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Seit 100 Jahren haben Frauen das Wahlrecht. Auch wenn es inzwischen weibliche Abgeordnete in Spitzenpositionen gibt, an der Basis sieht das oft anders aus, ergibt eine Bilanz der Heimatzeitung.

Nur jedes fünfte Gemeinderatsmitglied im Landkreis Ebersberg ist weiblich

Immer noch Männersache

Seit 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen – und gewählt werden. Was hat sich getan seit 1919? Zum Internationalen Frauentag am 8. März ziehen wir Zwischenbilanz. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Landkreis – Seit 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen – und gewählt werden. Was hat sich getan seit 1919? Zum Internationalen Frauentag am heutigen 8. März ziehen wir Zwischenbilanz. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Drastisch in der Minderheit

Susanne Schmidberger Stadträtin der Grünen in Ebersberg. 

In allen politischen Gremien im Landkreis Ebersberg sind Frauen noch immer – teils drastisch – in der Minderheit. „Es ist kein Spaziergang, als Frau in einen männerdominierten Stadtrat gewählt zu werden“, sagt Susanne Schmidberger. Man brauche schon „ein dickes Fell“. Die Ebersberger Grünenstadträtin spricht von überholten Machtstrukturen und einer „männlich geprägten Sitzungskultur“.

In der Kreisstadt Quote von 28 Prozent

Schmidberger ist eine von sieben Frauen im 25 Köpfe zählenden Stadtrat. Damit bringt es die Kreisstadt auf eine Quote von 28 Prozent. Ähnlich sieht es in Grafing, Steinhöring, Vaterstetten, Hohenlinden, Forstinning, Poing, Pliening, Moosach und Kirchseeon aus. Die dortigen Gemeinderäte kommen jeweils auf einen Frauenanteil von um die 30 Prozent.

Wenig Frauen in Gemeinderäten

Nur im Landratsamt ist es etwas ausgeglichener: Immerhin 37 Prozent der Ebersberger Kreisräte sind weiblich. Dagegen sitzt bei vielen Gemeinderäten höchstens auf jedem fünften Stuhl eine Frau. Etwa 20 Prozent der Gemeinderäte sind weiblich in Markt Schwaben, Anzing, Egmating, Zorneding, Glonn, Baiern, Emmering und Aßling. In Frauenneuharting sind es mit 15 Prozent noch weniger Frauen.

Schlusslicht Oberpframmern

Schlusslicht im ganzen Landkreis bildet Oberpframmern. Die Gemeinde kommt auf eine Quote von nicht einmal sieben Prozent. Hier sitzt nur eine einzige Frau mit am runden Tisch. Das ist Katrin Scheller. Die 33-Jährige ist seit elf Jahren als CSU-Gemeinderätin im Gremium. Auch als junge Frau habe sie sich zwar nie von ihren männlichen Kollegen herabgesetzt gefühlt. Dennoch hätte sie gerne Mitstreiterinnen. „Frauen gehen anders an Entscheidungen ran als Männer“, meint sie. Im politischen Alltag brauche man beides.

Frauen werden nach vorne gedrängt

Ähnlich erlebt es die einzige Bürgermeisterin im ganzen Landkreis, Angelika Obermayr in Grafing. „Ich bemerke keine Akzeptanzprobleme, und wenn doch, dann ignoriere ich sie“, sagt sie. Obermayr ist bei den Grünen, einer Partei, die sich von Anfang an absolute Parität auf die Fahnen geschrieben hat. Diese vehemente Quote habe sich im Nachhinein als gut herausgestellt, meint Obermayr. Denn durch sie seien Frauen nach vorne gedrängt worden. Von alleine würden sie oft nicht so stark zur Führung streben, sagt Obermayr. „Frauen sind oft sehr vorsichtig, was ihre eigenen Fähigkeiten angeht, Männer sind da mutiger.“

Überwiegend Männer bei der CSU

Marina Matjanovski CSU-Stadträtin in Ebersberg. 

Während bei den Grünen und auch bei der SPD in den Ortsverbänden im Landkreis Ebersberg viele Frauen politische Ämter bekleiden, sieht es in anderen Parteien deutlich schlechter aus. In der CSU sind zwar durchaus Frauen aktiv, in den ersten Reihen stehen aber überwiegend Männer. „Oft wird das Potenzial der Frauen von den Parteien zu spät erkannt und zu wenig gefördert“, meint Marina Matjanovski, CSU-Stadträtin in Ebersberg. Völlig unter sich sind Männer in vielen Gemeinden bei den Freien Wählern. Ausnahmslos alle Kreisräte der Freien Wähler sind Männer, ebenso sind die FW-Gemeinderäte in Ebersberg, Aßling, Kirchseeon, Markt Schwaben, Poing und Steinhöring durchweg männlich.

„Sehr gerne mehr auf der Liste“

Robert Wagner Vorsitzender der Parteilosen Wähler in Steinhöring. 

„Wir kämpfen schon um die Frauen, hätten natürlich sehr gerne mehr auf der Liste“, sagt Robert Wagner, Vorstand der Parteilosen Wählergemeinschaft Steinhöring. „Aber es ist sehr schwierig.“ Ohnehin sei die Lokalpolitik im Vergleich zu anderen Ehrenämtern nicht besonders hoch angesehen. Ganz besonders zögerlich seien Frauen. „Als Kommunalpolitiker wirst du schnell angreifbar, da brauchst du einen breiten Rücken“, sagt Wagner. Man sei der Kritik im Alltag ausgesetzt, in der Nachbarschaft, in der Kirche und beim Semmeln kaufen. Und diese Kritik käme nicht immer sachlich daher. „Frauen sind da vielleicht sensibler“, mutmaßt Wagner.

Frauen reagieren empfindlich

Ähnlicher Meinung ist Grafings Bürgermeisterin Obermayr. „Frauen reagieren oft empfindlich auf Kritik, während Männer sie eher als Herausforderung begreifen. Die Lust an der Auseinandersetzung ist eher männlich“, sagt sie. Umso mehr müssten Frauen dazu ermutigt werden. Das findet auch Gemeinderätin Scheller: „Frauen sollten sich selbst mehr Aufgaben zutrauen und dabei sie selbst bleiben. Wir müssen nicht wie Männer sein, um Erfolg zu haben. Wir werden mit unseren Stärken gebraucht.“

Gerechtere Politik

Stadträtin Schmidberger ist überzeugt: „Es wird konstruktiver, wenn Frauen dabei sind. Eine gerechtere Politik kann es nur geben, wenn diese von Frauen wie von Männern gestaltet wird.“ Hier müsse der Gesetzgeber handeln, also über Quoten für mehr Weiblichkeit in der Politik sorgen. Schmidberger: „Wir Frauen sind die Hälfte, ich sage, wir wollen auch die Hälfte der Macht.“

Seit 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen – und gewählt werden. Was hat sich getan seit 1919? Zum Internationalen Frauentag am heutigen 8. März ziehen wir Zwischenbilanz. Das Ergebnis ist ernüchternd.

VON UTA KÜNKLER

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