Vier, die zusammenhalten: Andreas und Senta Meyer aus Egmating mit ihren Töchtern Magdalena (13, li.) und Johanna (7). Foto: SUSANN NIEDERMAIER
+
Vier, die zusammenhalten: Andreas und Senta Meyer aus Egmating mit ihren Töchtern Magdalena (13, li.) und Johanna (7).

Optimismus trotz Widrigkeiten

Inklusionsbeauftragte, Aktivistin, Mutter: Senta Meyer aus Egmating

„Alles wird gut“: Mit diesen drei Worten beginnt Senta Meyer aus Egmating jeden Tag. Die Familie trafen mehrere Schicksalschläge in den vergangenen Jahren.

Egmating – Das Leben stellt Senta Meyer (39) vor viele Herausforderungen. Trotzdem beginnt sie jeden Tag mit drei Worten: „Alles wird gut.“ Seit acht Jahren wohnt Senta Meyer mit ihrer Familie im Egmatinger Ortsteil Neumünster. Engagiert sich im Gemeindeleben, initiierte mit Erfolg eine Elterninitiative gegen eine Rennstrecke zwischen Neumünster und Münster. Ist verheiratet mit Andreas (46), die beiden haben zwei Töchter: Magdalena (13), die körperlich und geistig beeinträchtigt ist und Johanna (7), gesund geboren. Vor drei Jahren überlebte Andreas einen Schlaganfall.

Der Tisch in der Wohnküche ist liebevoll gedeckt, in Schüsselchen locken Schokoladenlebkuchen, Kaffeeduft zieht durch den Raum. Vieles ist selbst gemacht in der Wohnung, Andreas ist kreativ und als Landschaftsgärtner handwerklich geschickt. Senta wuchs in einer Kartoffelschnapsbrennerei in Altkirchen bei Sauerlach auf, der Vater war Brennmeister, die Mutter Zahnarzthelferin.

Das kleine Mädchen war anders als andere Kinder

Mit 22 Jahren lernte sie Andreas kennen, die beiden heirateten, drei Jahre später wurde Senta schwanger. Zunächst erlebte sie eine normale Schwangerschaft, doch Magdalena kam zu früh zur Welt. Dass das kleine Mädchen anders war als andere Kinder, schimmerte durch, als es sich im fünften Lebensmonat weder drehte, noch krabbelte. Die Kleine fing mit knapp über zwei Jahren erst zu laufen an, sprach schlecht. Frühförderung mit Logopädie, Heilpädagogik und m Krankengymnastik: „Ich habe nur noch drei Tage, gearbeitet, um Zeit für die Therapien zu haben“, sagt Meyer.

Als die Tochter drei Jahre war, bekam sie epileptische Anfälle, krampfte, bis der Notarzt kam. Jetzt nimmt sie Medikamente. „Sie kann gut damit leben.“ Gleichzeitig die Diagnose: Epilepsie, Entwicklungsverzögerung, Sprachentwicklungsstörung. „Magdalena ist jetzt 13, von der geistigen Entwicklung her aber nur halb so alt“, sagt die Mutter.

Wunsch nach zweiten Kind: Ärzte diagnostizierten das Wiederholungsrisiko bei 20 bis 25 Prozent

Die Meyers wollten ein zweites Kind. Die Ärzte diagnostizierten das Wiederholungsrisiko bei 20 bis 25 Prozent. „Wir dachten uns: selbst wenn das zweite Kind wieder so wird wie Magdalena, dann haben wir den Joker unter den Behinderungen gezogen“, sagt Senta Meyer. „Sie kann wandern, sich in Drei-Wort-Sätzen einigermaßen ausdrücken und hoffentlich später ein selbstständiges Leben in einem betreuten Wohnheim mit Werkstätte mit ihren Freundinnen leben.“ Johanna kam gesund zur Welt. Lernt lediglich etwas langsamer als andere Kinder.

Liebt die Mutter beide Töchter gleich intensiv? Sie wird still. „Ich liebe jedes Kind auf eine andere Weise und gebe das, was das einzelne Kind an Liebe zulässt“,sagt sie dann. „Johanna mag knuddeln, Magdalena darf ich nicht mehr Liebe geben, als sie verkraftet, vor allem darf ich sie nicht zu lange drücken.“ Jetzt wirkt sie ein wenig traurig und in der Stille der Wohnküche hallen unausgesprochene Worte leise nach.

Ihr „Alles wird gut“ löst die Spannung, diesmal klingt es, als spreche sie sich selbst Mut zu. Für sich hat sie wenig Zeit. Während Johanna in der Comenius-Schule in Grafing und Magdalena im Betreuungszentrum Steinhöring sind, arbeitet Senta in der Buchhaltung einer regionalen Brauerei.

Senta Meyer: „weit weg von einer guten Integration behinderter Menschen“

Außerdem ist sie Inklusionsbeauftragte in Egmating. „Wir sind noch weit weg von einer guten Integration behinderter Menschen“, sagt sie, die weiß, wovon sie spricht. Zwei Themen sind ihr wichtig: „Nicht um jeden Preis integrieren, denn: Einzelne Kinder haben es schwerer in normalen Kindergärten oder Schulen. Besser Zweier-Pärchen bilden oder vier Kinder, die anders sind, gemeinsam eingliedern.“ Als zweiten Punkt hat Senta Meyer den Ausbau von Kontakten zu Menschen mit Einschränkungen auf ihre Agenda geschrieben. „Wir müssen die Menschen hinführen zu den Behinderten“, findet sie.

Manchmal träumt sie von Auszeiten. „Ich würde so gerne mit meinem Mann zwei Wochen wandern“, gesteht sie und fügt leise an: „Mal ohne Kinder.“ Glücklich wäre sie schon über ein Wochenende auf dem Münchner Jakobsweg, Richtung Allgäu. Irgendwie wird sie zumindest diese kleine Auszeit schaffen. Denn neben „Alles wird gut“, leitet sie ein weiterer Satz: „Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe.“

SUSANN NIEDERMAIER

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare