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Ein Fall mit Strahlwirkung: Eine Solarstromanlage, auf dem Dach jetzt mit weißer Plane, blendet einen Nachbarn, sagt dieser. Mirjana Simic und Klimaschutzmanager Hans Gröbmayr sind ratlos und suchen nach Lösungen.

Weil sich ein Nachbar geblendet fühlt

Wahnsinn! Ebersberger Familie muss Photovoltaikanlage abdecken

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Es ist eine beschauliche Gegend in Ebersberg, Doppelhaushälften, Vorgärten, Natur. Auf einem der Dächer eine Photovoltaikanlage. Doch die friedliche Stimmung trügt, die Anlage sorgt für Ärger.

Ebersberg -  Von vorne: Weil eine Photovoltaikanlage auf dem Dach von Familie Simic einen Nachbarn in seiner schräg gegenüberliegenden Wohnung blendet, wehrt sich dieser. Er klagt. Ein Gutachten attestiert eine Blendung, vor Gericht bekommt er Recht. Familie Simic muss Abhilfe schaffen. Die „Blendwirkung ist zu beseitigen“ steht im Urteil des Landgerichts München, rechtskräftig seit Herbst 2016. Daher die Plane.

Der Fall sorgt für Wirbel – im Landkreis Ebersberg und darüber hinaus. Wilfried Klein, der sich von der Solarstromanlage gestört fühlt, sagt unserer Zeitung, dass er „massiv geblendet“ werde, wenn die Sonne auf die Solarmodule scheint. In Arbeitszimmer, Treppenhaus, Esszimmer und auf den Balkon würden die Sonnenstrahlen reflektiert, zum Teil so stark, dass er die Augen schließen müsse, weil es schmerze. Auf der Treppe bestehe „Sturzgefahr“.

Alles beginnt 2013. Familie Simic ist glücklich, sie bekommt eine Photovoltaikanlage auf das Dach ihrer Doppelhaushälfte, Kostenpunkt: 10 000 Euro. Leistung im Jahr: etwa 4600 Kilowattstunden, so viel wie ein Einfamilienhaus benötigt. Der erzeugte Strom wird zum Teil selbst verbraucht, zum Teil in das Stromnetz eingespeist. Eine ortsübliche und reguläre Anlage, sagt Mirjana Simic. Es sei ein gut gemeintes Projekt gewesen, ein Investment für die Zukunft, für den Klimaschutz und die Energiewende.

Nachbar dokumentiert Blendzeiten

Eigentlich toll, betont der Klimaschutzmanager des Landkreises Ebersberg, Hans Gröbmayr. Eigentlich. Aber Nachbar Wilfried Klein behauptet, dass er in seiner knapp 30 Meter entfernten Wohnung von Anfang an beeinträchtigt wurde. Klein hat über Monate die Blendung und die Blendzeiten dokumentiert.

In einem Gutachten, das der Ebersberger Zeitung vorliegt, heißt es, dass Grenzwerte zum Teil stark überschritten werden. Und: Von Anfang März bis Ende April und von Mitte August bis Anfang Oktober würde – wegen des Sonnenstandes – es um die Mittagszeit für bis zu 75 Minuten zu Blendreflexionen komme. „Jeder, der die Blendwirkung gesehen hat, versteht das Problem“, sagt Klein.

„Worst-Case-Betrachtung“

Aber: In dem Gutachten heißt es weiter, dass eine „Worst-Case-Betrachtung“ ermittelt worden sei, also die schlimmsten anzunehmenden Werte, und dass für die Bewertung, ab wann die Intensität einer Blendung unzumutbar sei, keine „gesetzlichen Grundlagen“ bekannt seien, sondern nur Erfahrungswerte.

Dass es eine physiologische Beeinträchtigung durch eine Blendung gibt, also ein zum Teil schmerzliches Gefühl in den Augen, bestätigt Andreas Horn, Solarfachplaner und Vorsitzender des Vereins Sonnenkraft-Freising.

Doch die im Gutachten erwähnte Blendzeit würde so gar nicht eintreten, weil nicht jeden Tag die Sonne scheint. Und weil es nur ein paar Wochen im Frühjahr und Herbst betreffe, in der der Reflexionswinkel der Solaranlage in die Fenster von Herrn Klein falle, sagt Horn. Die im Gutachten erwähnten Blendzeiten seien wesentlich geringer.

Für Mirjana Simic ist das die Krux. Aus ihrer Sicht ist es eine Frage der Verhältnismäßigkeit, schließlich gehe es um nur einige Wochen im Frühjahr und Herbst – und dann nur um einige Minuten um die Mittagszeit, in der die Anlage blende. Dagegen gleich zu klagen, hält sie für übertrieben. Gespräche vor der Verhandlung beider Parteien habe es wenige gegeben.

Heinrich Hufnagel, Mitglied des Arbeitskreises Energie im Landkreis Ebersberg, kennt den Fall. Er findet deutliche Worte: Über die Werte des Gutachtens, ab wann einen Blendung nicht mehr zumutbar sei, ließe sich streiten. Es gebe Grenzwerte, die wesentlich höher lägen, im Gutachten seien eher Werte im unteren Bereich angesetzt.

„Klage ist schäbig“

Entscheidend für Hufnagel, der das Gutachten vorliegen hatte: Es sei „kein transparentes Gutachten“ – vor allem was bestimmte Messwerte betreffe. Für einen Richter sei eine Entscheidung daher schwer, gerecht sei das Urteil nicht, so Hufnagel, selbst Ingenieur.

Dass Wilfried Klein Familie Simic verklagt hatte, versteht er nicht und schüttelt den Kopf. Das sei schäbig, sagt er. Er gibt Mirjana Simic Recht. Es habe etwas mit Verhältnismäßigkeit zu tun. „Es gibt Jalousien, die Herr Klein benutzen kann.“ Und geblendet werde jeder einmal, wenn er draußen ist, davon „fällt niemand tot um“. Das Landratsamt kritisiert Hufnagel ebenfalls. Dieses hätte mehr für Familie Simic in die Bresche springen müssen.

Hans Gröbmayr von der Energieagentur Ebersberg (eine Einrichtung des Landkreises) sagt, der Fall dürfe nicht Schule machen. Solarstrom sei etwas Gutes, jeder könne damit einen kleinen Beitrag für die Energiewende leisten – bis 2030 will der Landkreis frei von fossilen Energieträgern sein. Das Urteil sei nicht lustig, es sei ein Schlag in das Gesicht der Energiewende. In Zukunft will er Hausbesitzer, die eine Photovoltaikanlage bauen, hinweisen, vorher zu prüfen, ob sie Nachbarn störe. Wilfried Klein rät auch er, die Jalousien zu benutzen, anstatt zu klagen. Sogar im Blendgutachten werde das empfohlen. Es heißt darin: „Die Störwirkung kann durch Sonnenschutz gemindert werden.“

„Vetreter der Solarlobby“

Klein sieht das anders. Es sei für ihn keine Lösung, ständig die Jalousien rauf und runter zu machen. Gröbmayr halte er für einen „Vertreter der Solarlobby“, deshalb leugne der Klimaschutzmanager die Probleme. Und: Der Staat prüfe zu wenig, wer wo solche Anlagen aufbaut.

Mit der abgedeckten Anlage ist der Kläger nicht zufrieden. Die Auflage, die Blendwirkung zu beseitigen, sei bis heute nicht restlos passiert, sagt er. Aus seiner Sicht blende auch die Plane. Es gebe immer noch eine „Reststörung“. Sollte die nicht behoben werden, müsse das „Problem“ gerichtlich zwangsweise beseitigt werden.

Familie Simic will das nicht kommentieren. Einen erneuten Rechtsstreit will sie verhindern, die finanziellen Mittel seien begrenzt, der erste Rechtsstreit hat sie knapp 20 000 Euro gekostet. Mirjana Simic sagt, sie sei enttäuscht, wie ihr Nachbar reagiert. Sie will, dass der Fall öffentlich wird und zeigen, wie ein kleiner Beitrag zur Energiewende scheitert – wegen einer „Reststörung“.

Die Photovoltaikanlage liefert durch die Plane nahezu keinen Strom. Simics überlegen, die Module zu verkaufen. Eine andere Lösung bringt Solarfachmann Horn ins Spiel. Die Anlage könnte aufgestellt, also die Module etwas angehoben werden. Dadurch würde die Blendung über der Haus des Nachbarn gehen und das Urteil des Gerichts erfüllen. Sagt er.

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