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Die falsch gehende Sonnenuhr der kleinen Kirche in Hohenlinden.

Wer hat an der Uhr gedreht?

Falsche Zeit

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Nur mal angenommen: Wer mittags um 13.04 Uhr mit dem 45-er-Bus von der „Alten Post“ in Hohenlinden nach Ebersberg fahren wollte und sich ausschließlich auf die historische Sonnenuhr über dem Eingang der kleinen Kirche verlassen müsste, der könnte ein Problem bekommen. Entweder ihm werden lange Wartenzeiten beschert; oder aber er wird den Bus gnadenlos verpassen.

Ebersberg/Hohenlinden – Es dürften gut 45 Minuten sein, die der Schattenwurf des Zeigers auf das Ziffernblatt der Uhr aus dem Jahr 1563 abweicht von der tatsächlichen Zeit. Das hat jedenfalls der Ebersberger Ingenieur Robert Wimmer ausgerechnet, nachdem die Ebersberger Zeitung dieser Tage ihre Leserinnen und Leser aufgerufen hatte, „sachdienliche Hinweise“ zu geben, warum es diese Diskrepanzen überhaupt gibt.

Woran genau das mit der Abweichung in Hohenlinden liegt, wusste der Hobby-Astronom aus Oberlaufing eingangs noch nicht, als er einen entsprechenden Kurzartikel dazu in der Heimatzeitung las. Inzwischen hat Wimmer, motiviert sozusagen von der EZ, eigene Recherchen angestellt. Und dabei festgestellt, dass der Hohenlindener Zeiger nicht nur verbogen ist und sich in einem völlig falschen Winkel (nämlich 68 Grad) befindet. Obendrein ist er auch nicht exakt justiert, was die Himmelsrichtung angeht. Von einer falschen Justierung ist dann die Rede, wenn der Zeiger nicht mehr parallel zur Erdachse ausgerichtet sei.

Hohenlindens Kirchenpfleger Josef Gallenberger wusste bis dato von der falsch gehenden Sonnenuhr auch nichts. Wie ihm überhaupt in den Archivunterlagen der Pfarrgemeinde St. Josef nur ganz wenige Vermerke zur Uhr vorliegen. In der Festschrift zum 500-jährigen Jubiläum der Kirche, die eigentlich den Namen Mariä Heimsuchung trägt, wurde immerhin mal auf eine Restaurierung der Sonnenuhr durch einen Malerbetrieb aus Taufkirchen/Vils aus dem Jahr 1987/88 verwiesen. Jahre vorher, nämlich 1984, sei es in der Region zu einem gravierenden Unwetter gekommen, wodurch die Fassade der Marienkirche arg in Mitleidenschaft gezogen worden sei, heißt es in der alten Festschrift weiter. Mehr zur Sonnenuhr ist im Grunde aber nicht bekannt.

Das mit der Jahreszahl 1563 aber, sagt der Preisendorfer, könne passen. Die Kirche sei schließlich deutlich älter. Für die Zeitabweichung aber hat er eine gar nicht so abwegige andere Ansicht: Schließlich stamme die Hohenlindener Sonnenuhr aus einer Epoche, in der man es mit einer exakten Zeitmessung noch nicht so genau nahm wie heutzutage, wo schon Verspätungen von fünf Minuten im öffentlichen Personennahverkehr im Internet gepostet werden. Man habe mit dem Tagesablauf gelebt, sagt Gallenberger, Abweichungen in der geschilderten Größenordnung hätten schlichtweg keine Rolle gespielt im täglichen Kampf ums Überleben. Und der 45-er-Linienbus war damals... „Science Fiction“.

Robert Wimmer aus Oberlaufing aber hat die Ungenauigkeit trotzdem keine Ruhe gelassen. Der 77-Jährige war schließlich früher Maschinenbauingenieur. Da ist Präzision Lebensphilosophie. Sich mit Sonnenuhren zu befassen, war für ihn einst ein Hobby nebenbei. Drei solcher Uhren hat der Rentner sogar selber gebaut. Und dabei das Ziffernblatt immer in Marmor eingearbeitet. Eine dieser Uhren steht in einem Garten im Landkreis Rosenheim und war ein Geschenk zum Geburtstag, eine zweite bekam der ehemalige Leiter des Behindertenzentrums Steinhöring, Anton Karl. Und die dritte, in der Chronologie aber erste Uhr aus seiner Hobbywerkstatt, steht im Garten seines Hauses auf einem Sockel. Auch hier hat Wimmer als Ziffernblatt eine Marmorplatte gewählt; nämlich die ehemalige Grabplatte seines Vaters.

„Ich war damals recht blauäugig an das Thema herangegangen“, erinnert sich der Ingenieur. Und hatte sich gewundert, dass nichts stimmte. Erst nach der Lektüre von Fachliteratur klappte es. Einschlägige Internetseiten, die man haufenweise findet, wenn man das Stichwort „Sonnenuhr basteln“ eingibt, existierten damals noch nicht (siehe auch Link-Empfehlung am Ende des Textes).

Das Prinzip sei eigentlich nachvollziehbar, sagt Wimmer heute. Man nehme einen Diaprojektor, markiere alle 15 Grad einen Strich und richte den Projektor danach im richtigen Winkel zum Polarstern aus. Bei uns sind das 48 Grad.

Soweit das Grundprinzip: Als Techniker aber geht es für Männer wie Robert Wimmer jetzt erst richtig los. Die Mitteleuropäische Zeit (MEZ), so erklärt er, beziehe sich auf den 15 Längengrad. Hier bei uns haben wird es aber mit den 12. Längengrad zu tun. Bedeutet: Drei Grad Unterschied sind zwölf Minuten Abweichungen. Nicht ganz unbedeutend sei obendrein, an welchem Tag man das Ziffernblatt der Sonnenuhr anschaue. Auch hier gebe es Abweichungen von bis zu 15 Minuten hinzunehmen.

Wimmer hat sich übrigens in die Astronomie so eingearbeitet, dass er sich mit seinem Eintritt in die Rente mit großem Aufwand und ziemlich ausgeklügelt auf dem Dach seines Hauses eine eigene kleine Sternwarte eingerichtet hat. Von dort hat der Ebersberger schon Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn mit Hilfe eines Teleskops gesehen. Leider, sagt er, habe er seit mindestens zwei Jahren keine Zeit mehr gefunden zur Observation der Sterne und Planeten. Eigens für die EZ hat er sich dieser Tage aber einmal wieder aufgemacht in die kleine Glasfaserkuppel im Dachstuhl, die immerhin sieben Sitzplätze aufweist.

Zurück nach Hohenlinden: Unsere Leser Gudrun und Hans van Sorge haben sich ebenfalls Gedanken zur Sonnenuhr der Marienkirche gemacht. Und kommen in einer Mailzuschrift zu folgendem Schluss: „Der Schattenwurf des Zeigers der Sonnenuhr zeigt eine Zeit von ca. 12.30 Uhr an. Das passt doch recht gut, finden wir. Man muss nur beachten, dass durch die Bewegung der Erde die Sonnenuhranzeige gegenläufig erfolgt. Also „bewegt“ sich der Zeiger gegen den Uhrzeigersinn. 12 Uhr ist unten und die Zahlen auf der Skala gehen von 6 Uhr morgens (links oben) über 12 Uhr mittags (unten) zu 5 Uhr nachmittags (rechts oben). Die Zeit dürfte zur Zeit der Sommersonnenwende stimmen, denn zur Entstehungszeit der Sonnenuhr gab es noch keine Sommerzeit.“

Kommentierende Bemerkung des Autors zum Schluss: „Ich finde bei allem Respekt vor der modernen Wissenschaft, Gallenbergers Erklärungsversuch, man habe es früher halt im Alltag nicht so genau genommen mit der Zeitmessung, hat ganz viel Sympathie verdient.“

Internet

Wie man Sonnenuhren selber basteln kann, liest man kindgerecht auf folgender Internetseite: http://www.geo.de/geolino/basteln/8123-rtkl-diy-sonnenuhr-zum-selberbauen

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