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Japan zu Gast in Egmating: Das Fernsehteam dreht auf dem Feld von Siegmund Adlmeier (li.)

Gezüchtete Insekten im Einsatz bei Beerenlandwirt Sigmund Adlmeier 

Die Dicken machen ihren Job

Ein japanisches Fernsehteam war in Egmating zu Gast, um über Artensterben zu berichten und die Maßnahmen zu zeigen, die dagegen unternommen werden.

Egmating Vorsichtig krabbelt die Dicke durch den Schlitz der gelben Transportbox ans Licht, ganz sicher tragen ihre sechs Beine sie noch nicht. Unbeschadet überstand sie die Reise, dank Zuckerlösung am Boden der Schachtel. Jetzt folgt sie dem natürlichen Instinkt und dem süßen Duft, den tausende Erdbeerblüten verströmen. Die Dimension des ökologischen Auftrags, den sie hier auf den Beerenfeldern in Egmating zu erfüllen hat, erschließt sich ihr nicht.

Beerenlandwirt Sigmund Adlmeier (54) erwartete die Hummel und 7000 ihrer Artgenossinnen sehnsüchtig seit Tagen. Mit ihm begrüßt ein Team des japanischen Senders „Japan Broadcasting Corporation“ die Bestäuber, die Fritz Höfler vom Netzwerk Bee-Sharing eben aufs Erdbeerfeld brachte. Der Kameramann richtet sein Filmgerät auf die gelbe Box, Regisseur Satoshi Sakamoto sagt einen Satz auf Japanisch. „Zzzz“, zoomt die Kamera das schwarz-gelbe Insekt nah heran, der Hummel ist das egal.

180 Blüten (Nüsschen) hat eine einzige Erdbeerblüte. Diese müssen alle bestäubt werden, um eine vollständige Frucht zu erhalten

„Herr Sakamoto und sein Team drehen einen Dokumentarfilm für eine wissenschaftliche Sendung für Kinder und Erwachsene über das weltweite Insektensterben und dessen Auswirkungen und Methoden, dagegen zu halten“, erklärt Dolmetscherin Annette Erbe. Sie studierte Japanologie, zwei Wochen lang begleitet sie das japanische Fernsehteam durch die Bundesrepublik. „Ich möchte den Ernst der Bedeutung des Insektensterbens, des Schmetterlingssterbens und des Vogelsterbens für den Menschen hervorheben mit meinem Bericht, aber auch zeigen, wie es anders funktionieren könnte“, sagt Redakteur Sakamoto.

In Deutschland recherchiert Sakamoto, weil es hier jahrelang bereits Forschungen zum Insektensterben gibt. Zudem will er von Adlmeier Erfahrungen mit Zuchtbestäubern hören, doch der Beerenbauer fängt mit dem Projekt gerade erst an. Adlmeier baut zwar seit 40 Jahren auf sieben Hektar Fläche Erdbeeren an und seit zwei Jahren auf weiterem Land auch Blaubeeren. Doch erst in diesem Jahr bekommen erstmals gezüchtete Insekten den Auftrag, 30 000 Erdbeerpflanzen pro Hektar zu bestäuben. Wichtig ist ihr Dienst auch auf den jungen Blaubeerfeldern. Dort werden die Zuchtinsekten in den kommenden Wochen 15 000 Kübel mit hochwachsenden Kulturblaubeerpflanzen bestäuben.

Honigbienen nicht geeignet

Mauerbienen fliegen bereits ab plus acht Grad und sind standorttreu. Honigbienen dagegen sind weg, wenn sie süßen Raps riechen.

„Honigbienen sind für die Blaubeerfelder nicht geeignet“, informiert Insektenexperte Höfler. „Ihre Rüssel sind zu kurz, um zu den Pollen im Inneren der glockenförmigen Blaubeerblüten zu gelangen.“ Fürs Bestäuben orderte Adlmeier deswegen Hummeln bei ihm, die mittels Vibration die Blüten bestäuben – und Mauerbienen. „Mauerbienen fliegen bereits ab plus acht Grad und sind standorttreu. Honigbienen dagegen sind weg, wenn sie süßen Raps nur riechen“, sagt Höfler. Sakamoto nickt, sein kleines Notizbuch füllt sich mit japanischen Schriftzeichen. Höfler informiert ihn über die Gefahren der Monokulturen in Deutschlands Osten. „Weizenfelder dort, soweit das Auge reicht, bis zum Horizont, da wandern ganze Völker von Bienen und Hummeln ab. Auch Mais-Monokulturen spricht Höfler an, die ebenfalls insektenfreie Wüstenlandschaften verursachen.

„Wissen Sie, dass das Insektenvorkommen in Deutschland um 76 Prozent zurückgegangen ist – das sagten uns Wissenschaftlern auf unserer Reise“, fragt Sakamoto in die Runde. Adlmeier zeigt sich erstaunt: „Das habe ich noch nie gehört, aber wir steuern ja dagegen.“ Wie das konkret aussieht, will Sakamoto wissen. „Wir lassen an den Feldrändern das Gras wachsen, und zwischen den Reihen mit Pflanzkübeln auf den Blaubeerfeldern wird nicht gemäht“, sagt Adlmeier. „Sind die Insekten hier bei Ihnen auf den Feldern ebenfalls viel weniger geworden“, fragt Sakamotos nach. „Ja, leichte Rückgänge sind zu verzeichnen“, sagt Adlmeier.

„Das ist eine Naturbiene“

Höfler hat mehr Informationen: „Der Artenschwund ist nicht wegzudiskutieren, doch hier ist die Welt mit 25 bis 30 Prozent Wildbetäubung noch einigermaßen in Ordnung.“ Adlmeier zeigt auf ein einzelnes Insekt: „Da ist eine Naturbiene.“ Sakamoto weist den Beerenbauern auch auf die Krefelder Studien hin, die ihn zu seinem Filmprojekt inspirierten. Die Krefelder hatten mit ihrer Studie auf ein drastisches Insektensterben hingewiesen: Demnach ist die Biomasse aller Fluginsekten zwischen 1989 und 2016 um 76 Prozent (im Hochsommer bis zu 82 Prozent) zurückgegangen. Langzeit-Erhebungen in 63 deutschen Schutzgebieten hatten das ergeben, dafür werteten die Krefelder Forscher den Inhalt von Insektenfallen aus.

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Die Dicke hat ebenfalls keine Ahnung vom Stand des Insektensterbens, was sie treibt ist reiner Instinkt. Auch die große Bedeutung ihres Auftrages hat sie nicht verstanden, sie ist auch die falsche Adresse dafür. So breitet sie unschuldig die transparenten Flügel aus und hebt ab in Richtung Blüten. Von japanischer Seite ist zum Start des gelb-schwarzen Brummers ein freudiges „Hai, hai, hai“ zu hören. (Hai bedeutet: ja). Sakamoto ist zufrieden, der Dreh ist gelungen. Die drei Japaner verbeugen sich mehrfach vor Adlmeier, bedanken sich höflich. Die Hummel lässt sich auf einer Blüte nieder, ihre Artgenossen erholen sich in der Box von der Reise. Weitere Bienen und Hummeln summen nicht über den Blüten, das Insektensterben geschieht leise.

Susann Niedermaier

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