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„Es ist eine Mär, dass die Pflegeheimträger sich allesamt eine goldene Nase verdienen würden“, sagt der Heimleiter.

Heimleiter aus dem Landkreis reagiert auf EZ-Interview 

„Pflege ist eine der größten Planwirtschaften“

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Viel Zustimmung fanden die zwei Altenpflegerinnen, die im EZ-Interview ihren schwierigen Arbeitsalltag schilderten. Jetzt reagierte ein Heimleiter.

Landkreis - „Wie ausgequetschte Zitronen“ fühlten sie sich, sagten die Altenpflegerinnen aus den Landkreisen Ebersberg und Erding im Interview mit unserer Zeitung. Mit der Bitte, ebenfalls anonym bleiben zu dürfen, wandte sich jetzt ein Heimleiter an die Redaktion. Seine Gedanken überschrieb er selber mit einem abgewandelten Zitat von Gustav Heinemann: „Eine Gesellschaft ist so viel wert, wie sie ihre alten Menschen behandelt“. Nachfolgende Auszüge aus seiner umfänglichen Stellungnahme:

„Wenn es zu Berichten über Seniorenheimen kommt, in denen es nicht so gut läuft, lautet der Tenor zumeist, dass der Personalschlüssel unzureichend ist (und der Betreiber hat Schuld!) und so die schlechten Arbeitsbedingungen aus Profitgier verursacht. Dem ist nicht so. Der professionelle Pflegebereich ist wohl eine der größten Planwirtschaften in unserem Lande. Kaum eine Branche wird so kontrolliert und reguliert. Es ist eine Mär, dass die Pflegeheimträger sich allesamt eine goldene Nase verdienen würden. Und dennoch leistet die ganz große Mehrheit der Pflegenden und auch der Pflegeheimträger und deren Leitungskräfte gute Arbeit!“

Ferner heißt es: „Zunächst möchte ich dem entgegentreten, dass es im Bereich des Pflegeschlüssels keine Transparenz gäbe. Im Gegenteil. Der Pflegeschlüssel für jedes Haus ist bis auf die zweite Stelle nach dem Komma festgelegt.“ Dieser sei kein Geheimnis und werde von den Behörden auch entsprechend kontrolliert. Kein Heimbetreiber würde diesen dauerhaft unterschreiten. Natürlich gebe es Betreiber und Leitungskräfte, die ihre Aufgaben nicht richtig ausübten, aber die Ursache für manchmal schwierige Arbeitsbedingungen liege oft woanders, schreibt der Heimleiter. Eine stationäre Einrichtung mit einem guten Pflegegradmanagement und ausgeschöpften Personalschlüssel habe an sich ausreichend Personal, eine menschenwürdige Pflege zu garantieren.

Aber woran liegt es nun?

„Einmal liegt es zum Beispiel an unsinnigen Vorgaben seitens des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen; Anm. der Red.). Dessen Mitarbeiter haben oftmals die neue, entbürokratisierte Pflegedokumentation nicht verstanden. Zu viele Behörden und Institutionen reden mit rein. Und am Ende weiß keiner mehr, was er wie genau zu dokumentieren hat und macht lieber viel zu viel als zu wenig. Und zu allem Überfluss scheinen manche Mitarbeiter des MDK ihre eigenen Richtlinien und Begutachtungsvorgaben nicht zu kennen. Dann fällt die Pflegegraderhöhung eben flach und die eigentlich angedachte Personalschlüsselerhöhung aus.“

Auch liege es an den Angehörigen und Bewohnern selbst, so der Heimleiter. Es gebe zum Beispiel die Möglichkeit, dass die Heimbetreiber zusätzliches Personal (auf den üblichen Schlüssel drauf) mit den Kostenträgern vereinbarten. Jedoch werde dieses nur teilweise umgesetzt. Warum? „Klar, weil es die Heimkosten etwas erhöhen würde und die Heimbetreiber dann entweder deutlichen Gegenwind ernten oder Bewohner das Heim wechseln und in ein billigeres Haus ziehen (müssen auf Befehl ihrer Kinder, die ums Erbe fürchten).“

Manchmal hake es auch an den Mitarbeitern selber. Mitarbeiter, die unflexibel seien in ihrer Ablaufgestaltung; Mitarbeiter, die mehr an ihre regelmäßigen Kaffee- und Rauchpausen denken würden als an ihre Bewohner und Mitarbeiter, die bei nicht genehmer individueller Dienstplangestaltung den „gelben Schein“ bemühten. Anschließend überreichten sie diesen dem Vorgesetzten „mit einem breiten Grinsen und offensichtlich bester Verfassung. Idealerweise dann auch erst zehn Minuten vor Dienstbeginn.“

Dass es zudem in der Altenpflege auch viele Pflegekräfte gebe, die von Arbeitsämtern oder anderen Institutionen in die Altenpflege geschoben worden seien, obwohl sie nicht dafür geeignet sind, sei ebenso ein offenes Geheimnis. „Aber ich möchte hier noch einmal ausdrücklich betonen: dies ist eine kleine Minderheit, die aber das große Ganze sehr schnell sehr negativ beeinflussen kann.“

Das deutsche Arbeitsrecht ist in den Augen des Heimleiters keineswegs so arbeitgeberfreundlich, wie oft kolportiert wird. Sich von solchen Mitarbeitern zu trennen, sei kaum möglich bis sehr teuer. Die große Mehrheit der Pflegekräfte leiste engagierte, liebevolle und hervorragende Arbeit.

„Wenn ich lese, wie eine Pflegefachkraft jahrelang für einen unterdurchschnittlichen Lohn sich ausquetschen lässt – dann kann ich nur sagen: Selbst schuld. Die Auswahl an Stellen mit einem vernünftigen Gehalt (gibt es ernsthaft noch Pflegefachkräfte, die hier für 2400 Euro für eine Vollstelle arbeiten?) ist ausreichend vorhanden. Auch sind die Gehälter für Pflegehelfer im Artikel unrealistisch niedrig angegeben.“

Der Heimleiter stimmt den interviewten Pflegekräften in der Einschätzung zu, dass das Pflegestärkungsgesetz für die stationären Einrichtungen tatsächlich eher ein Pflegeschwächungsgesetz sei. „Wir mussten erleben, dass es relativ schnell zu Personalminderungen führte. Ein pflegebedürftiger, aber halbwegs fitter Bewohner hat halt jetzt nur noch den Pflegegrad 2 statt Pflegestufe 1. Und dies führt zu weniger Personal.“

Zum Schluss fragt der Heimleiter eher rhetorisch: „Was würde passieren, wenn Bundeskanzlerin Merkel im Wahlkampf eine Erhöhung der Pflegeversicherung um ein Prozent ankündigen würde, um wirklich monetäre Verbesserungen für die Pflege zu finanzieren?“

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