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„Wir weinen alle viel“: Familie entkommt Ukraine-Krieg – und bangt um Angehörige

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Von: Josef Ametsbichler

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Eine Familie hält zusammen: Alla und Oleksander Budnichenko aus Ebersberg (vorn sitzend mit Tochter Solomia, 10) haben ihre erweiterte Familie aus der Ukraine bei sich aufgenommen.
Eine Familie hält zusammen: Alla und Oleksander Budnichenko aus Ebersberg (vorn sitzend mit Tochter Solomia, 10) haben ihre erweiterte Familie aus der Ukraine bei sich aufgenommen. Auf dem Bild (hinten v. li.): die Bagdasaryans – Natalia (30), Alisa (10), Roman (6), Artur (41) – und die Kushnirs – Anna (17), Oksana (43), Nikita (9) und Andrij (48).  © Stefan Roßmann

Acht Ukrainer hat Familie Budnichenko aus Ebersberg bei sich aufgenommen. Heute werden es zwei mehr. Alle unter einem Dach vereint. Sie bangen um Freunde und Verwandte in der Heimat.

Ebersberg – Sie sitzen da, auf dieser Couch in einem Ebersberger Wohnzimmer, und halten sich aneinander fest. Natalia und Artur Bagdasaryan mit ihren Kindern Alisa (10) und Roman (6), Oksana und Andrij Kushnir mit Nikita (9) und Anna (17). Bis auf die 17-Jährige, die in Frankfurt an der Oder studiert, sprechen sie kein Deutsch. Die ausgeweinten, übermüdeten Augen sagen aber alles. „Alisa weint jetzt immer mehr, still, in der Ecke“, sagt Alla Budnichenko (39) über ihre zehnjährige Nichte. „Wir weinen hier alle viel.“

Ukraine-Krieg: Familie im Urlaub, als Russland einmarschiert - Nun können sie nicht zurück

Alla und Oleksander Budnichenko, sie Software-Spezialistin, er Logistiker, leben schon viele Jahre in dem Haus in einem ruhigen Ebersberger Wohnviertel. Nun beherbergen sie die Familie der Schwester von Alla Budnichenko – und die ihres Cousins. Erstere, die Bagdasaryans aus dem mittlerweile von Putins Armee belagerten Kiew, waren zufällig im warmen Süden im Urlaub, als die russische Armee in ihre Heimat einmarschierte. Sie besitzen nur noch die Sommerkleidung aus ihren Koffern.

Ukraine-Konflikt: Straßenkämpfe und Tote in Heimat Cherson

Zweitere, die Kushnirs, haben sich aus Cherson an der Schwarzmeerküste, ein Stück nördlich der längst annektierten Halbinsel Krim, in Sicherheit gebracht. Internationale Medien melden inzwischen Straßenkämpfe mit Toten aus der strategisch wichtigen Hafenstadt. Andrij Kushnir durfte nur ausreisen, weil er georgischer Staatsangehöriger ist und deshalb nicht zur ukrainischen Armee eingezogen wurde.

Die acht Menschen konnten dem Krieg entkommen, bevor die Bomben einschlugen. Anders geht es einer Freundin von Alla Budnichenko, die sich mit ihrem 13-jährigen Sohn von Kiew bis Warschau durchschlagen konnte und am heutigen Donnerstag in Ebersberg ankommen soll, erzählt die 39-jährige Gastgeberin: „Da ist das Trauma groß“, das habe sie am Telefon gemerkt.

Ukraine-Krieg: Banges Warten auf Nachrichten von Freunden und Verwandten

Das Smartphone ist Unruhestifter und Seelentröster zugleich. Seit dem russischen Einmarsch am 24. Februar prasseln die Nachrichten auf die Familien-Chatgruppe der Budnichenkos ein. Wo steht die russische Armee? Welche Orte sind besetzt und wo schlagen die Bomben ein? Was machen die Freunde und Verwandten, die auf der Flucht in den Westen sind? Wie geht es den Eltern, die nicht fliehen wollten?

Ein Bild aus der Heimat, empfangen per WhatsApp: Panzer der ukrainischen Armee nahe Tschernobyl.
Ein Bild aus der Heimat, empfangen per WhatsApp: Panzer der ukrainischen Armee nahe Tschernobyl. © Stefan Roßmann

Eltern fliehen nicht aus Ukraine - jetzt sitzen sie im Kriegsgebiet fest

„Wenn ich zwei Stunden nichts höre, bekomme ich Panik“, sagt Alla Budichenko. Ihre Eltern leben in Ivankiw, einem Ort zwischen Tschernobyl und Kiew, etwa so groß wie Ebersberg, erzählt sie. Auf der Verbindungsstraße nach Norden ins nahe Belarus rollen die Militärkonvois. Russische Truppen hätten den Pfarrer im Ort kaltblütig erschossen, zwischenzeitlich seien weder Strom noch Wasser aus der Leitung geflossen, Handyempfang nur auf dem ungeschützten Dach. Außer zum Telefonieren bleiben die Eltern viel im Keller. Budnichenkos Bruder aus Kiev sei bei der Armee, zum Glück ein Stück hinter der Front.

Ukraine-Krieg: Anschein von Normalität in Ebersberg - wäre da nicht der Blick in aller Augen

Das alles scheint in Ebersberg weit weg. Am gestrigen Mittwoch, nach dem Besuch der EZ, gibt es Spaghetti mit selbst gemachter Bolognese-Sauce für die ganze Familie. Auf dem Wohnzimmerboden liegt ein angefangenes Monopoly-Brettspiel. Normalität, wenn da nicht dieser Blick in aller Augen wäre. Und das Aneinanderklammern. „Die Menschen brauchen jemanden, den sie umarmen können“, sagt Alla Budnichenko. „Wir haben einen starken Familienzusammenhalt.“

Bei ihrer Schwester Natalia ist die Wut auf das Nachbarland Russland gewaltig. „Das ist ein Genozid gegen unser Land“, übersetzt Budnichenko. „Mit welchem Recht?“ Und Oksana, die Frau ihres Cousins Andrij, sagt auf Ukrainisch über den Einmarsch: „Es gibt nur noch ein Davor und ein Danach bei uns.“ Die Bäckerei der Familie, das Haus, die Schulfreunde der Kinder – alles weg. Wiedersehen? Ungewiss.

Ukraine-Konflikt: Wut auf Russland, Dankbarkeit für Unterstützung im Westen

Immer wieder vibrieren im Wohnzimmer die Handys. Mal lösen die Nachrichten einen kleinen Jubelschrei aus, wenn sich jemand aus der Verwandtschaft in Sicherheit bringen konnte, mal fließen Tränen, wenn es um die Gefechte in der Heimat und das russische Vorrücken geht. Immerhin hat Natalia Bagdasaryan nach anfänglich großen Zweifeln inzwischen das Gefühl: „Die Welt steht hinter uns.“

Die Sanktionen des Westens zeigten Wirkung, finden die Ukrainer. Anfangs habe großes Unverständnis über die Deutschen geherrscht, das anfängliche Blockieren von Waffenlieferungen und Russlands Ausschluss aus dem Swift-Zahlungssystem. „Ihr verteidigt damit euch selbst“, sagt Oksana Kushnir. „Die Ukraine hält die Stellung für ganz Europa“, mahnt die 43-Jährige.

Ukraine-Konflikt: Nachbarn und Freunde in Ebersberg helfen, wo sie können

Alla Budnichenko erzählt, dass bei der ganzen Familie auch immer wieder die Tränen fließen, wenn es an ihrer Ebersberger Haustür klingle. Dann aber vor Rührung: Die Hilfsbereitschaft aus der Nachbarschaft und dem Freundeskreis im Landkreis Ebersberg sei überwältigend – die Leute brächten Kleidung oder selbst gekochtes Essen vorbei.

Ein Nachbar lasse einen Teil der Familie bei sich übernachten, damit bei den Budnichenkos nicht die Platzangst ausbricht. „Wir müssen jetzt zusammenhalten“, sagt Alla Budichenko. Dann bricht ihre Stimme, als sie einen Satz ihrer Schwester übersetzt: „Bis wieder Frieden ist und wir unser Zuhause und unser Land wieder aufbauen können.“

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