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Großer Auftritt auf der Bühne der Staatsoper: Karls Mutter (Okka von der Damerau) in der Robe aus der Poinger Werkstatt.

Aus der Staatsoper 

Ein Kleid aus Knochen

Woher kommen eigentlich die Kulissen und Requisiten der Bayerischen Staatsoper? Aus einer Werkstatt im Landkreis.

Poing/München – Die Stimmung ist düster. Die Bühne der Bayerischen Staatsoper in München ist in Schwarz getaucht, der Boden ist mehr ein Becken, voll mit Wasser, im Hintergrund ist ein riesiger Schädel an die Wand projiziert. 60 Musiker sitzen auf Stühlen im Orchestergraben. Die Geiger streichen über ihre Instrumente, hinzukommen die Bläser. Melancholische Klänge. Ein Opernsänger trägt merkwürdige, helle Klamotten mit Ziffernblättern darauf. Eine Frisur, wie früher Punks sie hatten. Es ist Karl V. Der Kaiser. Er ist aufgebracht. Die riesigen Spiegel an beiden Seiten der Bühne verdoppeln sein zerrüttetes Innenleben. Neben ihm steht seine Mutter Juana. Sie gibt ihrem Sohn einen Apfel. Mit Wurm. Ein Sinnbild für seine gescheiterte Herrschaft. Juana trägt ein Kleid. Nicht am Körper, sondern vor sich her. Sie rollt es quer über die nasse Bühne. Es sieht aus wie ein Kleid aus Knochen. Schwer, rustikal, wie ein organischer Schutzmantel.

Die Bühnenelemente kommen aus Poing

Wie das Kleid und die anderen Bühnenelemente entstehen, wissen die Zuschauer bei der Premiere von „Karl V.“ an diesem Sonntag nicht. In detailverliebter Arbeit wurden sie in der Requisitenwerkstatt der Staatsoper in Poing gebaut.

Poing, Industriegebiet, 3. Dezember. Draußen im kalten, ungemütlichen Wetter begrüßt eine riesige, diktaktorisch wirkende Statue die Mitarbeiter und Besucher der Requisitenwerkstatt. Esther Glück steht in einer großen Werkstatt, zwischen Adonis-Büste und Styropor-Säule. Hier ist eingeheizt. Die Bühnenplastikerin kniet sich vor einem merkwürdigen Gebilde auf den Boden. Weiß und geschwungen ist es, mit Rollen am Saum. Mit einem langen Messer schneidet die 52-Jährige Teile aus Kunststoff zurecht. Ritsch, Ratsch. Die weißen Schnipsel fallen wie Schnee zu Boden. Sie arbeitet an dem Kleid für die Opernsängerin aus Karl V. Es ist aber noch lange nicht fertig.

100 Stunden wurde an dem Kleid gearbeitet.

Vor gut einem Jahr war die Besprechung mit den Bühnenbildnern, erzählt Glück. Ein Kleid für Juana, eine Königin, sollte es werden. Eine Zeichnung der Bühnenbildner auf einem kleinen Denkzettel zeigt ein undefinierbares Gekritzel.

Esther Glück setzte sich mit dem Opernstück auseinander, formte die Figur in ihren Gedanken. Sie guckt das unfertige Kleid an. „Ich stelle mir eine Spielkarte vor, die Herzdame“, sagt die Künstlerin. Die Knochen stünden für etwas Archaisches, für eine Mutter-Kind-Beziehung.

Ihre Hände zeugen von viel Arbeit

Auf dem Boden sitzend klebt die Bühnenplastikerin mit einer Schaumpistole zwei Teile aneinander. Ihre Sicherheitsschuhe sind von weißer Farbe bekleckert. Die Hände zeugen von viel Arbeit. Ein Kollege repariert gerade einen mächtigen Kronleuchter. Nervenzehrende Miniaturarbeit.

Esther Glück, schulterlange braune Haare, roter Lippenstift, hellgrüner Pulli, liebt ihre Arbeit. Sie geht auch immer zu den Generalproben vor den Premieren in die Staatsoper. „Wenn ich meine Plastiken auf der Bühne sehe, ist das schon immer ein magischer Moment“, sagt die studierte Gestalterin. Auf der Bühne wirken ihre Plastiken immer ganz anders, sagt sie. „Regisseure verwenden die Bühnenelemente in ihren eigenen Sinn.“ Bei jeder Premiere sei sie gespannt. Seit 25 Jahren. So lange arbeitet sie schon in der Werkstatt der Staatsoper.

Über ihren Job in der Plastikerwerkstatt ist sie froh. Ihr Abteilungsleiter lege viel Wert auf Details, sagt Glück. Nicht jede Requisitenwerkstatt arbeite so aufwendig.

„Bei uns gibt’s Schreiner, Raumausstatter, Maler, Plastiker und Schlosser“

Das Kleid, an dem Glück gerade sägt, ist aus Polyethylen und PU-Schaum. Das tragende Gestell hat ein Schlosser gemacht – ebenfalls hier in der Werkstatt. „Bei uns gibt’s Schreiner, Raumausstatter, Maler, Plastiker und Schlosser“, sagt Glück.

Sie legt das Messer beiseite, und führt durch die großräumigen Hallen. Erst in die Schreinerei, eine luftdurchflutete Werkstatt, die herrlich nach frischgesägtem Holz riecht. Weiter geht’s in die Schlosserei und zu den Raumausstattern. Hier werden gigantische Vorhänge und Tücher mit mobilen Nähmaschinen auf Rädern genäht. Bei den Malern ist im Moment keiner da. In der Endfertigungshalle kommen alle zusammen. Dort verschrauben Mitarbeiter gerade die Holzrahmen für die großräumigen Spiegel. Jedes Bühnenbild wird hier einmal zusammengebaut, und dann in Einzelteile für den Transport in Gitterboxen zerlegt.

Die Requisitenwerkstatt ist ein Spielplatz für Handwerker

Insgesamt sägen, schleifen und pinseln in den Werkstätten 60 Mitarbeiter. Sie müssen experimentieren, und sich kluge Lösungen einfallen lassen. Oft unter Zeitdruck. Rucksäcke mit einem Stachel daran etwa, wie von einem Skorpion. Oder Fallböden, aus denen Stichflammen kommen. Die Requisitenwerkstatt ist ein Spielplatz für erwachsene Handwerker und Künstler.

In weitläufigen Hallen im Gewerbegebiet in Poing entstehen große Würfel aus menschenähnlichen Puppen für Richard Wagners Ring des Nibelungen oder riesige, von der Decke hängende Ringe für Giacomo Puccinis Turandot. Weltkultur am Rand des Ebersberger Landkreises.

Zurück in der Bühnenplastik. Das rollende Kleid für Karl V. muss noch in Form geschnitzt und lackiert werden, sagt Esther Glück. Das würde noch dauern.

Nach 100 Stunden Arbeit ist Glück fertig

Anderthalb Monate später, Mitte Januar, ist sie schließlich fertig mit dem rollenden Bühnenteil. Nach 100 Stunden Arbeit. Plus die Zeit, die der Schlosser für das Gestell gebraucht hat. Viel Aufwand, für dass, das Kleid nur drei Minuten auf der Bühne stehen wird. Das Kleid sieht nun aus, als ob es aus echten Knochen wäre. Schwer ist die Plastik, sagt Glück. Vorsichtig hebt sie das Stück mit einer Kollegin in eine hölzerne Kiste. „Es ist ziemlich empfindlich“, sagt die Künstlerin, und bindet schwarze Haltegurte um das knochenartige Kleid.

In einer Holzbox wird die Plastik nach München in die Staatsoper gebracht.

Esther Glück guckt nochmal kurz auf ihr Werk, und schließt die Holzkiste zu. Sie geht nun auf Reise. In einen der weißen Lkw mit dem markanten „Staatsoper“-Schriftzug auf den Containern. Sie fahren die Bühnenbilder, Requisiten und Plastiken auf der A94 an den Max-Joseph-Platz in München. Dort kommt das Kleid in die Kostümabteilung.

Was Esther Glück als nächstes bauen muss, weiß sie noch nicht. Arbeit gibt’s genug, jedes Jahr feiern rund acht Opernstücke Premiere. Erst einmal aber räumt sie ihren Arbeitsplatz auf und schleift die Messer.

Der Opernsängerin gefällt das Kleid

Zu den Proben holen die Mitarbeiter das Kleid wieder aus der Holzkiste. Die Sängerin Okka von der Damerau spielt Juana, die Mutter, die das Kleid trägt. Ihr gefällt das Kleid sehr gut. „Es wirkt wie ein Kokon, wie ein Schutzraum für die schutzlose, komplizierte Mutter“, sagt die Opernsängerin kurz vor der Premiere. Jeder Zuschauer könne, je nach Stimmung und Gefühl, das er in den Opernsaal mitbringt, die Bühnenbilder und Plastiken selbst interpretieren. Das sei das Schöne an der Oper, sagt Okka von der Damerau: „Es gibt kein Richtig und kein Falsch.“

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Von Max Wochinger

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