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Lokführer bei der S-Bahn ist ein Knochenjob. 

Wieder S-Bahnchaos im Landkreis Ebersberg

Knochenjob Lokführer: Nicht mal Zeit für die Toilette

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Das S-Bahnchaos im Landkreis reißt nicht ab. Erneut kommt es nach erheblichen Verspätungen zu Zugausfällen in Grafing-Bahnhof.

Landkreis – Keine Hilfe, kein Bahnpersonal, keine Durchsagen. Viele der Pendler schimpfen laut. Auch die Lokführer sind stinksauer. Kinder frieren in ihren Kinderwagen bei knapp über null Grad. Mütter wärmen sie. Eine Frau sagt, sie warte nun fast 60 Minuten auf einen Zug in die Kreisstadt. In dieser Woche haben Reporter des Münchner Merku r die S-Bahn im Landkreis getestet und das Fiasko selbst (erneut) miterlebt. Und sie haben mit Lokführern gesprochen. Das Ergebnis dürfte weder die Kunden noch die Bahn freuen. Es zeigt, dass das Unternehmen auch intern mit chaotischen Verhältnissen zu kämpfen hat.

Mittwoch, 9.45 Grafing-Bahnhof. Eine S-Bahn steht auf Gleis 1. Eigentlich hätte sie bereits vor knapp zehn Minuten in Ebersberg eintreffen sollen. Nun müssten die zirka 50 Fahrgäste den Zug verlassen. Nichts geht mehr. „Bitte nicht einsteigen“ erscheint nach fünf Minuten an der digitalen Anzeige im Abteil. Eine S-Bahn nach Ebersberg komme in sechs Minuten, gibt der Lokführer durch. Der Zugzielanzeiger zeigt zwölf Minuten an. Warten mussten die Fahrgäste 20 Minuten. Bescheid weiß niemand, wo es wann weitergeht.

Verwirrung am Bahnsteig

10 Uhr: Eine S-Bahn auf Gleis 2 in Richtung Tutzing, will abfahren, kann aber nicht, weil verwirrte Bahnfahrer einsteigen wollen. Sie denken, damit nach Ebersberg zu kommen. Derweil muss die Regionalbahn aus Wasserburg am selben Gleis rangieren. Erneut Verwirrung bei den Fahrgästen. Vielleicht fährt diese nach Ebersberg? Erst in 20 Minuten, heißt es.

Schon eine S-Bahn vorher, Abfahrt kurz nach 8 Uhr vom Hauptbahnhof München in Richtung Ebersberg, kommt es zu Verspätungen und sauren Kunden. Das gleiche mit einer S-Bahn, die um 9 Uhr 56 in Ebersberg eintreffen hätte sollen. Sie kommt mit 15 Minuten Verspätung und musste auf der Strecke gestrandete Kunden der vorausgegangenen und ausgefallenen S-Bahn aufsammeln.

Jetzt sprechen Lokführer - zumindest mit vorgehaltener Hand

Wir haben Lokführer zur Rede gestellt. Um sie zu schützen, verzichten wir auf Namen und welche S-Bahn wann sie gefahren haben. Denn reden dürften sie mit der Presse nicht. Firmenpolitik. Obwohl sie viel zu erzählen hätten, wie sie anklingen lassen. Sie könnten den Frust der Kunden nachvollziehen. Doch sie könnten an den Verspätungen nichts ändern, etwa wenn Signale, Weichen oder S-Bahnen kaputt gehen. 

Hier ein Kommentar von unserem Reporter: Weinende Kunden, ausfallende Züge und einen Hintern voller Schulden: Hallo Bahn, wir haben es satt!

Dass Züge ausfallen entscheide spontan die Zentrale. Daran müssten sich die Lokführer halten und das ebenso spontan an die Fahrgäste im Zug weitergeben. Oft würden Infos der Zentrale nicht mit den Anzeigen am Bahnsteig übereinstimmen. Über das Chaos intern könnte man nur den Kopf schütteln. Ein Lokführer ist gestresst, erzählt, dass er seit geraumer Zeit durchfahre, versuche Verspätungen gut zu machen und deshalb nicht mal Zeit habe, zur Toilette zu gehen. Viele Lokführer bekommen dann noch den Frust der Kunden ab.

Das sagt die Bahn

Unsere Redaktion hat die Bahn erneut zur Rede gestellt und gefragt, wie es zu den Zugausfällen kommt, wieso es keine Hilfe in Grafing-Bahnhof gibt und warum Lokführer derart belastet werden. Die verteidigt sich. Wehrt sich gegen „pauschale Vorwürfe“ zu denen sich das Unternehmen „nicht äußern“ könne. Die Ursachen für Verspätungen oder Zugausfälle seien sehr unterschiedlich und für den Einzelfall differenziert zu betrachten. 

„Neben Störungen an der Infrastruktur kämpfen wir regelmäßig auch mit externen Einflüssen“, schreibt einen Sprecherin. Eines sei dabei ganz klar: „Jede Störung, jeder Zug, der ausfällt oder verspätet ist, ärgert auch uns.“ Die S-Bahn München sei in den letzten Monaten komplett auf den Prüfstand gestellt worden, heißt es von der Bahn. Ziel: „Die Qualität für die Kunden im Hier und Jetzt verbessern“.

Zu den Vorfällen am Mittwochvormittag äußert sich die Sprecherin vorsichtig: Eine Zugüberholung und eine Signalstörung hätte für die Verspätung gesorgt, weshalb ein Zug „vorzeitig in Grafing-Bahnhof wenden musste“.

Dass es keine ausreichenden Informationen am Bahnsteig gegeben habe? „Unsere Fahrgäste fordern zurecht verlässliche und auf allen Kanälen konsistente Informationen, gerade im Störungsfall“, gibt die Bahnsprecherin selbst zu. Und: „Daher ist für uns die Verbesserung der Fahrgastinformation das zentrale Thema.“

Was ist hier passiert? Bahn bringt Kundin zum Weinen - gespenstische Szene in Grafing

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