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Linda Madl ist stellvertretende Betreibsleiterin der Bayerischen Staatsforsten. Für die 38-Jährige ist es ein Traumjob. Im Ebersberger Forst leitet sie die Drückjagd an diesem Donnerstag Ende November.

Linda Madl, stellv. Betriebsleiterin der Staatsforsten

„Jagd ist extrem emotional“

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Jäger verbringen Stunden in der Kälte im Forst. Wir waren einen Tag dabei. 

Landkreis – Das letzte Laub der Buchen raschelt im Winterwind. Linda Madls Augen streifen durchs Dickicht: links, rechts, links, rechts. Schneestücke fallen von den Ästen auf den Waldboden wie sanfter Hagelschauer. Madl legt ihr schwarzes Jagdgewehr an. Dann Stille. Irgendwo schreit ein Vogel. Ist da was? Dort hinten, 50, vielleicht 60 Meter hinter den kahlen Fichten? Madl steht auf dem Hochsitz, ein paar zusammengenagelte Latten. Das Holz ist teils mit Eis überzogen. Sie rührt sich keinen Millimeter. Ihren rechten Zeigefinger hat sie neben dem Abzug ihres Blaser R93 mit Schalldämpfer platziert.

Zwei, drei, vier Sekunden vergehen. Dann ein dumpfer Knall im Ebersberger Forst. Der Schlag dröhnt an Madl vorbei. Sie blinzelt, dreht den Kopf. Irgendwo, ein paar hundert Meter weg, muss jemand geschossen haben. Madl setzt ab, sagt: „Nichts. Nur der Wind.“

Linda Madl ist 38 Jahre. Sie leitet an diesem eisigen Dienstag im November eine revierübergreifende Drückjagd mit über 80 Jägern im Forst in einen Gebiet von 10 000 Hektar. Die stellvertretende Betreibsleiterin der Bayerischen Staatsforsten sagt: „Eine Jagd ist extrem emotional.“ Immer, wenn sie Tiere erschießt, direkt danach, hält sie inne, denkt nach, beruhigt ihren Puls. Adrenalin komme automatisch, erzählt sie. „Es wäre fatal, wenn nicht.“ Zu jagen sei ihre berufliche Pflicht. Eine „Dienstaufgabe“, gesetzlich bestimmt, professionell ausgeführt. Und ihre persönliche Überzeugung. Es ist ihr Traumberuf. Wieso das so ist, wird sie später erzählen. Erst muss sie ihre Hände, sie trägt keine Handschuhe, aufwärmen.

Seit knapp zwei Stunden steht sie auf dem Jägerstand und scannt das Gelände. Es sind die ersten richtigen Wintertage unter null Grad. Eigentlich sollten die Durchgeher, das sind Jäger-Kollegen, mit ihren Hunden vorbeikommen und Rehe, Wildschweine und Hirsche aus ihren Verstecken scheuchen. Doch von Hunden fehlt jede Spur. Nicht mal deren Bellen hallt durch den Wald. „Ärgerlich“, findet Madl. Denn ihr Platz, mitten im Forst, etwa zwei Kilometer von der Hohenlinder Sauschütt entfernt, liege gut, weit weg von einer befahrenen Straße. Tiere müsste es zwischen den Bäumen im Gestrüpp Hunderte geben. „Sie sind auf jeden Fall da“, sagt Madl. Rehe tarnen sich unter Tannen.

Dass Madl ein solches Reh erschießt, damit habe sie kein Problem. Dennoch: Ein Tier zu töten sei nichts, dass man einfach so mal mache. Madl hat Forstwirtschaft studiert. Das Jagen ist in ihrer Branche automatisch mit dabei. Und gejagt werden müsse, sagt sie.

Sie erklärt: „Ziel ist es, dass natürliche Baumarten geschützt werden.“ Zu viele Rehe etwa würden Wald, vor allem junge Pflanzen „kaputtbeißen“.

Bestimmte Tierarten dürften in ihrer Population nicht zu sehr wachsen. Wildschweine zum Beispiel werden aktuell immer mehr. Weil sie zu viel Futter finden. Und mehr Wildschweine wandern aus dem Wald, zerstören Felder und Wiesen oder gefährden Menschen in den Siedlungen.

Madl trägt eine dicke, orange-leuchtende Fleecejacke und eine gefütterte Spezialhose mit dicken Knöpfen am Rand über ihre eigentliche Hose. Ihre brünetten Haare haben der Wind und die Wanderung durch den verschneiten Wald zerzaust. Immer wieder knallt es im Wald. Ein, zwei, drei Kilometer entfernt haben andere Jäger mehr Erfolg.

Madl sagt, ihr Beruf ist viel mehr, als mit einem Gewehr im Wald zu stehen. Sie müsse Natur und Tiere wie ihre Hosentasche kennen, wissen, wann Tiere gefährliche Krankheiten haben oder Bäume beschädigt sind. Sie liebt die Natur, verbringt viel Zeit draußen, deshalb hat sie sich dafür entschieden. Den Respekt gegenüber Natur und Tieren lerne man nicht nur im Studium und in der Praxis. Wenn Madl ein Tier erlegt, sei es „nach dem Schuss ein wertvolles Lebensmittel“. Ein Nebeneffekt, wenn man so will, dass die geschossenen Tiere verarbeitet und als Delikatesse verspeist werden. Zu Weihnachten besonders. An diesem Tag werden am Abend acht Wildschweine, 34 Rehe und fünf Hirsche auf der Strecke bei der Hohenlinder Sauschütt. Die Tiere werden sofort verarbeitet und auf Cäsium-Belastung geprüft; Folgen des Reaktorunglücks von Tschernobyl 1986. Es riecht säuerlich neben der Hütte der Staatsforsten. Eine Wildsau liegt neben Rehen und Hirschen. Sie hat einen Bauchschuss abbekommen, der Geruch von Magensaft zieht um die Hütte, brennt in der Nase.

Zurück am Hochsitz, Stunden vorher: Madls Handy klingelt. Der Wecker will sagen, 11 Uhr, Jagdende, Mittagspause. Die 38-Jährige schnauft, holt drei Patronen aus ihrem schwarzen Gewehr. Das Plastik der Waffe ist angenehm, nicht zu kalt und vor allem „nicht so schwer“, sagt sie und klettert vom Stand. Sie zeigt auf Spuren im Schnee, sagt: „Heute Nacht waren Rehe hier.“ Auf einem Schleichweg 150 Meter neben dem Stand fährt ein Auto. Madl schaut. „Wieder einer, der sich nicht daran hält.“ Eigentlich sind an diesem Tag der Wald und die Staatsstraße gesperrt. Zu gefährlich, dass es zu Jagdunfällen kommt. Madl schlendert durch das Gestrüpp. Vor ihr ist der Schnee aufgeschoben, schwarzer Waldboden, ein kleines Loch. Rehe haben hier nach Futter gesucht. Madl sagt: „Es gibt Jäger, die keine Rehe schießen.“ Es seien persönliche Gründe, vielleicht spielten auch größere Emotionen bei diesen Tieren ein Rolle. „Wie gesagt, eine Jagd ist extrem emotional.“

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