Immer mehr alte Menschen arbeiten im Landkreis Ebersberg

Vom Rentner zum gefragten Mann

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Alte Menschen müssen einen Job annehmen, weil die Rente nicht reicht. Das ist die in vielen Fällen wohl begründete Meinung. Rentner arbeiten im Ruhestand weiter, weil ihre Fähigkeiten gefragt sind. Das ist der zweite, aber weniger geläufige Teil der Wahrheit.

Landkreis – Noch weniger bekannt ist hingegen, dass sich viele Rentner jenseits der 65 sogar noch selbstständig machen. „Inzwischen ist das jeder Zehnte, der uns aufsucht“, berichtet der Ebersberger Wirtschaftssenior Karlheinz Schmidt-Roepke. Er hilft beim Sprung in die Selbstständigkeit.

Die Ebersberger Wirtschaftssenioren, das sind die Diplom-Kaufleute Schmidt-Roepke und Manfred Büche, der Bankkaufmann Wolfgang Brinkmann und der Wirtschaftsberater Maximilian Meyer. Jeden ersten Dienstag im Monat, von 10 bis 17 Uhr, kann man sie im Landratsamt Ebersberg in allen Fragen der Selbstständigkeit nach vorheriger Terminvereinbarung um Rat fragen. Die Klientel kommt aus den Landkreisen Ebersberg, Rosenheim, aber zunehmend auch aus München und dem Landkreis München, berichtet Schmidt-Roepke. Der 77-Jährige war früher für die Münchner Aktiv-Senioren tätig, zu seiner aktiven Zeit Mitglied der deutschen Olympia-Rudermannschaft und verfügt über gute Kontakte zu Investmentfirmen. Vier Rentner, die ihn aufsuchten, hat er schon als Beiräte in Unternehmen vermitteln können. „Sie hatten im Berufsleben leitende Funktionen bei Banken“, berichtet der Wirtschaftssenior.

„Oft sind es Rentner, die ihr Hobby zum zweiten Beruf machen“, schildert Sonja Gehring, die Betriebswirtschaftliche Beraterin der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern Aktivitäten einer Klientel, die längst das Ruhestandsalter erreicht hat. Auch sie bestätigt, was Schmidt-Roepke feststellt: „Etwa zehn Prozent“ derjenigen, die sich selbstständig machen wollen und dazu bei den Wirtschaftssenioren um Rat nachfragen, seien bereits im Ruhestand. Der älteste sei bereits 78 Jahre alt gewesen und habe eine selbstständige Tätigkeit „im Lebensmittelbereich“ aufgenommen.

Oft seien es sogar die Firmen selbst, so berichtet Gehring, die die Rentner animieren würden, sich selbstständig zu machen nach dem Motto: „Wenn du im Ruhestand bist, könntest du eigentlich diesen Auftrag übernehmen.“ Rentner würden ebenfalls gerne zur Verwirklichung von Projekten herangezogen. Ein Vorteil: Das Thema Sozialversicherung sei für sie nicht mehr relevant.

Schmidt-Roepke und seine Teampartner engagieren sich seit zehn Jahren als Berater und haben eigener Auskunft nach in dieser Zeit „bestimmt schon 1000“ Personen geholfen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen – auch vielen Rentnern aus dem Münchner Osten.

„Im Handwerk gibt es solche Fälle ebenfalls, aber bei Weitem nicht jeder zehnte“, sagt Christoph Molocher, der für die Handwerkskammer München und Oberbayern Existenzgründer berät. „Vielleicht einer von 50“, präzisiert er, kennt aber tatsächlich Fälle aus der Sanitärbranche und der Metallverarbeitung.

Warum Rentner als Selbstständige im Handwerk eher die große Ausnahme sind, weiß Brigitte Schöpperle von den Unternehmerfrauen im Handwerk. Sie berät Unternehmerinnen und Partner von Unternehmen ebenfalls bei der Existenzgründung, sagt aber: „Ich hatte noch keinen einzigen solchen Fall.“ Den Grund dafür erkennt sie in der guten, konjunkturellen Lage. Die Handwerksbetriebe suchten händeringend nach Leuten. „Da kann keiner sagen, er findet keine Stelle.“ Das wiederum habe Auswirkungen auf die finanziellen Förderungen. Wenn der Arbeitsmarkt so leer gefegt sei, gebe es nicht so schnell eine staatliche Unterstützung für diejenigen, die sich selbstständig machen wollen.

Rubriklistenbild: © dpa / Jens Wolf

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