Sechs Personen im Zoom-Gespräch
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Ausschnitt aus dem Pressegespräch per Zoom: Gerd Nitschke, Knut Schweinsberg, Annette Schneider (oben v.li.), Susanne Böhm, Simone Fleischmann und Astrid Jahreiß (unten v.li.).

Situation an Schulen

Viel mehr Bürokratie, politisches Hin und Her - Lehrkräfte ziehen Corona-Bilanz: „Es ist ein Wahnsinn“

  • Armin Rösl
    vonArmin Rösl
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Viel Bürokratie und immer wieder neu organisieren: Lehrkräfte aus Ebersberg schildern, was die Politik in Corona-Zeiten von ihnen alles verlangt - und was sie nervt.

Landkreis – Mal Distanz-, mal Präsenz- und/oder Wechselunterricht – dieses ständige, manchmal kurzfristig von der Politik festgelegte Hin und Her steht für Schüler, Eltern und Lehrer seit einem Jahr auf dem Stundenplan. „Es ist ein Wahnsinn“, sagt Astrid Jahreiß, Konrektorin der Grundschule Karl-Sittler-Straße in Poing. Sie und weitere Lehrkräfte aus dem Landkreis Ebersberg haben in einer Videokonferenz des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) über Dinge aus dem Corona-Schulalltag, oder: -wahnsinn, berichtet.

Lehrkräfte aus dem Landkreis Ebersberg berichten über Mehraufwand hinter den Kulissen

Beispiel: Freitagnachmittag informiert die Schulleitung die Eltern, welche Regeln ab Montag gelten. Sowohl Familien als auch Schulen haben gerade mal ein Wochenende Zeit, um sich einmal mehr neu zu organisieren. Eltern fragen sich, warum die Schule erst am Freitagnachmittag daher kommt. Susanne Böhm hat darauf eine Antwort: „Die kultusministeriellen Schreiben kommen häufig erst am Freitag“, berichtet die Leiterin der Mittelschule in Grafing und blickt dabei alles andere als glücklich und zufrieden drein. Die Schulen, so Böhm, haben genau so wenig Zeit, sich auf die neuen Bedingungen einzustellen. Was sie nicht sagt, aber, deutet man ihren Blick richtig, denkt: ein Unding.

Der Aufwand für die Dokumentation der Corona-Schnelltests ist eine der größten Schwierigkeiten.

Susanne Böhm, Rektorin der Mittelschule Grafing

Anderes Thema: die Corona-Schnelltests. „Der Aufwand für die Dokumentation der Tests ist eine der größten Schwierigkeiten“, sagt Susanne Böhm. Jeder Test müsse dokumentiert werden, hinzu kommen Neubestellungen von Test-Kits und mehr. Viel bürokratischer Aufwand, den Schulleitungen und Lehrkräfte zusätzlich leisten müssen.

Doppelbelastung für Lehrkräfte, Schüler und Eltern

Astrid Jahreiß, Konrektorin der Karl-Sittler-Grundschule in Poing, bestätigt dies. Sie spricht von einem „riesigen Aufwand der Dokumentation“ und spricht dann jenen Satz aus, der aus ihrer Sicht die Gesamtsituation beschreibt: „Es ist ein Wahnsinn.“ Darin inbegriffen, fügt sie hinzu, ist die Doppelbelastung des Distanz- und Wechselunterrichts. Doppelbelastung für Lehrkräfte sowie für Kinder und Eltern. Das betonen alle Lehrerinnen und Lehrer bei dem einstündigen Pressegespräch immer wieder. Und: „Es ist unglaublich, wie toll die Kinder mit all dem umgehen.“ Insbesondere die Erstklässler, die die normale Schule ja gar nicht kennen.

In weiterführenden Schule sollte es zunächst ein halbes Jahr Probezeit geben.

Ingrid Schermann, Lehrerin und Mutter von drei schulpflichtigen Kindern

Aber, auch das sagen die Lehrkräfte: Langsam aber sicher gelangen alle ans Ende ihrer Kräfte, ans Ende der Motivation. Lehrer, Eltern, Schüler. Viele der Lehrerinnen und Lehrer kennen beide Seiten. Ingrid Schermann von der Anni-Pickert-Grundschule Poing zum Beispiel: Sie ist Mutter von drei schulpflichtigen Kindern und unterrichtet selbst eine 2. Klasse. Sie plädiert, wie alle anderen Lehrkräfte, dass die Politik die Corona-Krise als Chance nutzen sollte, das starre Schulsystem und die Lehrpläne generell zu überdenken: „Das muss alles flexibler sein.“ Mit Blick auf das nächste Schuljahr schlägt sie vor: „In weiterführenden Schulen sollte es zunächst ein halbes Jahr Probezeit geben.“ Um alle Schülerinnen und Schüler wieder auf den gleichen Stand zu bringen.

Corona hat den Lehrermangel kaschiert. Im September werden uns massiv Lehrer fehlen.

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann

Ob im neuen Schuljahr, ab September, der Schulbetrieb überhaupt wieder normal, im Präsenzunterricht, laufen wird? Die Lehrkräfte hoffen es. Wobei, sollte Corona bis dahin einigermaßen im Griff sein, werde ein altbekanntes Problem wieder aufscheinen, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann: der Lehrermangel. „Corona hat den Lehrermangel kaschiert. Im September werden uns massiv Lehrer fehlen.“ Sie spricht noch von einem weiteren altbekannten Problem, das durch Corona deutlicher geworden sei: Schulleitungen, die insbesondere in Grundschulen gleichzeitig auch Klassenleiter sind, fehlt schlichtweg die Zeit für Leitungsaufgaben. Mitsamt all der Bürokratie. Deshalb fordert Fleischmann von der Politik: „Wir brauchen mehr Leitungsstunden.“

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