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Eine weibliches Wildschwein (Bache) und ein Frischling (links): Auf den ersten Blick wirken die Tiere zahm, doch es seien laut Jagdexperten wilde und gefährliche Tiere. Ein Angriff auf Menschen könne tödlich enden.

Jäger sprechen

Der Landkreis hat nicht nur eine Problemsau!

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Ja, der Klimawandel hat seine Finger überall im Spiel. Er sorgt mit für mehr Wildschweine im Landkreis. Und die sorgen für Ärger. Nun sprechen Jagdexperten. 

Als Konrad Metzger von seinem Ansitz auf das Wildschwein vor sich schießt, ist es elf Uhr nachts. Der Mond scheint, sorgt für nötiges Licht. Es knallt. Treffer. Es ist ein weiblicher Frischling, eine junge, 35 Kilogramm schwere Wildsau, die tot am Waldrand liegt. Am Hang einer Viehweide bei St. Christoph an der Landkreisgrenze. Dass Metzger genau das Schwein getroffen hat, sei gut, wie er sagt: „Sehr gut!“ Im Frühjahr schon hätte das Tier Junge bekommen, schätzt der Jäger. 

Metzger ist Vorsitzender der Kreisgruppe Ebersberg des Bayerischen Jagdverbandes. 700 Mitglieder zählt diese im Landkreis. Die Wildschweine – in der Fachsprache: Schwarzwild – am Vermehren zu hindern, sei momentan extrem wichtig. Denn: Der Landkreis hat ein Schwarzwild-Problem.

Ein Wildschwein ist kein kuscheliges Haustier!

Im Landratsamt beobachteten Experten den Anstieg der Wildschwein-Population seit Jahren. Doch so schlimm wie 2018 sei es noch nicht gewesen. Und: Ein Wildschwein ist kein „kuscheliges Haustier“, sagt Gerhard Griesbeck, Jagdexperte im Landratsamt. Ein Wildschwein sei eben ein wildes Tier und könne für die Menschen gefährlich werden. Für Ärger sorgt die Sau bei den Landwirten, weil sie Felder und Wiesen aufwühlt und verwüstet.

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Griesbeck erklärt, wie es dazu kommt: Wildschweine habe es im Landkreis schon immer durch den Forst gegeben. Bis 2013 sei die Population überschaubar gewesen. Doch seit fünf Jahren etwa breiten sich die Tiere aus und vermehren sich. „Schweine erkunden Wälder und Felder, und durchwühlen die Böden“, sagt Griesbeck. Damit machen sie viel kaputt, weil sie tief mit der Schnauze ins Erdreich graben. Sie suchen Lebensraum für ihre Gruppe und den Nachwuchs. Und davon gibt es im Landkreis viel.

Paradiesische Verhältnisse in unserem Landkreis

Griesbeck spricht gar von „paradiesischen Verhältnissen“ für das Schwarzwild im Kreis. Er nennt vier Gründe: Weil die Fichte weniger im Wald werde, gebe es mehr Mischwald – damit verschiedene Pflanzenarten an Futter. In diesem Jahr sei Futter wie etwa Eicheln im Übermaß vorhanden. Das liege am warmen Sommer. Die Temperaturen spielen aber noch eine weitere Rolle. Durch den Klimawandel ist es ganzjährig wärmer, die Winter fallen nicht mehr – wie früher – so lange so kalt aus. Das bedeutet, dass Wildschweine mehr Futter in den weniger gefrorenen Böden finden. Und damit mehr Tiere überleben. Die nötige „natürliche Auslese“ falle weg.

Mehr Futter, weniger Kälte, bessere Verstecke: all das führe dazu, dass die Tiere fitter seien und sich besser vermehren könnten, sagt Griesbeck. Zwar könne man keine Zahlen nennen, wie viele Tiere im Kreis – ausgenommen ist der Wildpark – leben, dennoch ist sich der Jagdexperte sicher, dass die Population steige. Das unterstreichen die Abschusszahlen. 2012 erlegten Jäger 51 Tiere, 2013 71 Tiere und 2017 bereits 206 Wildschweine. In zwölf Fällen waren die Tiere im letzten Jahr auf die Straße gelaufen und haben für einen Verkehrsunfall gesorgt. 2012 gab es zwei Verkehrsunfälle mit Schweinen.

Wird zukünftig mehr gejagt? 

Dass die Tiere sich ausbreiten und keine Scheu zeigen, konnten Ebersberger im vergangenen Jahr erleben. Ein 100-Kilo-Wildschwein spazierte im Dezember durch die Kreisstadt. Ein Jäger suchte den Keiler, ein männliches Schwein, und erlegte es.

Kreisgruppenchef Metzger kennt die Gefahren. Er sagt, dass im Landkreis im Vergleich zu anderen Kreisen verhältnismäßig wenig Wildschweine geschossen würden. Im Landkreis Eichstätt seien das bis zu 3000 Tiere pro Jahr – also 2800 mehr. Die Tiere würden nachts durch den Landkreis Ebersberg wandern, erzählt der Jäger und betont, dass es schwer sei, die Routen der Tiere herauszufinden. Jagdexperte Griesbeck ergänzt: Durch den vermehrten Maisanbau habe Schwarzwild außerdem zusätzliche Verstecke. Um mehr Tiere zu erlegen, bräuchte es eigentlich mehr groß angelegte Jagdtage. 

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Doch eine Drückjagd, bei der Jäger mit Hunden die Tiere aus dem Dickicht im Wald treiben, sei aufwendig. Ganze Gebiete inklusive Straßen müssten gesperrt werden. Dafür sei die Jägerschaft zuständig, nicht der Landkreis, sagt Griesbeck. Dennoch stimme sich die Behörde regelmäßig mit Jägern, Waldbesitzern und Landwirten ab. Weil die Schäden durch Wildschweine mehr werden, bekommt das Thema langsam politische Präsenz. Die Bejagung soll intensiviert werden, soll es aus Ministerien heißen. „Ob das reicht, wird sich zeigen“, sagt Griesbeck.

Konrad Metzger sitzt so lange auf seinem Jägersitz im nordöstlichen Landkreis. Dass er Wildschweine bald wieder vor sein Gewehr bekommt, da ist er sich sicher. Er muss nur warten, zur Not die halbe Nacht.

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