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In den Kläranlagen im Landkreis Ebersberg landen viele Arzneimittelrückstände, die oft in die Fließgewässer gelangen. 

Filtermethoden in den Kläranlagen erst in der Erprobung

Arzneimittelcocktail im Abwasser macht Fische unfruchtbar

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Im Abwasser landen viele Rückstände von Arzneimitteln. - nicht nur, weil Pillen im Klo hinuntergespült werden. Jetzt soll systematisch nach diesen Stoffen gesucht werden.

Landkreis – Wenn der Schädel brummt, hilft meist ein Griff in die häusliche Pillenschachtel. Sollte es in den Gelenken zwicken, wird schnell ein Schmerzgel aufgetragen. Und schließlich ist das beliebteste Verhütungsmittel nach wie vor die Antibaby-Pille. Die Abbauprodukte dieses Medikamentencocktails landen im Abwasser und danach zum Teil in den Fließgewässern. Zum Nachteil für die Lebewesen im Wasser, aber auch zum Nachteil für die Menschen selbst.

Kläranlagentechnik ist nicht so weit

Die Kläranlagentechnik ist nicht so weit, als dass sie diese Stoffe alle ausfiltern könnte. Außerdem kommen immer wieder neue Wirkstoffe hinzu, so dass technisches Personal und Behörden gar nicht wissen, nach was sie eigentlich suchen sollen. Trotzdem wird das Abwasser bereits sehr gut überwacht, wie selbstverständlich auch das Trinkwasser. Allerdings sagt Hermann Büchner, der Leiter des Gesundheitsamtes Ebersberg: „Auf Hormone wird nicht regelmäßig untersucht, da wurden keine Parameter festgelegt.“ (Siehe auch Kasten).

Dass oft allerhand Exoten auftauchen, zeigt zum Beispiel ein Blick auf das Datenblatt einer Wasserversorgung. Difenoconazol, Rimsulfuron, Spiroxamin und Metamitron heißen zum Beispiel die Substanzen, die in der Untersuchung aufgeführt werden. Allesamt weit unter dem gesetzlichen Grenzwert, aber doch vorhanden. Oft sind es Pflanzenschutzmittel und Fungizide, und das wiederum darf als Beweis gelten, dass es Pfade von der Oberfläche ins Trinkwasser gibt und natürlich auch in die Oberflächengewässer.

„Wie pieseln nicht durch ein Sieb“

„Wir sind überall unter den Grenzwerten“, berichtet Anna-Maria Pätzold von der Grafinger Verwaltung und sie verweist dabei auf regelmäßige Trinkwasseruntersuchungen. „Aber wir pieseln alle nicht durch ein Sieb“, sagt sie zur Frage, wie Arzneimittelrückstände ins Abwasser gelangen. „Der Medikamentencocktail ist erheblich“, weiß der Erdinger Oberbürgermeister Max Gotz, der auch Vorsitzender des Abwasserzweckverbands Erding ist. Dem Verband angeschlossen sind aus dem Landkreis Ebersberg die Gemeinden Forstinning und Hohenlinden. Bei Proben würden nicht unerhebliche Anteile an Arznei-Wirkstoffen nachgewiesen, sagt Gotz „Vor allem handelt es sich um Substanzen aus Kopfschmerztabletten und Schmerzgel.“ Dazu Wolfgang Pfanzelt, Abteilungsleiter Betrieb beim AZV-Klärwerk in Eitting. „Klärmethoden dafür sind erst in der Erprobung, etwa der Einsatz von Aktivkohle.“ Die vierte Reinigungsstufe gibt es laut Pfanzelt bislang nur in Pilotversuchen – „aber noch nicht bei uns in Eitting“. Pfanzelt stellt nicht nur Schmerzmittel im Abwasser fest, sondern auch Rückstände der Antibabypille, berichtete der Erdinger Anzeiger aktuell. Das gereinigte Abwasser mit den Rückständen fließe in den Vorfluter, in Eitting ist das der Isarkanal. Gotz und Pfanzelt erklären, dass hier die Rückstände in den Kreislauf gerieten. „Die Fische nehmen das auf. Entweder werden sie gefangen und konsumiert. Oder sie sind Beute anderer Tiere. Auch Gänse und Enten fressen seinen Angaben zufolge Fische, wie auch Krebse, Kaulquappen und Laich – ein zweiter Weg direkt in die menschliche Nahrungskette.

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Leber der Fische wird geschädigt

Gotz berichtet, vor allem die Reste der Kopfwehtabletten könnten die Leber der Fische erheblich schädigen oder zu Organversagen führen. Pfanzelt ergänzt: „Die Wirkstoffe der Pille führen auch bei Fischen zu Unfruchtbarkeit.“ „Mikroverunreinigungen, wie Arzneimittel oder hormonwirksame Substanzen aus Abwässern von Krankenhäusern und Haushalten werden in den Kläranlagen nicht vollkommen eliminiert und können die Fischbestände auf lange Sicht beeinträchtigen“, bestätigt die bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft in ihrem Fischzustandsbericht von 2018.

Kreisklinik muss Abwasser nicht filtern

Die Kreisklinik Ebersberg darf ihre Abwässer ganz normal der kommunalen Kläranlage überlassen, bestätig Geschäftsführer Stefan Huber, vor allem auch deswegen, weil die Klinik keine Radiojodtherapie durchführe. Auch mit den Hausabwässern gelangen große Mengen Arzneimittel ins Abwasser, wenn sie unvernünftiger Weise im Klo hinuntergespült werden.

Die Suche hat begonnen

Die Bundesregierung bereitet erste Maßnahmen vor, um Flüsse und Seen in Deutschland besser vor sogenannten Spurenstoffen zu schützen. Dazu fand im Bundesumweltministerium Mitte Dezember die erste Sitzung eines neuen Expertengremiums statt, „das künftig regelmäßig begutachten wird, wie gefährlich einzelne Spurenstoffe sind. Außerdem sollen Hersteller und gesellschaftliche Gruppen bei mehreren Runden Tischen zusammenkommen“, wurde angekündigt. In einer einjährigen Pilotphase sollen demnach dort erste Maßnahmen entwickelt und testweise umgesetzt werden. Den Auftakt machte ein Runder Tisch zu Röntgenkontrastmitteln. Diese Mittel erschweren unter anderem die Trinkwassergewinnung. Spurenstoffe sind Chemikalien, die zum Beispiel beim Einsatz von Arznei- oder Pflanzenschutzmitteln sowie Wasch- und Pflegemitteln entstehen. „Diese Chemikalien lassen sich in Klärwerken kaum zurückhalten, weshalb sie häufig in die Umwelt gelangen“, bestätigt das Ministerium.

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