+
„Es ist schwierig, einen Kassensitz zu bekommen, das funktioniert nur, wenn man einen Arzt findet, der seine kassenärztliche Praxis aufgibt und verkauft“: Ivana Seso.

Ivana Seso (48) hat eine Praxis eröffnet

Nach 22 Jahren: Egmating hat wieder eine Ärztin

Nach 22 Jahren hat die Gemeinde Egmating wieder eine Ärztin im Ort. Ivana Seso (48) eröffnete jetzt ihre Praxis.

Egmating Der Kittel schafft Distanz. Diesen traditionellen Abstand, den der weiße Mantel seit seiner Erfindung im späten 19. Jahrhundert zwischen Arzt und Patient erzeugt, will Ivana Seso (48) nicht. Nähe und Vertrauen sind der Ärztin wichtig, wenn sie mit ihren Patienten spricht.

Ruhig liegen ihre Hände auf der glatten Fläche des Schreibtisches, vor ihr ein Stethoskop und ein Blutdruckmessgerät. Die Praxisuhr zeigt 14 Uhr. In einer Stunde beginnt die Sprechstunde der Ärztin, die sich Anfang Oktober in Egmating niederließ.

Ivana Seso ist gebürtige Kroatin, stammt aus einer Ärztefamilie, beide Eltern sind Allgemeinmediziner. War da noch Raum für eine eigene Berufsentscheidung? „Die Entscheidung, Ärztin zu werden, traf ich völlig aus eigenem Antrieb, mir gefällt der Dienst am Menschen, vielleicht habe ich auch ein kleines Helfersyndrom“ meint sie und lacht. Bereits während der Gymnasialzeit zeigte sie enormen Willen, erkor sich Chemie, Physik und Biologie als Lieblingsfächer und schrieb beste Noten. „Einen Numerus Clausus wie in Deutschland gibt es in Kroatien nicht, dafür eine strenge Aufnahmeprüfung“, sagt die Ärztin. Von den 1000 Abiturienten, die sich zeitgleich mit ihr an der Uni Zagreb bewarben, erhielten 120 einen Studienplatz, einschließlich Seso, die Platz 18 belegte.

Nach Medizinstudium, Facharztausbildung und Approbation (staatliche Zulassung zur Berufsausübung als Arzt) arbeitete sie zwei Jahre in einer Praxis im ländlichen Bereich nahe Zadar. Fand den Mann fürs Leben, wurde zweifache Mama und widmete sich einige Jahre ihren Kindern. Als diese größer waren, führte sie zusammen mit ihrem Vater zehn Jahre dessen Praxis für Allgemeinmedizin in Zadar. Nachdem ihr Mann, ein Informatiker, einem spannenden Berufsangebot nach Deutschland folgen wollte, überbrückte das Ehepaar samt Kinder zwei Jahre mit anstrengenden Hin-und Her zwischen Kroatien und Deutschland. Dann entschied Ivana Seso, mit den Kindern zusammen ihrem Mann nach Bayern zu folgen und hier als Ärztin zu arbeiten.

Ende 2015 erhielt sie die Approbation für Deutschland und ihre Facharztanerkennung. Um zu sehen, ob und worin sich die ärztliche Arbeit in einer niedergelassenen Praxis in Kroatien und in Deutschland unterscheidet, bot sie einem Arzt in Gars am Inn an, sechs Wochen honorarfrei zu hospitieren. Der wiederum bot Ivana Seso im Anschluss eine Festanstellung als Assistenzärztin an. Nach einem Jahr entschied Ivana Seso, sich selbständig zu machen, was nicht so einfach war. Auf ihrem anstrengenden Weg war sie mit einer Reihe behördlicher Hindernisse konfrontiert. Die überwand sie geduldig, mit konstantem Blick auf ihr Ziel. „Es ist schwierig, einen Kassensitz zu bekommen, das funktioniert nur, wenn man einen Arzt findet, der seine kassenärztliche Praxis aufgibt und verkauft“, betont Seso. Durch einen Zufall hörte sie, dass ein Glonner Internist und Allgemeinmediziner seinen Kassensitz verkaufen wollte. Normal hätte Ivana Seso nach Einigung mit ihm dessen Praxis in Glonn weiterführen müssen. Eine Praxis innerhalb eines Landkreises in eine andere Gemeinde zu verschieben ist, wie Seso sagt, laut Vorschrift erst nach fünf Jahren möglich. Doch der Glonner wollte in seinen Praxisräumen weiter Privatpatienten behandeln. So konnte Seso zwar die kassenärztliche Praxis erwerben, hatte aber keine Praxisräume.

Weil sich die Bürgermeister des südlichen Landkreises in regelmäßigen Abständen treffen und sich intensiv austauschen, erfuhr der Egmatinger Gemeindechef Ernst Eberherr im Juli dieses Jahres von der Ärztin, die sich in eigener Praxis niederlassen will. Ab diesem Zeitpunkt war Alarmstufe Rot im Egmatinger Ratszimmer angesagt und von diesem Moment an gab es kein Halten mehr für Eberherr. 22 Jahre hatten der Bürgermeister und ganz Egmating auf diesen Moment gewartet – also genau so lange, wie das Gemeindeoberhaupt im Ehrenamt für die Gemeinde tätig ist. „Eine Arztpraxis direkt im Ort, das ist ein Glücksfall für die Gemeinde“, strahlt Rathauschef Eberherr im Gespräch mit der Ebersberger Zeitung über das Ereignis, an dessen glücklichem Ausgang er maßgeblich beteiligt war.

Behördliche Mühlen mahlen, ähnlich den kassenärztlichen Vereinigungen, eher langsam als schnell. „Hier musste aber alles sehr schnell gehen, wir hatten bis zur geplanten Praxiseröffnung im Oktober nur drei Monate Zeit, um Praxisräume zu finden“, betont Eberherr. Als die Raiffeisen-Volksbank Ebersberg in Egmating ihre Türen vor einigen Jahren zusperrte, war niemand im Ort so recht glücklich darüber. Manchmal erweisen sich aber Ereignisse, die im Augenblick Ärger erregen, im Nachhinein als Glücksfall – wie im Falle der seit Jahren leestehenden Raiffeisenbank. Eberherr nahm Kontakt mit der Genossenschaftsbank auf, Gemeinde und Kreditinstitut wurden sich einig und Egmating kaufte das untere Stockwerk des Gebäudes. Die Gemeinde ließ die Räumlichkeiten umbauen.

Zurück in die Praxis, es ist kurz vor 15 Uhr. Die Praxismitarbeiterinnen sind längst da, im Gang hört man erste Patienten kommen. In wenigen Minuten beginnt die Sprechstunde. Ivana Seso wird, je nach Beschwerden, den ersten Patienten mit dem Stethoskop abzuhören oder seinen Blutdruck messen. Zuvor wird sie sich aber Zeit nehmen und ein intensives Gespräch mit ihm führen. Einen Kittel braucht sie dazu nicht.

Susann Niedermaier

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

E-Mobilität: Energiewende im Landkreis Ebersberg gescheitert?
Was eine Million Elektroautos mit Vorurteilen von Ebersbergern und Einfamilienhäusern zu tun hat.
E-Mobilität: Energiewende im Landkreis Ebersberg gescheitert?
Willkommen in der „Mibe“
Willkommen in der „Mibe“
Ebersberger (87) stolpert auf die Straße und wird von Auto überrollt
Ein 87-jähriger Mann ist am Freitag, 22. Februar, am Marienplatz gestolpert und auf die Fahrbahn gestürzt. Ein Autofahrer erfasste ihn  mit verheerenden Folgen.
Ebersberger (87) stolpert auf die Straße und wird von Auto überrollt
Benjamin aus Grafing
Benjamin heißt das 100. Kind, das in diesem Jahr in der Kreisklinik auf die Welt gekommen ist. Der Bub ist das vierte Kind von Carola und Torben Puhlmann aus Grafing. Er …
Benjamin aus Grafing

Kommentare