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„Wir Menschen mit Behinderungen wollen am normalen Leben teilnehmen“: Gregor Schlicksbier.

10 000 Menschen mit Einschränkungen

Landkreis Ebersberg: Menschen mit Behinderungen immer noch ausgeschlossen

  • Max Wochinger
    vonMax Wochinger
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Im Landkreis soll „echte Teilhabe selbstverständlich“ werden. Eine Geschichte von drei Menschen, die fünf Jahre später noch immer ausgeschlossen sind.

Landkreis – An einem regnerischen Maitag sitzt Gregor Schlicksbier in seinem quietschblauen Rollstuhl vor dem Eingang zum Haus der Vereine in Zorneding. Am Aushang an der Fassade ist Werbung für Angebote der Volkshochschule. Viele Veranstaltungen finden in diesem Haus statt. Schlicksbier, 57, kann nicht teilnehmen: Das ehemalige Schulgebäude der Gemeinde ist nicht barrierefrei. Der Rollstuhlfahrer zieht an einer Zigarette. „Wir Menschen mit Behinderungen wollen am normalen Leben teilnehmen“, sagt er. 

Es ist nicht nur die zehn Zentimeter hohe Betonplatte vor dem Eingang. Der Ärger beginnt schon 50 Meter weiter vorne. Dort muss Schlicksbier, der seit einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt, auf den Gehweg. „Er ist aber oft von Autos zugeparkt“, sagt Schlicksbier, er ist auch Behindertenbeauftragter von Zorneding. Für ihn ist das ein Problem, weil die Bordsteinkante direkt vor dem Haus nicht abgesenkt ist. Es gebe zwar einen Sitzungssaal im Erdgeschoss, aber „nicht mal dahin“ komme er. Die Räume in den oberen Stockwerken: unerreichbar. Von den S-Bahnstationen will Schlicksbier gar nicht sprechen: Markt Schwaben, Poing und auch Zorneding sind nicht barrierefrei. 

Gregor Schlicksbier ist einer von über 10 000 schwerbehinderten Menschen

Gregor Schlicksbier ist einer von über 10 000 schwerbehinderten Menschen im Landkreis. Allein in der Gemeinde Zorneding leben 686 Menschen mit schweren Einschränkungen, wie aus Zahlen des Landratsamts hervorgeht. Das sind über sieben Prozent der Gemeindebevölkerung. 

Das Thema Inklusion habe einen hohen Stellenwert für den Landkreis, das steht im Demografiekonzept des Landratsamts von 2015. Für den barrierefreien Umbau der Landkreisschulen hat die Behörde in der Vergangenheit über 1,1 Millionen Euro ausgegeben. Ein Blick in das Demografiekonzept zeigt auch, dass viele selbst gesteckte Ziele nicht erreicht wurden. Eine Maßnahme aus dem Konzept: „Jede Kommune soll einen eigenen Behindertenbeauftragten haben.“ Auch fünf Jahre später ist das nicht der Fall: Von 21 Kommunen haben neun immer noch keinen Beauftragten. Der barrierefreie Ausbau ist übrigens Aufgabe der Gemeinden. 

Eine andere, beschlossene Maßnahme ist die „Wheelmap“. Es ist eine Karte mit rollstuhlgerechten Orten im Landkreis, sie wird von verschiedenen Stellen gepflegt. Wheelmap sollte im Landkreis bekannt gemacht und gefördert werden. Klickte man bisher auf der Internetseite der Landkreisbehörde den Link zur Karte, landete man im Nirgendwo. „Error 504.“ Der Link ist nun wieder erreichbar. 

Anton Schneid hat ein Demokratie-Problem

Anton Schneid hat ein anderes Problem, ein Demokratie-Problem. Schneid, 65, Pensionär, Zornedinger, ist seit seinem sechsten Lebensjahr nach einer Gehirnhautentzündung gehörlos. Er kann sprechen, manchmal verstehen ihn andere Menschen nicht. Vergangenes Jahr wollte er sich für den Gemeinderat aufstellen lassen. Nur, wer bezahlt im Falle einer Wahl den Gebärdendolmetscher? Gemeinde? Landkreis? Freistaat? Nach reiflicher Überlegung ließ es Schneid bleiben. „Das Problem ist auch, dass Gebärdensprachdolmetscher nicht immer schnell verfügbar sind“, sagt er. Monatelang müsse man vorausplanen. 

Eine Dolmetscherstunde kostet 75 Euro

In Bayern gibt es 15 000 Gehörlose und nur „etwas über 100 Dolmetscher“, sagt ein Mitarbeiter des bayerischen Verbands der Gehörlosen. Eine Dolmetscherstunde kostet 75 Euro, plus Fahrtzeit und Kilometerpauschale. Die Kosten müsse ein gehörloses Gemeinderatsmitglied selbst bezahlen, weil ein Gemeinderat wie in Zorneding ein Ehrenamt ist, sagt eine Mitarbeiterin des Bezirksverbands Hörgeschädigter Oberbayern. 

In Zorneding kennt Schneid sechs andere Gehörlose, im ganzen Landkreis schätzt er die Zahl auf 50 bis 100. Das Problem: Im Landkreis hätten Kommunikationsbehinderte keine Lobby. „Mir fehlen Gehörlosenvereine hier.“ Bisher wollten viele nicht für ihre Belange kämpfen: Gehörlose seien „bescheidene“ Forderer, sagt Schneid. Damit sei jetzt Schluss: „Wir wollen eine Akzeptanz als gleichwertige Bürger.“ 

Immerhin: Bei Bürgerversammlungen gab es bereits Dolmetscher

Schneid will Gebärdendolmetscher in den öffentlichen Gemeinderatssitzungen und besser geschultes Personal im Rathaus und Landratsamt. Immerhin: Bei Bürgerversammlungen in Zorneding gab es bereits Dolmetscher. 

Daniel Weil, 44, aus Ebersberg ist seit seiner Geburt blind. Sein Arbeitsweg führt in jeden Wochentag vorbei an Ampeln. Viele der Anlagen in Ebersberg haben keine sogenannte Blindensignalgeber, sagt Weil. Vor allem Ampeln an staatlichen Straßen seien oft nicht damit ausgestattet. Eine wichtige Ampel ohne Signalgeber stehe an der Münchener Straße in Ebersberg, unweit der Kreisklinik und eines Seniorenzentrums. 

Langsam fahrende E-Autos und Wagen mit Stop&Go-Technik sind ein Problem

Ampeln ohne Blindensignalgeber schalten meist nach zehn bis zwölf Sekunden um, sagt der Mitarbeiter des Landratsamts. Er hört Autos, wenn sie zum Stehen kommen. So weiß er, wann er die Straße queren kann. Langsam fahrende E-Autos und Wagen mit Stop&Go-Technik sind für den Mann ein Problem: Der Motor schaltet sich an der Ampel aus, Weil hört ihn nicht. 

Daniel Weil ist auch Zeuge davon, wie viel in seiner Stadt und anderswo im Landkreis bewegt wurde. „Vor 30 Jahren gab es in Ebersberg keine einzige Ampel mit Signalgeber“, sagt er. Anrufe beim damaligen Bürgermeister änderten das. Sein Arbeitsweg, gut einen Kilometer lang, wurde mit Signalanlagen ausgestattet. 

„Diese Einschränkungen leben Menschen mit Behinderungen jeden Tag“

Schlicksbier, Schneid, Weil – die Corona-Krise mit Abstandsregeln und Hygienevorschriften und anderen Einschnitten macht ihre Leben schwieriger. „Jeder Bürger konnte die Grenzen öffentlicher Teilhabe und starke Einschränkungen erleben“, sagt Gregor Schlicksbier. „Diese Einschränkungen leben Menschen mit Behinderungen jeden Tag“.

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