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„Der Bezirk hat die Aufgabe spät, aber doch erkannt, dass er eine Erinnerungspflicht hat“, sagt Grünen-Bezirksrätin Ottilie Eberl aus Grafing.

Isar-Amper-Klinikum München Ost bekennt sich zu seiner Vergangenheit

Euthanasie: Erinnerungen an eine Mordmaschine

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Am 1. Februar 1945 war das kurze Leben des Grafinger Buben Lorenz zu Ende. Der Siebenjährige starb in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Haar-Eglfing.

Ebersberg/Haar – Offizielle Todesursache des kleinen Buben: Lungenentzündung. Das behinderte Kind war Opfer der Nationalsozialisten geworden. Lorenz ist für Grünen-Bezirksrätin Ottilie Eberl aus Grafing nur eines von vielen Schicksalen, an die im Isar-Amper-Klinikum München Ost am Dienstag, 18. Januar, um 10 Uhr in einer Gedenkveranstaltung erinnert werden soll.

Erste Deportation am 18. Januar 1940

Am 18. Januar 1940 fand die erste Deportation von 25 Männern aus der Anstalt Haar-Eglfing in die Tötungsanstalt Grafeneck statt. Stunden später waren die Deportierten tot, sie wurden ermordet. Damit begann das dunkelste Kapitel des Klinikums, dessen Nachfolgeeinrichtungen des Bezirkes Oberbayern zum Teil auf dem historischen Gelände betrieben werden. „Auch das sogenannte Hungerhaus steht noch“, berichtet Eberl, die Mitglied ist im Beirat Arbeitskreis Erinnerungskultur. Die Nationalsozialisten hatten sich aufgeschwungen, Menschen in die Kategorien „lebenswert“ und „nicht lebenswert“ zu unterteilen.

Bezirk hat eine Erinnerungspflicht

Spuren des Greuels sind auf dem Gelände des Isar-Amper-Klinikums in Haar noch vorhanden. Hier Reste der Rampe, von der aus Patienten mit dem Zug in Tötungslager gebracht wurden.

„Mit Entsetzen blicken wir heute noch auf dieses Verbrechen“, schreibt die Klinikleitung in der Einladung zur Gedenkveranstaltung. „Die Aufarbeitung und Aufklärung dieser Verbrechen sind uns eine Verpflichtung.“ „Der Bezirk hat die Aufgabe spät, aber doch erkannt, dass er eine Erinnerungspflicht hat“, sagt Eberl. Dabei habe auch die Rücksichtnahme auf die Angehörigen der Opfer eine Rolle gespielt, es existierten deshalb wohl Berührungsängste mit dem Thema. „Es gab viele Tabus in den Familien.“

Orte des Schreckens: Grafeneck, Schloss Hartheim, Kloster Irrsee

Eberl hat im vergangenen Jahr drei Orte besucht, wo Euthanasieopfer getötet wurden: Grafeneck, Schloss Hartheim und Kloster Irrsee. Mit dem Leitungsteam des Betreuungszentrums Steinhöring fand im März 2019 eine Fahrt nach Schloss Hartheim in Österreich statt. Das Entsetzen „spürt man dort körperlich“, erinnert sich die Bezirksrätin. Dorthin seien Opfer aus der Anstalt Haar-Eglfing in grauen Bussen transportiert worden. „Zwei Stunden später waren sie tot.“

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Auch von Wasserburg fanden Transporte statt

Auch von Kloster Attel im Altlandkreis Wasserburg fanden Transporte statt. Zuerst nach Haar-Eglfing, dann nach Hartheim. 139 getötete Personen sind dokumentiert. Die Aktion lief unter dem Decknamen T 4, benannt nach der Zentraldienststelle zur Durchführung der Krankenmorde in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. „Unheilbar Kranke und Behinderte galten demnach als ,Ballastexistenzen’ ohne ,volkswirtschaftlichen Nutzen’, derer die Gesellschaft sich entledigen müsse“, informiert das NS-Informationszentrum München in einer Kurz-Biografie über den damaligen Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Haar-Eglfing, Hermann Pfannmüller. Der Arzt hatte sich demnach als Psychiater „am systematischen Mordprogramm der NS-Euthanasie“ beteiligt.

Täter waren nach dem Krieg weiter in der Psychiatrie tätig

Am 5. November 1949 wurde Pfannmüller zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Die dreijährige Internierungs- und Untersuchungshaft wurde ihm angerechnet. Die bürgerlichen Ehrenrechte und somit der Doktortitel blieben ihm erhalten, auch ein Berufsverbot wurde nicht erteilt, hat das NS-Dokumentationszentrum recherchiert. „Das Schlimme ist, dass die Täter nach dem Krieg weiter in der Psychiatrie gearbeitet haben“, sagt Eberl.

Anstaltsleiter im Prozess uneinsichtig

Die Münchner Abendzeitung berichtete in der Ausgabe vom Donnerstag, 20. Oktober 1949, über den Mordprozess gegen Pfannmüller. Der Angeklagte zeigte sich weitgehend uneinsichtig. „Der Euthanasiegedanke existiert seit Jahrtausenden. Der Gnadentod ist ein rein medizinisches Problem“, sagte er in der Verhandlung vor dem Schwurgericht zum Vorsitzenden Landgerichtsdirektor Hans Ackermann, berichtete die AZ. Auf die Frage des Richters, woher er den Auftrag nahm, Menschen zu ermorden, antwortete Pfannmüller wörtlich: „Ich tat es nach dem ungeschriebenen Recht aus meiner Pflicht als Arzt. In Amerika fragt auch niemand nach dem Recht.“

Trotz solcher Aussagen, die ein monströses Fehlen von Unrechtsbewusstsein dokumentieren, gibt es doch Hinweise darauf, dass den Verantwortlichen und auch dem Personal durchaus bewusst war, dass hier Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt wurden. So wurden die Busse, mit denen die Deportierten zur Tötung geschafft wurden, von einer euphemistisch so bezeichneten „Gemeinnützigen Krankentransportgesellschaft e. V.“ zur Verfügung gestellt und auch bei den Todesursachen bemühte sich das Mordregime, die wahren Sachverhalte zu verschleiern.

„Reichsausschuss-Behandlung“ war Todesurteil

In der Krankenakte des Grafinger Buben steht für den 28. Januar 1945 zu lesen: „Seit einigen Tagen Husten, Temperaturen, bronchitische Geräusche über beide Lungen, vereinzelt bronchiales Atmen.“ Das hat der Grafinger Stadtarchivar Bernhard Schäfer recherchiert. Am 16. Mai 1944 hatte die Ebersberger Gesundheitsbehörde entschieden, dass Lorenz „wegen gemeingefährlicher Geisteskrankheit“ weggesperrt gehört. Danach folgte die „Reichsausschuss-Behandlung“ – was einem Todesurteil gleichkam. Details dazu sind in der derzeit laufenden Ausstellung im Grafinger Stadtmuseum nachzulesen, die unter dem Titel „... von den Ereignissen zutiefst erfasst“ noch bis zum 16. Februar zu sehen ist.

Lorenz starb am 1. Februar 1945, und das Sterben des geistig behinderten Kindes war die Folge einer tödlichen Behandlung, die später den Namen „Luminal-Schema“ erhalten sollte. „Ein rotes Kreuz, von fachkundiger Hand auf den Fragebogen gezeichnet, setzte einen Mordmechanismus in Gang“, berichtet die Deutsche Apotheker-Zeitung dazu.

Luminal in Überdosis verabreicht

Den Kindern wurde mehrere Tage nacheinander dreimal täglich das Medikament „Luminal“ in jeweils leicht überdosierten Mengen verabreicht, ein Mittel gegen Krämpfe und in jedem Krankenhaus in größeren Mengen vorrätig. In Verbindung mit gleichzeitiger Unterernährung bekamen die Betroffenen davon eine Lungenentzündung, an der sie dann starben – angeblich eines natürlichen Todes, wie eben auch Lorenz, der siebenjährige Bub aus Grafing. Seine Eltern und auch seine Großmutter hatten noch vergeblich versucht, das Kind wieder heimzuholen, hat Schäfer herausgefunden.

„In Haar soll ein Gedenkort entstehen“, sagt Bezirksrätin Ottilie Eberl, die ihr berufliches Leben lang mit behinderten Menschen gearbeitet hat. Ein behinderter Bewohner des Betreuungszentrums Steinhöring sei es auch gewesen, der zufälliger Weise ihr Interesse an dem Thema Euthanasie geweckt habe. „Er hatte sich zu Weihnachten den Film „Nebel im August gewünscht“. Der Streifen handelt von einem 13-jährigen Halbwaisen, der, obwohl völlig gesund, in eine Irrenanstalt eingeliefert wird und dort sehr bald das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten durchschaut.

Ursberger Schwestern retteten Behinderte

Eberl hat im Zuge ihrer Recherchen herausgefunden, dass nicht alle Menschen, die in der Nazizeit mit Behinderten gearbeitet haben, sich fatalistisch in das staatliche Mordprogramm einfügten, dem mindestens 5000 Kinder und eine weitaus größere Zahl von Erwachsenen zum Opfer fiel. Ihr sind Fälle bekannt, in denen in Fendsbach im Landkreis Erding Ursberger Schwestern Behinderte erfolgreich versteckten, um sie vor der Todesmaschinerie zu bewahren.

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