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Thomas Unkelbach steht zwischen seinen Kühen in seinem Stall in Hergolding. Er streut fein gemahlene Holzkohle, womit er die Gülle vor dem Ausbringen aufbereitet.

Bauern wieder sauer

Düngeverordnung: Deshalb regt sich im Landkreis Ebersberg Widerstand

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Jetzt wird‘s ernst: Neue Güllefässer werden in elf Monaten Pflicht. Manche Bauern machen nicht mit: „Ich fahre mein altes Güllefass, bis sie mich einsperren.“

Landkreis – Wird heute über Nitrat im Grundwasser oder Stickstoff-Emissionen diskutiert, ist schnell ein Hauptschuldiger gefunden. Landwirte. Die aktuelle Düngeverordnung (DüV) soll die Nitratbelastung im Grundwasser senken und Emissionen beim Güllen einbremsen. Mit Hightech-Güllefässern etwa. Kommendes Jahr werden sie Pflicht. Einige Landwirte sind gegen die Technik – und zeigen echte Alternativen auf.

Thomas Unkelbach steht zwischen seinen Kühen in einem Laufstall in Hergolding. Er trägt ein ausgefranstes Hemd, grüne Arbeitsjacke, weiße Kappe, Gummistiefel. Seine Augen sind himmelblau, glasklar. Mit seiner linken Hand trägt der 38-Jährige einen Eimer. „Fein gemahlene Holzkohle“, sagt der Landwirt, nimmt eine Handschaufel davon und streut es vor die Beine seiner Kühe.

Gülleaufbereitung mit Kohle, Bakterien und Gesteinsmehl

Unkelbach bereitet mit Kohle, Milchsäurebakterien und Gesteinsmehl seine Gülle auf. Es soll das Problem lösen.

Darum geht’s: Seit 2017 gilt eine umfassende Düngeverordnung. Eine Zäsur in der Landwirtschaft. Sie regelt akribisch genau wann, wo und wie viel Dünger auf die Felder ausgebracht werden darf. Ein Wahnsinn für Landwirte auf 46 Seiten.

Grund für das Ganze ist Ammoniak

Grund für das Ganze ist Ammoniak – NH3. Es entsteht, weil Ausscheidungen von Nutztieren Harnstoff und Eiweiß enthalten, die in Ammoniak umgewandelt werden. Der darin enthaltene Stickstoff ist wichtig für das Pflanzenwachstum. Gleichzeitig sorgt er auch für massive Emissionen, oder wird zu Ammonium, wenn er sich in Wasser löst. Dann kann er nach der Umwandlung zu Nitrat ins Grundwasser ausgewaschen werden.

Ein Passus in der DüV regelt die Ausbringtechnik. Bisher konnte Odel mit geläufigen Breitverteilern ausgefahren werden. Hier wird die Gülle an ein Blech gefeuert, und so großflächig auf das Feld verteilt.

Bisher konnte die Gülle mit geläufigen Breitverteilern ausgefahren werden. Das soll sich ändern.

Dabei werden große Mengen an Ammoniak in die Luft gesetzt, moniert der Gesetzgeber. Zu große Mengen. Mit bodennaher Ausbringung sollen die Emissionswerte weniger werden.

Ab 1. Februar 2020 Pflicht

Ab 1. Februar 2020 muss deshalb Dünger auf bestelltem Acker streifenförmig abgelegt oder direkt in den Boden gespritzt werden. Betriebe mit weniger als 15 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche sind von der Vorschrift ausgenommen. Das betrifft im Landkreis 394 Betriebe, so das Landwirtschaftsamt in Ebersberg.

Für die restlichen 555 Betriebe ist die bodennahe Ausbringung Pflicht. Dazu braucht es moderne Geräte. Meist mit Schleppschuh- oder Schleppschlauchtechnik. Das sind teils riesige, mehrachsige Güllefässer mit ausklappbarem Verteiler. Aus vielen kleinen Schläuchen wird die Gülle direkt auf den Boden gebracht oder in die Erde injiziert.

Gülleanhänger gibt‘s ab 85 000 Euro

Ein Gülleanhänger mit Schleppschuhtechnik und14 000 Liter Fass gibt’s ab 85 000 Euro. Ein heftiger Einschnitt für Bauern. Viele Landwirte nutzen die Technik aber bereits.

Neben verringerter Emissionen erhofft sich der Gesetzgeber weniger Gestank beim Ausbringen der Gülle. Die Gegner der bodennahen Ausbringung stören sich an verschiedenen Punkten: Bodenverdichtung, Futterverschmutzung, Nitrat- und Lachgasbelastung sind nur einige. Gegner: Das sind Umweltschützer und Landwirte.

„Die Aufregung unter den Bauern ist groß“, sagt Franz Lenz, Ebersbergs Kreisbauer. Die Fässer seien teuer, viele kleinere Landwirte könnten sich die Maschinen nicht leisten. Er hält die Vorschrift zur Ausbringtechnik als „nicht sinnvoll“.

Zwei Jahre Lieferzeit

Hinzu komme, sagt Anton Wieser, Geschäftsleiter von Wieser Landtechnik in Frauenneuharting, dass die neuen Güllefässer zwei Jahre Lieferzeit hätten. Viele Bauern müssten erst mal auf Lohnunternehmer zurückgreifen.

Ein möglicher Ausweg aus der Klemme könnte ein Absatz in der DüV sein: Düngemittel dürfen auch mit alternativen Methoden ausgebracht werden, „soweit diese anderen Verfahren zu vergleichbar geringen Ammoniakemissionen“ führen.

„Neue Güllewagen braucht es nicht“

Hier kommt die behandelte Gülle von Thomas Unkelbach aus Hergolding ins Spiel: Weil durch die Kohle in seiner Gülle Ammoniak, also die flüchtigen Stickstoffe gebunden seien, könnte der Odel mit herkömmlichen Güllewagen ausgebracht werden, sagt Unkelbach. Neue Güllewagen brauche es also gar nicht. Das Problem ist nur, das bisher nicht klar ist, welche alternative Verfahren vom Gesetzgeber anerkennt werden.

Ehemaliger Landwirt kritisiert Grafinger Schule

Robert Knöferl vom bayerischen Landwirtschaftsministerium sagt, dass Güllebehandlung als Alternative noch erforscht werden müsse. Das dauere mehrere Jahre. Ein Ersatz für Gülletechnik sei sie derzeit nicht.

Diese Bauern wurden wegen Düngen angezeigt.

Ortswechsel. Ebersberger Alm. Ein kalter Mittwochabend im Februar. Eine Hand voll bäuerlicher Verbände laden in einen großen Saal der Gaststätte. Viele Bauern aus der Umgebung sind gekommen. Der Raum ist voll.

„Den Landwirten oder der Natur bringe die Technik gar nichts“

Güllebehandlung könne nicht nur Ammoniak-Emissionen verringern, sagt Referent Johann Spitzl aus Straußdorf, sondern senke auch Nitrat im Grundwasser: Der Humusgehalt im Boden würde sich durch behandelte Gülle verbessern. An den kohlehaltigen Boden würde sich das wasserlösliche Nitrat heften, und so nicht ins Grundwasser gelangen. Von der neuen Gülletechnik würden nur Industrie und ihre Handlanger im Bauernverband profitieren. „Den Landwirten oder der Natur bringe die Technik gar nichts.“

Wie es weitergeht, bleibt offen. Milchbauer Unkelbach ist hartnäckig: „Ich fahre mein altes Güllefass, bis sie mich einsperren.“

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