Horrorvorstellung: Die Darstellung ist eher schematisch, verdeutlicht aber das Szenario, mit dem die Gegner der Windenergieanlagen im Ebersberger Forst mobil machen.

Windenergieanlagen im Ebersberger Forst polarisieren Bürger

Der unberechenbare Bürger

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Wenn es um den Ebersberger Forst geht, wird die öffentliche Diskussion schnell hitzig.

Landkreis – Wirtschaftsfläche, Wasserschutzzone, Naherholungsgebiet, grüne Lunge im Münchner Osten, Heimat vieler seltener Tierarten – oder nur Projektionsfläche für eine heile Welt und eben doch eine zuletzt arg hitzegestresste Fichtenmonokultur, wie Kritiker argumentieren. Was stimmt?

Eines steht fest: Der Forst muss vielen Ansprüchen gerecht werden, nicht nur klimatischen. Jetzt ist in der öffentlichen Diskussion seit geraumer Zeit ein neuer Anspruch dazugekommen: Der Wald als mögliches Windenergiereservoir. Da werden Emotionen wach und sie werden auch geschickt genutzt – von allen Akteuren. Die Fronten formieren sich bereits.

Es kann jede Menge politischer Schaden entstehen

Die Politiker im Landkreis Ebersberg, allen voran Landrat Robert Niedergesäß (CSU), haben Respekt vor diesem Thema. Zu unberechenbar ist die mögliche, öffentliche Reaktion auf das Vorhaben, zur Erzeugung von regenerativer Energie Windräder in den Wald zu stellen. Da kann jede Menge politischer Schaden entstehen. Die Standortdiskussion ist aber bereits im Gang, die Rochade der fünf Türme hat begonnen. Ein sechster wurde gestrichen, die Anlagen vom Westrand her weiter in den Wald gerückt. Konkret fest steht jedoch noch nichts.

Sind die Ziele realistisch?

Wenn der Landkreis an seinem Ziel festhalten will, bis zum Jahr 2030 frei von fossilen und anderen endlichen Energieträgern zu werden, kann nicht auf Windkraftwerke verzichtet werden. So argumentiert Klimaschutzmanager Hans Gröbmayr. Ist das Ziel realistisch? Bislang hält der Kreis an diesem Vorhaben fest, es bleiben zwölf Jahre Zeit, das ist nicht viel. Am Ende wird es eine politische Entscheidung werden. Und weil sich die niemand ans Bein binden lassen will, hat Niedergesäß im November vergangenen Jahres einen Bürgerentscheid auf Kreisebene ins Spiel gebracht. Das war der Startschuss für Initiativen, sich in Position zu bringen. Der Kampf hat also bereits begonnen. Im Gespräch war schon ein Termin zur Europawahl 2019.

Nieder mit dem Forst

„Nieder mit dem Forst“ betitelt eine gemeinsame Initiative einen Flyer provokativ, der dieser Tage in den Briefkästen der Landkreisbürger lag, verbunden mit der Aufforderung zu unterschreiben. „33 Windkraftanlagen – Ist der Forst bald ein gigantischer Windpark?“ wird darin ein Horrorszenario dargestellt. Eine Online-Petition haben bereits 3128 Unterstützer aus dem Landkreis Ebersberg unterzeichnet (Stand Montagmittag, 20. August). „Hände weg vom Ebersberger Forst“, heißt es darin plakativ. Es geht um die Umfahrungsstraße von Forstinning und die Windanlagen im Wald gleichermaßen.

„Eine exorbitante Bedrohung für das Landschaftsschutzgebiet“, argumentieren die Gegner eines Eingriffs in die Waldfläche. Der Initiative angehörig sind die Schutzgemeinschaft Ebersberger Forst, der Verein Landschaftsschutz Ebersberger Land, der Landesbund für Vogelschutz im Landkreis Ebersberg und die Bürgerinitiative St 2080 Schwaberwegen und Moos.

Zauberwort ist das „Zonierungskenzept“

Zur Erinnerung: Als es vor Jahrzehnten um den Totalabschuss des Wildes im Forst ging, kamen binnen Kurzem 28 600 Unterschriften von Bürgern aus dem Landkreis Ebersberg gegen dieses Vorhaben zusammen. Das Resultat des geballten Protestes ist für jedermann heute noch sichtbar der Wildzaun durch den Park, der Unfälle mit Reh, Wildsau und Co. verhindert. Da war sie wieder, die Welle der Wut, ähnlich der, die sich erhob, als vor vielen Jahren der Wald einem Teilchenbeschleuniger geopfert werden sollte. Auch daraus wurde nichts, die Forschungsanlage wurde später in der Schweiz gebaut.

Aus Sicht des Klimaschutzmanagements „gebührt dem Ebersberger Forst jeder erdenkliche Schutz“, hieß es im Mai in einer Sitzungsvorlage für den Umweltausschuss des Landkreises. Gröbmayr holte aber ein bisschen weiter aus: „Der Schutzzweck der Erhaltung der Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes wird nicht durch fünf Windräder gefährdet, sondern vielmehr durch ein Misslingen der lokalen Beiträge zur Energiewende und demzufolge ein Verfehlen der Klimaschutzziele von Paris und daraus resultierend eine Klimaerhitzung von mehr als 1,5 Grad.“ Das Argument, eine Rodung von 0,03 Prozent der Waldfläche zugunsten von sauberer Energie würde die Geschlossenheit des Forstes gefährden, „trifft nach gutachterlichen Stellungnahmen nicht zu“. Das Zauberwort ist dabei das „Zonierungskonzept“, ein rechtlicher Kniff, mit dem in Schutzgebieten konkret Windenergieanlagen realisiert werden sollen.

Gefahr für Fledermaus und Schwarzspecht

Die Gegner freilich argumentieren: „Durch eine Zonierung soll unser Forst in wichtige und unwichtige Bereiche eingeteilt werden, um dadurch Wirtschafts- und Industriebaumaßnahmen wie Umgehungsstraßen und Großwindanlagen im Wald zu ermöglichen.“ Sie verweisen auf die Gefahren für Fledermaus, Schwarzspecht und Co., die an den Rotorblättern zugrunde gehen würden und sprechen im Zusammenhang mit der „beschlossenen Umfahrung der St 2080 durch den Ebersberger Forst“ emotional von einem „ersten Schritt für den Untergang des Wahrzeichens des Landkreises Ebersberg.“

Für Gröbmayr hat das Vorhaben hingegen eine viel größere Tragweite. „Eine Entscheidung pro Windkraft im Ebersberger Forst könnte auch den Mut der Kommunalpolitiker fördern, auch in 10H-Gebieten über eine mögliche Ausweisung von Bebauungsplänen nachzudenken. Eine negative Entscheidung würde das mit Sicherheit verhindern“, argumentiert das Klimaschutzmanagement.

Bislang gibt es nur eine vergleichbare Anlage und das ist das Windrad in Hamberg. Die Strommenge reicht rechnerisch für 1000 Haushalte. Auch dort waren die Widerstände enorm, samt beschrittenem Klageweg. „Die Befürchtungen hinsichtlich Lärm und weiterer vermuteter Beeinträchtigungen haben sich in der Praxis im wahrsten Sinne des Wortes in Luft aufgelöst“, wurde in der Tischvorlage den Mitgliedern des Umweltausschusses mitgeteilt. Unabhängig von fossilen Energieträgern – das geht nur, wenn neben Einsparzielen auch regenerative Ausbauziele erreicht werden, argumentiert der Klimaschutzmanager. „Dafür sind die Windräder im Ebersberger Forst ein entscheidender Meilenstein.“

In der Printausgabe der Ebersberger Zeitung vom Dienstag, 21. August, finden Sie einen Kommentar zu diesem Thema.

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