Showdown im Ebersberger Forst: Thomas von Sarnowski und Kerstin Mertens sind beides Umweltschützer. In der Windrad-Debatte aber kommen sie nicht zusammen.
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Showdown im Ebersberger Forst: Thomas von Sarnowski und Kerstin Mertens sind beides Umweltschützer. In der Windrad-Debatte aber kommen sie nicht zusammen.

Wald soll geopfert werden, um das Klima zu retten?

Windkraft-Krise im Ebersberger Forst

  • Josef Ametsbichler
    VonJosef Ametsbichler
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Ein Münchner Investor will im Ebersberger Forst, einem der größten Waldgebiete Süddeutschlands, fünf Windkraftwerke bauen – jedes gut 250 Meter hoch. In der Region tobt nun ein Glaubenskrieg: Darf man Wald opfern, um das Klima zu retten? Am Sonntag endet der laufende Bürgerentscheid. Das Votum könnte Folgen für ganz Bayern haben.

Ebersberg – Was dem Garmisch-Partenkirchener die Zugspitze, dem Freisinger der Domberg und dem Starnberger sein See, ist dem Ebersberger sein Forst: Lunge, Herz und Seele eines Landkreises, der in den 1970ern bei der bayerischen Gebietsreform fast verschwunden wäre. Der Landkreis Ebersberg muss ohne überregional bekannte Seen auskommen, ohne identitätsstiftende Berge, Schlösser oder Tropfsteinhöhlen. Dafür hat er einen richtig bärigen, großen Wald. Der Ebersberger Forst trennt den Landkreis in Nord- und Südteil und hält ihn gleichzeitig im Innersten zusammen.

Im Westen des Forsts sollen die Windräder entstehen. Die Grafik zeigt auch Purfing.

„Das grüne Herz im Osten Münchens“ – so bewirbt das Landratsamt den Forst in Broschüren. Und mitten in dieses 9000 Hektar große Herz hinein plant das Münchner Ökostrom-Unternehmen „Green City Energy“ fünf Windkraftanlagen. Rund 1,5 Hektar Wald müssten dauerhaft weichen. Die Anlagen kämen auf rund 170 Meter Nabenhöhe, die Rotorblätter strecken sich dann auf bis zu 250 Meter Gesamthöhe. Nach aktuellem Stand der Technik – die Anlagen werden mit jeder Entwicklungsgeneration höher.

Plan: Fünf Windkraftanlagen im „grünen Herz im Osten Münchens“

Für die Gegner wäre ihr Bau ein Dolchstoß, für die Befürworter eine notwendige Spritze gegen den Klimawandel, der den Wald bedroht. Rund sechs Prozent des Gesamtenergiebedarfs im Landkreis sollen die fünf Windräder 2030 decken, jährlich 40 bis 45 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen.

Zwei Gesichter der unversöhnlichen Lager sind Thomas von Sarnowski, 33, Kreisrat, seit Kurzem Chef der bayerischen Grünen, und Kerstin Mertens, 61, Vorsitzende des Vereins „Schutzgemeinschaft Ebersberger Forst“. Er will die Rotoren unbedingt haben. Sie will sie unbedingt verhindern.

Unsere Kinder   werden sich nicht beschweren, dass wir zu viele Windräder gebaut haben. Sie werden sich beschweren, wenn wir nicht endlich entschlossen den Klimaschutz anpacken.

Thomas von Sarnowski

Ortstermin: Kaum hat sich von Sarnowski auf der staubigen Forststraße nahe der geplanten Baustellen vom Rad geschwungen, geraten Mertens und er sich in die Wolle. Blinder Aktionismus, Falschbehauptungen, Überdramatisierungen: Die Vorwürfe fliegen hin und her. Sie fürchtet um die Abendsegler-Fledermaus und den Wespenbussard, er fürchtet um das sich aufheizende Weltklima, das dem Ebersberger Forst ohnehin den Garaus mache, wenn nicht schnell etwas passiert.

„Wald und Wind schließen sich nicht aus“, sagt Heinz Utschig, Chef der Staatsforsten in Wasserburg.

„Wird der bestehende Schutz auch nur teilweise aufgehoben, folgen weitere Baubegehrlichkeiten“, sagt Mertens, die den Forst als Oase für Menschen, Tiere und Pflanzen verteidigt. „Am Ende bleibt ein wertloser Flickenteppich.“ Von Sarnowski argumentiert: „Nur mit Klimaschutz erhalten wir die Artenvielfalt auf der Welt, aber auch im Forst selbst.“ Und: „Ein Windrad bindet dort binnen 20 Jahren das Tausendfache an CO2 wie Wald auf der gleichen Fläche.“

Am kommenden Sonntag endet der Bürgerentscheid, der ausschließlich per Briefabstimmung erfolgt. Nervös sind hinter den Kulissen alle, selbst aufmerksamste Beobachter trauen sich keine Wette aufs Ergebnis.

Es ist ein Konflikt, der im Landkreis Ebersberg seit Jahren schwelt. Gegner wie Befürworter plakatieren wie bei einer Kommunal- oder Bundestagswahl. Mehr oder weniger bekannte Wald- oder Wind-Aktivisten aus der ganzen Republik versuchen, ihre Meinung zu platzieren. Es laufen Beschwerden gegen den Bürgerentscheid bei der Regierung von Oberbayern und bei der EU-Kommission.

Für Bau der fünf Rotoren gibt es eindeutige Kreistagsmehrheit

Die politische Lage ist klar: Von der CSU bis zu den Grünen unterstützt eine eindeutige Kreistagsmehrheit den Bau der fünf Rotoren, dagegen sind nur Bayernpartei und AfD. Und dass der Bauernverband gemeinsam mit Fridays For Future, Bund Naturschutz, Grünen und Linken auf denselben Plakaten zu finden ist, dürfte eine einmalige Angelegenheit sein. Trotzdem war das Thema den Ebersberger Politikern zu heiß, um es einfach mehrheitlich durchzudrücken. Der Ebersberger Forst ist halt nicht irgendein Wald.

In den 1960ern bekamen das schon die Planer des unterirdischen Teilchenbeschleunigers CERN zu spüren, der schließlich in der Schweiz gebaut wurde (siehe Kasten). Aus dem Protest ging auch die Schutzgemeinschaft hervor, die nun um Kerstin Mertens gegen die Windräder kämpft. Und es ist wahrscheinlich, dass der Streit im Falle eines Bürgervotums für die Windräder die Gerichte beschäftigen wird.

Der Ebersberger   Forst dient als gesunder Wald dem Ballungsraum München als Klimaschützer, Lebensraum für Tiere und Pflanzen, Trinkwasserreservoir und Oase der Erholung.

Kerstin Mertens

Sobald sich die Rotoren einmal drehen, werde sich zeigen, dass viele Ängste sich nicht bestätigten, sagt Heinz Utschig. Er ist der Chef der Bayerischen Staatsforsten in Wasserburg (Kreis Rosenheim) und damit so etwas wie der Herr über den Ebersberger Forst, der zu seinem Revier gehört. Fragt man Utschig zu den Windkraft-Plänen, spricht er von zwei Seelen in seiner Brust. Finanziell würde sich der Bau für die Staatsforsten als Verpächter lohnen. Auch stünden bereits mehr als 100 erfolgreiche Rotoren auf Staatsforsten-Gebiet. „Wald und Wind schließen sich nicht aus“, sagt Utschig. Aber der Ebersberger Forst ist halt nicht irgendein Wald, auch nicht für den Staatsforsten-Chef. Der Bau der Windräder bedeute einen Eingriff ins Ökosystem, wo zuvor keiner war, spricht es aus Utschigs zweiter Seele. „Ungestörtheit ist in einem Wald ein ganz großer Wert.“

Befürworter der Windkraft verweisen gern auf die Fichten-Monokulturen im Forst, eine Waldbau-Sünde aus der Nachkriegszeit, und auf die schachbrettartig durch den Wald geschlagenen Rückegassen. Die Gegner wiederum stellen den Forst gerne als Beinahe-Urwald hin. Klar ist: Die Staatsforsten verdienen ihr Geld mit dem Holz aus dem Forst und arbeiten seit Jahrzehnten daran, ihn in einen zukunfts- und klimawandeltauglichen Mischwald umzubauen. Und natürlich ist so ein Riesenwald, größer als der Chiemsee, den nur zwei asphaltierte Straßen durchqueren, ein Rückzugsort für Gelbbauchunke, Wildsau und Bechsteinfledermaus.

Das Foto zeigt eine Simulation, wie die Windräder von Purfing (Gemeinde Vaterstetten) aus zu sehen wären.

„Der Ebersberger Entscheid wird bayernweite Strahlkraft haben“ sagt Jens Mühlhaus, Chef von Green City Energy. „Weil im Freistaat nur sehr wenige Windkraft-Projekte auf der Tagesordnung stehen.“ Das liegt an Horst Seehofers 10-H-Regelung (zehnfache Windrad-Höhe Abstand zur Wohnbebauung), die 2013 für Windstille im Freistaat sorgte. Dabei gäbe es genug Investoren. Allein im Kreis Ebersberg gibt es einen ganzen Schwung solcher Windkraft-Planer, die mehr oder weniger diskret mit den Hufen scharren. Was wenige wissen: Per Gemeinderatsbeschluss könnte jede Kommune die 10-H-Regel kippen.

Der Ebersberger Entscheid ist für den ganzen Freistaat ein Stimmungstest: Was denken die Menschen wirklich in diesem Bayern, in dem sich kaum ein Windrad dreht –während die Rotoren-Spargel anderswo gleich parkweise aus dem Boden sprießen? Wenn sie auch sonst streiten wie die Kesselflicker – immerhin in einer Sache sind sich Kerstin Mertens und Thomas von Sarnowski bei dem Treffen zwischen Fichten, Buchen und Kastanien einig: So bewusst haben die Menschen im Kreis Ebersberg seit Jahrzehnten nicht mehr über den Forst vor ihrer Haustür nachgedacht.

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