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„Der Clown ist eine Figur, bei der es um das Scheitern geht“: Andreas Schantz bei einem Auftritt vor Flüchtlingskindern.

Interview mit einem Clown ohne Grenzen

"Du musst den Anderen treffen"

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Ebersberg - Andreas Schantz (49) engagiert sich seit 20 Jahren als Clown und bringt Menschen zum Lachen, die es besonders schwer haben. Mit den „Clowns ohne Grenzen“ tritt er in Flüchtlingslagern und Krisengebieten auf, als Klinikclown besuchte er schwerkranke Menschen.  Ein Interview.

Herr Schantz, wovor haben Sie Angst?

Andreas Schantz: Fast vor allem (lacht). Natürlich habe ich Angst davor, kein Geld mehr verdienen zu können oder krank zu werden. Die ganze übliche Palette an Ängsten, die man so herunterrattern kann. Ich habe auch oft Angst vor Begegnungen oder vor der Bühne.

Inwiefern?

Schantz: Der Clown ist eine Figur, bei der es um das Scheitern geht. Und auch bei mir gibt es die Angst zu scheitern, dass das nicht funktioniert, was man macht. Ich komme vom Straßentheater und habe am Anfang vieles gemacht, das überhaupt nicht ging. Entweder du erreichst die Leute und sie bleiben stehen oder eben nicht. Und das ist natürlich Mist, wenn du keine Bremse für die Leute findest.

Wie bekommen Sie die Aufmerksamkeit traumatisierter Zuschauer wie den Flüchtlingen?

Schantz: Das ist oft sogar leichter. Vor den Flüchtlingen hast du als Clown den Exoten-Bonus. Viele haben noch nie eine Clown-Show gesehen. Dann wirken wir wirklich wie vom Mond gefallen.

"Vor den Flüchtlingen hast du als Clown den Exoten-Bonus."

Im Mai spielt Ihre Gruppe vor Flüchtlingen in der Türkei, das Thema ist „Angst“. Welche Angst?

Schantz: Wir werden nicht auf das Kriegsthema aufspringen, sondern eher mit einfachen Dingen spielen. Manchmal kracht es hinter dir, weil etwas runtergefallen ist, und du erschrickst. Ich würde keine konkreten Kriegsszenen vor Leuten spielen, die im Krieg waren. Aber das Motiv Angst kann man durchaus benutzen. Wenn ein Thema im Publikum steckt und man spielt damit, dann finde ich das richtig.

Was, wenn es nicht funktioniert? In dem Film „Happy Welcome“, der von Ihrer Tournee durch Aufnahmelager in Deutschland handelt, gibt es eine Szene, in der eine Frau mit ihrem Kind im Publikum sitzt. Sie verzieht bei dem Auftritt keine Miene und geht irgendwann.

Schantz: Ja, das hat mich getroffen. Sie war wie unberührbar. Und das ist schon gewaltig, wenn jemand wie ein Fels dasitzt und du merkst, der lässt nichts an sich heran. In so einem Fall muss man sich bewusst sein, wo man spielt. Ich bin ja für meine Bühnenshow verantwortlich und kann nicht das Publikum verantwortlich machen.

In einer anderen Szene sitzen Sie erschöpft auf dem Randstein, wirken ausgelaugt. Dann ziehen Sie weiter. Woher nehmen Sie die Kraft?

"Die Bühne ist ein magischer Ort": Andreas Schantz.

Schantz: Keine Ahnung (überlegt). Ich spiele seit über 20 Jahren. Da ziehe ich etwas raus. Vielleicht ist es das. Die Bühne ist schon ein magischer Ort. Diese Bündelung von Aufmerksamkeit, wenn man vor vielen Leuten spielt, bewegt einen und kann dich vielleicht auch wandeln. Das hat ein Potential in zwei Richtungen. Du kannst über Bühnenarbeit auch unglaublich deformiert werden – diese typischen Starallüren, dass du irgendwann glaubst, du bist etwas ganz besonderes. Das nenne ich Deformation.

Die Bühne als magischer Ort: Gilt das auch für das Publikum?

Schantz: Ja. Ein Theaterbesuch kann magisch sein. Manchmal kommt etwas hoch, von dem alle getroffen werden und das nächste Mal an derselben Stelle passiert es nicht. Wenn es wirklich zündet, ist das wie ein Geschenk.

Gab es Momente, in denen Sie Schwierigkeiten hatten, Ihre Rolle als Clown durchzuziehen? In denen Ihnen der Humor vergangen ist?

Schantz: Ja. So etwas gibt es zum Beispiel als Clown in der Klinik. Manchmal gehst du in ein Zimmer und denkst dir: ‚Oh Gott, das arme Kind.‘ Die Kunst ist, das Kind zu besuchen und nicht die Krankheit.

"Die Kunst ist, das Kind zu besuchen und nicht die Krankheit."

Wie schafft man das? 

Schantz: Du musst den Anderen treffen. Das geht eigentlich nur über Begegnung. Das Einfache, Kindliche im Anderen suchen und versuchen, eine Verbindung herzustellen. Emotionale Berührung ist für mich das Hauptthema des Theaters. Wichtig ist, dass ein Austausch stattfindet.

Geht das durch die Clownsmaske leichter? 

Schantz: Dieses Maskentum ist ein sehr alter Code, etwas archaisches. Die Maske hat die Macht, etwas zu überspringen.

Schützt Sie die Maske auch?

Schantz: Ich glaube schon. Aber wenn ich nicht aufmache, bekomme ich auch nichts zurück. Wenn man nicht bereit ist, sich verletzen zu lassen, bleibt man alleine.

Haben Sie sich auch schon zu weit geöffnet? 

Schantz: In den Jahren, in denen ich für die Klinikclowns gespielt habe, habe ich mich öfter gefragt, wo die Grenze ist. Es gab einen Patienten auf der Mukoviszidose-Station, den wir über Jahre begleitet haben. Wir sind uns so oft begegnet, und in diesem Fall hat sich die Clownsfigur mit etwas Privatem vermischt. In so einem Fall ist es besser, wenn man die rote Nase mal abnimmt und privat nochmal hingeht. In dem Moment bin ich als Clown zu privat geworden.

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