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Seit dem Tod von Barbara Hagenrainer sind ihr Mann Josef und ihre Kinder Theresa, Maxi, Josef (von links) und Peter (nicht auf dem Bild) in psychologischer Behandlung. Der Zivilprozess wühlt alles wieder auf.

Familie klagt vor Landgericht

„Überwinden werden wir Mamas Tod nie“: War der Arzt schuld am Tod einer vierfachen Mutter?

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Seit sieben Jahren quält Josef Hagenrainer die Frage, wieso seine Frau sterben musste. Vor dem Landgericht will der Vater für seine vier Kinder Schadenersatz von einem Hausarzt.

München/Baiern– Josef Hagenrainer steht vor dem Saal 314, seine Stirn glänzt, seine Stimme ist zittrig. „Meine Frau wird vor Gericht so hingestellt, dass sie sich gegen eine Behandlung gewehrt hätte“, sagt der 51-Jährige leise. „Das stimmt nicht!“ Hätte sie gewusst, erzählt er, dass es lebensbedrohlich sei, wäre sie ins Krankenhaus. Ihn beschäftigt eine quälende Frage, seit über sieben Jahren, auch an diesem Dienstag: „Warum musste meine Frau sterben?“ Nach einem weiteren Prozesstag am Landgericht in München ist er sich nicht sicher, ob er je eine Antwort darauf bekommen wird.

Wütend sei er, richtig wütend. Auf die Ärzte, die heute vor Gericht als Zeugen aussagten. Die nur schauten, dass sie selbst gut dastünden, wie er anprangert. Seit über sieben Jahren leben Josef Hagenrainer aus Baiern (Kreis Ebersberg) und seine Kinder Josef (25), Theresa (22), Peter (20) und Maxi (7) mit der Ungewissheit, was eigentlich passiert ist. Und wieso Barbara Hagenrainer am 5. März 2011 in der Ebersberger Kreisklinik sterben musste. Sie wurde 39 Jahre alt, brachte nur wenige Tage vor ihrem Tod Maxi auf die Welt.

Seit damals ist die ganze Familie Hagenrainer in psychologischer Behandlung. „Überwinden werden wir den Tod von Mama nie“, sagt Theresa.

Versicherung soll Schadenersatz bezahlen

Der Zivilprozess wühlt bei ihnen alles wieder auf. Die Versicherung des ehemaligen Hausarztes aus Grafing (Kreis Ebersberg) soll Schadenersatz bezahlen. Für das große Leid, das bei Hagenrainers entstanden sei. Und, um die letzten Jahre zu kompensieren. Die Familie bewirtschaftet einen Bauernhof. Seit die Mama nicht mehr da ist, und sich Josef Hagenrainer um die Erziehung kümmern muss, wurde es finanziell eng.

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Der Arzt, nun im Ruhestand, sitzt auf der Anklagebank, weißes Hemd, beiges Sakko. Die Staatsanwaltschaft ermittelte nach dem Tod von Barbara Hagenrainer gegen ihn. Er soll durch Unterlassen fahrlässig den Tod der damals 39-Jährigen verursacht haben, so stand es in einer Anklageschrift. Er habe nach der Diagnose eines Darmverschlusses bei Barbara Hagenrainer nicht die erforderlichen Maßnahmen ergriffen. Zu einer Verhandlung kam es nicht. Sein Anwalt konnte ihm den Prozess durch einen Deal ersparen. 2013 akzeptierte der Arzt einen Strafbefehl von 15 600 Euro im Einvernehmen mit Staatsanwaltschaft und Amtsgericht in Ebersberg. Seitdem ist er vorbestraft.

Seit 2017 jedoch behauptet der Arzt: Er habe der Frau damals eine richtige Diagnose mitgeteilt. Die Verstorbene habe sich aber geweigert, sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. Das könnten seine Frau und andere Zeugen bestätigen. Deshalb wolle die Versicherung des Arztes nicht bezahlen. Ein Schlag ins Gesicht für Josef Hagenrainer, wie er sagt.

Arzt „zaubert Zeugen aus dem Hut“

Hans-Dieter Klumpe, sein Anwalt, findet die Zeugen, die der Arzt nun „aus dem Hut zaubert“, äußerst dubios. Er fragt: Wenn es eine Kronzeugin wie seine Frau gibt, die bestätigen könne, was der Mann behaupte, warum habe sie sich dann nicht bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geäußert? Die Ehefrau des Arztes sagt, ihr sei nicht bewusst gewesen, dass sie damals hätte aussagen können. Und dass sie dachte, als Ehefrau nicht ernst genommen zu werden. Im Zivilprozess sagt sie das, was sie vor Jahren nicht sagte. Wenige Tage vor dem Tod von Barbara Hagenrainer, habe sie mit ihr in der Praxis ihres Mannes gesprochen. Sie sei „völlig ausgetickt“. Den Verdacht, den der Arzt habe, ein Darmverschluss, habe sie heruntergespielt und gesagt: „Wird auch so wieder gut.“ „Sie hat es so bagatellisiert und war nicht bereit, ins Krankenhaus zu gehen.“

Das behauptet auch eine Radiologin aus Ebersberg, die Barbara Hagenrainer untersucht hatte, den Darmverschluss nach einer Röntgenuntersuchung feststellte und diesen Befund dem Hausarzt mitteilte. Auch eine Ärztin in der gynäkologischen Abteilung der Kreisklinik Ebersberg sagte aus, die 39-Jährige wollte nicht bleiben und sich nicht weiter behandeln lassen. Ein Strafverfahren gegen sie ist im Vorfeld eingestellt worden.

Anwalt Hans-Dieter Klumpe hält die Zeugen für unglaubwürdig: Keiner habe bestätigt, dass die Frau wusste, in welcher lebensbedrohlichen Situation sie sich befunden habe, sagt er.

Die Richter unter Vorsitz von Thomas Stelzner wollen sich bis August beraten, wie es in dem Prozess weitergeht. Es könnten Gegenzeugen geladen werden. Hagenrainers Anwalt kündigt an, dass sie bestätigen werden, dass Barbara Hagenrainer ins Krankenhaus gegangen wäre, wenn ihr von den Ärzten gesagt worden wäre, welche schlimmen Folgen die Diagnose haben könnte.

Josef Hagenrainer sagt: „Natürlich hätte sie sich behandeln lassen. Wer will schon sterben mit 39, und vier Kindern?“

Christoph Hollender

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