, dass sie nicht weiß, ob sie noch zwei oder vier Wochen leben wird, „bin ich in ein tiefes Loch gefallen“. Es waren fünf Sekunden, „die alles verändern“, wie ihr Mann Hans sagt. Es wird Nacht bei Familie Bogensperger an diesem Abend.

Die Familie hält zusammen. Es wird geredet in der Nacht, viel geredet. „Wir nehmen es an, wie es ist“, sagt Helga Bogensperger. „Ganz realistisch“, sagt ihr Mann. Ihr Sohn Alexander sagt: „Mama, jetzt musst du kämpfen! Und wenn du irgendwann nicht mehr kannst, akzeptiere ich das. Aber nicht jetzt!“ Ein Satz, der sich in Helga Bogenspergers Gedächtnis eingebrannt hat. Jetzt, fünf Monate später, im April, sitzt sie an ihrem Esszimmertisch mit weißblauem Kuchengeschirr, Servietten mit bunten Osterhasen und wiederholt die Wörter. Sie weint.

Zusammenhalt

Seit November musste sie elf Mal für viele Tage in die Klinik und sich literweise das Mittel über einen unter ihrem Schlüsselbein implantierten Port in ihren Körper jagen lassen, das die Krebszellen auffressen soll.

Die Heilungschancen heutzutage sind bei Krebserkrankungen höher als früher, das weiß die Familie. Was sie die ersten Tage nach der Metastasendiagnose nicht weiß, um welchen Krebs es sich handelt, der Helga Bogensperger kaputtmacht. Es folgt ein Ärztemarathon. Ihr Körper wird durchleuchtet, Sonden wandern durch Organe, Gewebe wird untersucht, Stück für Stück, eine Teildiagnose nach der anderen, bis hin zur endgültigen Nachricht – eine Woche nach dem schwarzen Freitag: Magenkrebs. Metastasen bis tief in die Knochen.

Die 58-Jährige spricht mit einer Oberärztin des Klinikums Perlach in München. „Die Ärztin hat mich aus meinem tiefen Loch geholt“, erzählt Helga Bogensperger, auch wenn das schier unmöglich klingen mag. Sie habe ihr Chancen und Behandlungsmethoden erklärt, „verständlich, empathisch“. Und, dass sie nicht aufgeben solle. Nie! Ihre Blümchentasse mit Kräutertee umklammert die 58-Jährige mit den Händen, so als wolle sie sich daran wärmen, wenn sie davon berichtet. An Wärme fehlt es in ihrem Leben nicht. Der Krebs hat sie mit ihrer Familie und mit ihren Freunden zusammengeschweißt. Noch stärker als vor der Krankheit. Das, sagt sie, sei ein Geschenk, „dass jeder für mich da ist und mich besucht und mich ermutigt. Und an das Gute glaubt. Ich bin nicht alleine.“

Die Sache mit Karma und Krebs

Deshalb ist Asien eines ihrer Lieblingsreiseziele. Weil es in buddhistischen Ländern weniger negative Gedanken gebe. Dafür viel Zusammenhalt. Wie in Vietnam, sagt Bogensperger. Sie ist katholisch. Ihren Glauben braucht sie und lebt ihn, leise nach außen, laut für sich.

Die Sache mit dem Karma. In Teilen Asiens sei das eine große Sache. Wie ich mit anderen umgehe, wirkt sich auf mein Leben aus. Dass Bogensperger, die Helferin, mit der Krankheit ungerechtes Karma, wenn man so will, bekommen hätte, sieht sie ganz anders. Das Gegenteil sei der Fall: „Alle meine Freunde, für die ich über Jahre da war, sind jetzt für mich da. Ich bekomme alles zurück. Wir kommen von weit weg zusammen. Das ist doch gutes Karma?“

Vielleicht machen schwere Krankheiten philosophisch. Oder einfach nur menschlich. „Geld macht nicht halt vor Krebs“, sagt Bogensperger. Die Familien, die sie über die Kinderkrebshilfe unterstützt und die durch den Krebs ihrer Kinder an finanzielle Grenzen stoßen, seien bodenständig. „Die dürften jammern. Sie tun es aber nicht“, sagt sie.

Seit 16 Jahren ist Bogensperger Vorsitzende des Ebersberger Vereins. Glaubt sie zumindest. Sie weiß es nicht genau. Es sei egal wie lang, „das interessiert mich nicht. Es geht nicht um Zeit, sondern darum, etwas zu bewegen.“

Und bewegt werden müsste etwas im Land. In der Pflege. Der Verein unterstützt derzeit eine Petition zum Pflegenotstand im Kinderkrebszentrum der Haunerschen Klinik in München. Der Klinik, in der die Familien und ihre kranken Kinder behandelt werden, denen Bogensperger und ihr Verein einen Klinikclown bezahlen, damit der Krebs nicht auch noch das Lächeln der Kleinen zerfrisst. Das Geld geht zu 100 Prozent an Betroffene. Es sind Logopäden oder zusätzliche Behandlungen, die finanziert werden. Dinge, die die Klinik und Krankenkassen nicht bezahlen.

Die Kinderkrebshilfe, die die Welt ein Stück besser macht

Die halblangen Haare am Kopf hat Helga Bogensperger verloren. Von den Augenbrauen ist ein feiner Flaum übrig. Unter ihren Fingernägeln, die sie von einer Kosmetikerin behandeln und mit weißlichem Nagellack bestreichen hat lassen, schimmern blaue Blutergüsse durch. Die Chemotherapie tötet auch gute Zellen mit ab. Schnell wachsende: Haut, Haare, Nägel. Aber die Therapie hilft, der Tumor wird nicht größer, im Blut werden die Markerzellen weniger, die Dosierung des Mittels wurde bereits reduziert.

„13 Tage nach dem Gespräch mit der Oberärztin hatte ich die erste Behandlung“, erzählt Bogensperger. Ihr unermüdliches Lachen verschwindet. Sie sagt: „Wenn nicht alles so schnell gegangen wäre, würde ich heute nicht hier sitzen.“ Ihr Allgäuer Dialekt ist bei solchen Sätzen unüberhörbar. Ihre Backen werden rot. Dass ihr die Tränen kommen, komme nicht so oft vor, wie sie sagt. An diesem Tag schon. Es sei zum Teil aber der Heuschnupfen mit schuld.

Sie wolle eigentlich nicht im Mittelpunkt stehen. Auch in diesem Text nicht. Schließlich gehe es um etwas anderes. Um die Kinderkrebshilfe Ebersberg, die seit 36 Jahren so viel Gutes getan hat. Seit 1982 arbeiten die Ehrenamtlichen um das Ebersberger Gründerpaar Heidrun und Gerd Kohnert mit der Haunerschen Klinik in München zusammen und machen die Welt damit ein Stück besser.

Das Ehepaar Kohnert hat zwei Kinder an die Krankheit verloren. Für ihr Engagement wurden sie unter anderem mit dem Bayerischen Verdienstorden geehrt. „Als Verein können wir etwas bewegen“, sagt Bogensperger. Wie sie den Verein in Zukunft führen will, weiß sie noch nicht. Alles müsse derzeit ruhiger laufen. Auch ihre Arbeit in der Kommunikation bei Siemens.

Ohne Maske

In einem Abstellzimmer im Hausgang des Hauses von Familie Bogensperger steht ein weißer Pappkopf. Auch er ruht. Seit November. Auf dem Kopf liegt eine Perücke. Die Haare sind dem natürlichen Haar von Helga Bogensperger angepasst. „Ich habe sie noch nicht getragen“, sagt sie. Zur Sicherheit habe sie sie geholt, aus München, einige hundert Euro teuer, schnell, nach der ersten Chemotherapie, als ihre Haare ausfielen und Blut unter ihren Nägel auftauchte.

„Ich stehe zu meiner Krankheit“, sagt sie. „Es wäre eine Maske, deshalb trage ich sie nicht.“ Aber es sei gut, zu wissen, dass es sie gibt. Bogensperger kämpft. Derzeit für sich. Sonst für andere.

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